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RiggisbergZurück mit einem Rucksack voller Eindrücke

Während sieben Monaten haben sie zu Fuss 4200 Kilometer zurückgelegt. Gerade noch vor dem Ausbruch des Coronavirus in Europa sind Maria und Peter Elstner von ihrer Pilgerwanderung nach Jerusalem zurückgekehrt.

Trautes Heim: Maria und Peter Elstner auf dem Sofa in den eigenen vier Wänden. Hier hat das Ehepaar Zeit, das Erlebte zu verarbeiten.
Trautes Heim: Maria und Peter Elstner auf dem Sofa in den eigenen vier Wänden. Hier hat das Ehepaar Zeit, das Erlebte zu verarbeiten.
Raphael Moser

Maria und Peter Elstner sitzen entspannt und ausgeruht auf ihrem Sofa in Riggisberg. Für das Foto mit dieser Zeitung haben sie noch einmal hervorgeholt, was sie auf der Reise durch insgesamt zehn Länder tagtäglich getragen haben: ihre Rucksäcke und Wanderschuhe. Letztere sind von den Strapazen deutlich gezeichnet.

Rückblick: Am 2. Juli 2019 begann die Pilgerreise des Ehepaars. Insgesamt waren Elstners sieben Monate unterwegs – und legten in dieser Zeit eine Strecke von 4200 Kilometern zurück. Zu Fuss durchquerten sie Länder wie Ungarn, Griechenland und Jordanien. Auf den Forum-Seiten dieser Zeitung haben die beiden immer wieder von ihren Erlebnissen unterwegs berichtet. Mitte Januar schliesslich passierten sie die Ziellinie, war Jerusalem erreicht. Wenige Tage später ging es zurück in die Schweiz: «Auf dem Flug nach Hause war ich sehr müde. Aber ich habe nur noch gelächelt», erinnert sich Maria Elstner. Und ihr Mann sagt: «Ich kam mir vor wie ein Schwamm, vollgesogen mit vielen Eindrücken. Am Schluss konnte ich nichts mehr aufnehmen.»

Mit Gastfreundschaft überschüttet

Dasselbe Gefühl verspürte Peter Elstner zuvor auch in Jerusalem: «Als ich in der Heiligen Stadt angekommen war, konnte ich den Moment nicht sofort verarbeiten. Ich dachte, die Emotionen würden intensiver ausfallen.» Trotzdem habe er sich sofort in die Stadt verliebt. «Man kann das Ambiente an diesem Ort mit keinem anderen auf der Welt vergleichen», sagt er, der in einer christlichen Familie aufgewachsen ist, sich schon in jungen Jahren fürs Pilgern interessiert hat und 2016 bereits auf dem Jakobsweg unterwegs war.

Das Ambiente in Jerusalem kann man mit keinem anderen Ort auf der Welt vergleichen.

Peter Elstner

Auf die Frage, ob sich sein Glaube durch die Pilgerreise verändert habe, antwortet er: «Meine religiöse und öffentliche Welt haben sich vermischt.» Vor allem die Toleranz der Muslime habe ihn geprägt. «Wir sind unterwegs überall offenen Menschen begegnet und mit Gastfreundschaft regelrecht überschüttet worden.» Maria Elstner kann ihrem Mann nur beipflichten: «Ich habe erkannt, dass es überall auf der Welt Liebe gibt. Man sieht sie nur nicht immer.» Eine Begegnung ist den beiden 33-Jährigen besonders in guter Erinnerung geblieben: «In der Türkei waren wir bei strömendem Regen auf einer einsamen Landstrasse unterwegs, wollten ausnahmsweise einen Bus nehmen, verpassten diesen aber, als eine Bauernfamlie angehalten und uns etwa 50 Kilometer mitgenommen hat», erzählt Maria Elstner. «Diese Hilfsbereitschaft hat uns berührt.» Und es war auch diese Hilfsbereitschaft, die das Ehepaar nun nachsichtiger und gelassener mit ihren Mitmenschen umgehen lässt. «Zum Beispiel habe ich mehr Geduld mit meinen Schülern», sagt Peter Elstner. Er konnte nach der Pilgerreise wieder seine Stelle als Lehrer antreten. Auch Maria Elstner steht vor einem Wiedereinstieg in die Berufswelt. Sie hatte bereits mehrere Vorstellungsgespräche.

An die körperlichen Grenzen gestossen

Trotzdem gab es auch Hürden, die die beiden überwindet mussten: «Die grösste Herausforderung waren die unterschiedlichen Bedürfnisse von uns beiden», sagt Peter Elstner. «Ich war sehr ehrgeizig und wollte an meine Grenzen kommen.» Während er fast die ganze Strecke gelaufen ist, wich Maria Elstner oft auf die öffentlichen Verkehrsmittel aus. «Das Wichtigste war, dass wir uns am Abend wieder trafen», sagt er. Auch an ihre körperlichen Grenzen ist das Ehepaar gestossen. Nicht immer konnten sie die geplanten Kilometer pro Tag einhalten. «Es war wichtig, auf den Körper zu hören. Ich holte mir dann die Kraft aus der Natur», sagt Maria Elstner. Ihr Mann nahm die Energie aus dem Glauben.

Nach der Rückkehr abgeschottet

Wie fühlt man sich, wenn man nach einer siebenmonatigen Wanderung wieder im trauten Heim ist? «Zurück in Riggisberg, haben wir uns eine Woche lang abgeschottet», sagt Peter Elstner. «Wir wollten keine Leute sehen, da wir ihnen eben genau diese Frage nicht beantworten konnten. Noch heute sind sie am Verarbeiten der vielen Eindrücke. «Das wird noch Monate dauern.» Eine Erkenntnis aber hatten sie sofort: «Die Reise hat uns vor Augen geführt, wie gut wir es doch in der Schweiz haben», sagt Maria Elstner. Ihr Mann erzählt eine Anekdote, die sie in Kosovo erlebt haben: «In den Slums haben uns ein paar Jungs unbedingt ein Geschenk mitgeben wollen. Sie rannten ins Haus und kamen mit Haargummis in den Händen zurück.» Dieses Souvenir trägt das Ehepaar bis heute um das Handgelenk.

Erinnerungsstücke: Der Pilgerstock – und das Haargummi aus dem Kosovo.
Erinnerungsstücke: Der Pilgerstock – und das Haargummi aus dem Kosovo.
Raphael Moser

Die Reise hat uns vor Augen geführt, wie gut wir es doch in der Schweiz haben.

Maria Elstner


Was für Peter Elstner bereits feststeht: «Ich möchte sicher nochmals eine Pilgerreise nach Jerusalem machen. Dann mit noch mehr Zeit.» Seine Frau konnte er von diesem Unterfangen noch nicht überzeugen. «Ich kann mir eine solche Reise in naher Zukunft nicht vorstellen. Vielleicht wenn ich pensioniert bin.» Die beiden sind sich aber einig, dass sich die Reise nach Jerusalem gelohnt hat, es gut war, den Mut dafür aufzubringen. «Wir mussten die Komfortzone verlassen. Eine gute Erfahrung.»