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Tiktok droht Verbot in USARächt sich Trump für das Tulsa-Desaster?

Der US-Präsident will die Kurzvideo-App verbieten. Offiziell befürchtet er Datenmissbrauch durch China. Doch der wahre Grund dürfte banaler sein – aber einleuchtend.

In den USA gibt es die These, dass hinter Trumps Groll gegen die App ein ebenso banaler wie einleuchtender Grund stehen könnte: Tiktok-Nutzer sorgten dafür, dass nur wenige seiner Anhänger an seine Wahlkampf-Veranstaltung in Tulsa kamen.
In den USA gibt es die These, dass hinter Trumps Groll gegen die App ein ebenso banaler wie einleuchtender Grund stehen könnte: Tiktok-Nutzer sorgten dafür, dass nur wenige seiner Anhänger an seine Wahlkampf-Veranstaltung in Tulsa kamen.
Foto: Reuters

Die Ankündigung von Donald Trump, das soziale Netzwerk Tiktok in den USA zu verbieten, war kurz. Sie hätte sich auch für ein Video auf der Plattform selbst geeignet, die bekannt ist für ihre 15-Sekunden-Clips: «Ich habe diese Macht. Ich kann es mit einer Präsidentenverfügung tun», sagte der US-Präsident am Freitagabend. Denkbar sei auch eine wirtschaftliche Notstandsverordnung, um der chinesischen App mit fast 40 Millionen Nutzern in den USA den Stecker zu ziehen.

Ihr Vorgehen gegen Tiktok begründet die US-Regierung mit Sicherheitsbedenken. Es wird befürchtet, dass die App die Daten von amerikanischen Nutzern nach China überspielt. Die Firma bestreitet das. Die Server stünden gar nicht in China, teilte sie mit. Zudem versuchte Tiktok zuletzt, sich einen möglichst amerikanischen Anstrich zu geben. So wurde im Mai der ehemalige hochrangige Disney-Mitarbeiter Kevin Mayer als neuer Geschäftsführer angeheuert.

Tiktok ist nach dem Netzwerkausrüster Huawei eine weitere Firma, die zum Streitpunkt in den erodierenden Beziehungen zwischen den USA und China geworden ist. Auch Huawei wird von der amerikanischen Regierung als Sicherheitsrisiko angesehen, weshalb sie eine regelrechte Lobbykampagne betreibt. Zum Teil mit Erfolg: Im Juli hat der britische Premier Boris Johnson Huawei aus dem Vereinigten Königreich verbannt.

Tiktok-Unternehmen ist 75 Milliarden Dollar wert

Die Beziehungen zwischen den USA und China sind so schlecht wie seit den 1970er-Jahren nicht mehr. Tiktok liefert zwar – anders als Huawei – keine kritische digitale Infrastruktur, dafür aber Netzkultur «made in China». Es sei überdies ein mögliches Spionagewerkzeug für Chinas Regierung, erklärt die US-Regierung. Bereits Ende 2019 hatte Washington Militärangehörigen untersagt, die App auf ihre Dienstgeräte zu laden.

Bekannt ist Tiktok für seine Kurzvideos. Diese dauern meist nur rund 15 Sekunden. Genug Zeit, um einen Purzelbaum zu schlagen oder in ein Schwimmbecken zu hechten. Genutzt wird die App überwiegend von Teenagern. Während der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Ausgangsbeschränkungen ist ihre Popularität weltweit gewachsen.

Mehrheitlich gehört sie dem Unternehmen Bytedance mit Sitz in Peking. Dieses ist ausserhalb Chinas fast völlig unbekannt, obwohl es längst in einer Liga mit Giganten wie Google, Apple und Facebook spielt. Analysten schätzen den Wert von Bytedance auf mehr als 75 Milliarden Dollar.

Privatsphäre und Sicherheit sind auf unserer Plattform geschützt. China hat keinen Zugriff auf Nutzerdaten.

Vanessa Pappas, Generaldirektorin von Tiktok USA

Tiktok ist weltweit auf 175 Märkten aktiv und in 65 Sprachen erhältlich. Die App ist auch in Europa sehr beliebt. Tiktok zeigt sich bemüht, öffentlich deutlich zu machen, was ein Verbot der Plattform in den USA bedeuten würde. In einer Videobotschaft sagte Vanessa Pappas, Generaldirektorin für den amerikanischen Markt, sie sei stolz auf die 1500 Mitarbeiter in den USA, die jeden Tag an dem Produkt arbeiteten.

Weitere 10’000 Arbeitsplätze wolle das Unternehmen in den kommenden drei Jahren schaffen. Man sei ein Zuhause für Künstler und Kreative. «Wir gehen nirgendwo hin», sagte Pappas kämpferisch. Und: «Privatsphäre und Sicherheit sind auf der Plattform geschützt.» Die chinesische Regierung habe keinen Zugriff auf Nutzerdaten, und sie habe dies auch nie verlangt. Die Daten würden in den USA gespeichert und verarbeitet.

Ob das zutrifft, ist umstritten. In Europa zum Beispiel stimmte das zuletzt nur in Teilen. Im Januar räumte der damalige Tiktok-Chef Alex Zhu Fehler ein und sagte, dass Moderatoren in China Videos auf deren Inhalt überprüft und gelöscht hätten. Zuvor hatte es geheissen, dass keine Daten nach China fliessen. Zudem ist die Gesetzeslage dort eindeutig: Firmen sind per Gesetz unter gewissen Umständen im Ausland gezwungen, die staatlichen Behörden in China zu unterstützen.

Vor allem bei Jugendlichen sehr beliebt: Die Kurzvideo-App Tiktok.
Vor allem bei Jugendlichen sehr beliebt: Die Kurzvideo-App Tiktok.
Foto: Reuters

Seit einiger Zeit bemüht sich Tiktok zunehmend, sich vom chinesischen Mutterunternehmen zu distanzieren. Als in Hongkong im Juni das umstrittene Staatssicherheitsgesetz verabschiedet wurde, zog das Unternehmen sich medienwirksam aus dem dortigen Markt zurück, angeblich um die Herausgabe von Nutzerdaten zu verhindern. Die Sonderverwaltungszone Hongkong war bis dahin der einzige Ort in China, an dem Nutzer die App herunterladen konnten. Im Rest des Landes wird Tiktok zensiert.

Ein Verbot oder ein Verkauf von Tiktok in den USA deutet sich schon länger an. US-Aussenminister Mike Pompeo hatte bereits Anfang Juli von einer möglichen Sperre von chinesischen Apps gesprochen. Letzten Mittwoch gab US-Finanzminister Steven Mnuchin im Beisein von Präsident Trump bekannt, dass die Regierung die Plattform durch den Ausschuss zur Kontrolle von Auslandsinvestitionen in den USA begutachten lasse.

Und am Freitag berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg, der Softwarekonzern Microsoft verhandle über den Kauf des US-Geschäfts von Tiktok. Das würde Microsoft auf dem Markt der sozialen Medien mit einem Schlag zu einem ernsthaften Rivalen für Facebook oder Youtube machen. Allerdings soll Präsident Trump einem Verkauf skeptisch gegenüberstehen.

Bei Trumps Wahlkampfveranstaltung in Tulsa haben Nutzer von Tiktok die Mannschaft des US-Präsidenten hinters Licht geführt.

In den USA gibt es die These, dass hinter Trumps Groll gegen die App ein ebenso banaler wie einleuchtender Grund stehen könnte. Im Juni hatten Nutzer der Plattform dazu beigetragen, dass viele Plätze bei einer Wahlkampfveranstaltung von Trump in Tulsa, Oklahoma, leer blieben. Sie hatten sich für kostenlose Tickets registriert, ohne jedoch die Absicht zu haben, die Veranstaltung zu besuchen.

Für Trump war der Anlass in Tulsa von enormer Bedeutung, sie sollte seine Rückkehr auf die grossen Bühnen des Wahlkampfs signalisieren. 19’000 Menschen passten in die Halle, und vor dem Auditorium war noch eine weitere Bühne errichtet worden, um den vermeintlichen Ansturm kontrollieren zu können.

Die grosse Zahl der Bestellungen liess Trumps Team jubilieren. Eine Million Kartenwünsche seien eingegangen. Was Trumps Team nicht merkte: dass es von den Nutzern von Tiktok hereingelegt worden war. Lediglich rund 6000 Menschen fanden sich zu der Veranstaltung in Tulsa ein. Es war eine Blamage für den US-Präsidenten. Die geringe Besucherzahl hatte sicherlich auch mit der Angst vieler Menschen zu tun, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Aber es waren unzweifelhaft die Nutzer von Tiktok, die Trumps Mannschaft hinters Licht geführt hatten. Der Präsident ist bekanntlich äusserst nachtragend.

Peking protestiert gegen US-Drohung

In China verbreiteten die Staatsmedien am Wochenende die Videobotschaften von Tiktok in den USA. Bereits am Donnerstag hatte ein Sprecher des Aussenministeriums in Peking gesagt: «Die USA stellen eine Schuldvermutung auf und drohen chinesischen Unternehmen ohne Grund.» Die USA sollten allen Marktteilnehmern ein «offenes, gerechtes und nicht diskriminierendes Umfeld» bieten.

Das war insofern eine bemerkenswerte Aussage, als ausländische Techunternehmen in China fast alle seit einem Jahrzehnt verboten sind. Darunter Google und die sozialen Plattformen Facebook, Instagram und Twitter.