Zur Halbzeit ist das Glas halb leer

Wacker Thun unterliegt Ademar León 25:26 und verliert zum dritten Mal in Folge eine Champions-League-Partie mit einem Treffer Differenz.

Freud und Leid: Die Spanier feiern, die Thuner sprechen sich Mut zu.

Freud und Leid: Die Spanier feiern, die Thuner sprechen sich Mut zu.

(Bild: Manuel Zingg)

Adrian Horn

Selbstironie haben sie ja, die Thuner. Die Begegnung ist zu Ende, und über den Lautsprecher ertönt «One More Time». Drinnen, im Pressesaal, sitzt Martin Rubin, und er sagt: «Ich kann es nicht mehr hören.» Der Coach meint damit nicht den Evergreen von Britney Spears, sondern die eben erhaltenen Komplimente der artigen Widersacher.

25:26 verlor sein Team, es unterlag damit zum dritten Mal de suite mit einem Tor Unterschied in der Königsklasse. «Ich will keine Komplimente. Ich will Punkte. Ich will den ersten Sieg», sagt der Trainer, der das freilich nicht böse meint, wie er den Leuten von Ademar León höflich versichert.

Die Berner Oberländer tragen das heroische Scheitern ja quasi in ihrem Clubnamen. Sie haben sich in den 57 Jahren ihrer Existenz oft tapfer geschlagen. Diesmal aber mögen sie sich nichts auf ihre Leistung einbilden, wenngleich sie sehr wohl Grund dazu hätten.

Mit einem Rumpfteam war Wacker gegen den zweitbesten Verein Spaniens angetreten, mit Torhüter Marc Winkler, Captain Jonas Dähler, Regisseur Nicolas Raemy, Meisterschütze Luca Linder und Talent Damien Guignet fehlten wichtige Kräfte. Dennoch hielten die Hausherren vor 1220 Zuschauern gegen den Spitzenclub mit, eine Baisse Mitte der ersten Hälfte kostete sie den ersten Sieg in der Champions League.

3:1 hatte der Schweizer Meister nach der Startphase geführt, danach traf er vorübergehend nur noch, wenn Ivan Wyttenbach einen Siebenmeter hatte ausführen dürfen. 8:15 lag Wacker nach 25 Minuten im Hintertreffen; eine Kanterniederlage drohte. Die Thuner steigerten sich, sie verringerten den Rückstand im Nu und glichen zu Beginn des zweiten Umgangs aus.

Die Berner Oberländer zogen in der Schlussphase den Kürzeren, obwohl sie genügend Möglichkeiten gehabt hätten, die Partie zu gewinnen. «Wir verloren das Spiel nicht in der zweiten Hälfte, sondern im ersten Drittel Spielzeit. Dieses haben wir verschlafen», sagt Reto Friedli.

Der Kreisläufer hält dies mit einer Mischung aus Frustration und Unverständnis fest, erzählt, er könne sich nicht erklären, weshalb sich seine Mannschaft zu Beginn oft schwertue und da oft vermeintlich entscheidend in Rückstand gerate.

Zahlen lügen

Fünf von zehn Gruppenspielen sind um. Einen Zähler haben die Thuner geholt. Das gibt nicht wieder, wie gut sie aufgetreten sind, sie gefielen vorab in Bukarest und nun daheim gegen León, den viermaligen Viertelfinalisten des wichtigsten Clubwettbewerbs ihrer Sportart. Sie sind weit davon entfernt, Punktelieferant zu sein.

Doch eben: Das Wissen darum – es genügt ihnen nicht länger. Und so verbinden die Oberländer mit der Champions League zur Halbzeit tendenziell schlechte Gefühle. Das Glas ist gerade halb leer. Das hat damit zu tun, dass die Königsklasse in vielerlei Hinsicht einen Mehraufwand nach sich zieht, ihre Opfer fordert.

Vermutlich wären nicht fünf Akteure verletzt, wären die fünf zusätzlichen Partien nicht gewesen. Und möglicherweise hätte der Meister kürzlich in St. Gallen keine Kanterniederlage erlitten, hätte er mehr Zeit gehabt, sich mit dem Stil der Ostschweizer vertraut zu machen.

0 Siege in der Champions League, Rang 5 in der Meisterschaft, 2 Zähler vor Suhr und Kriens: Betrachtet man bloss die Zahlen, ist der Saisonstart missglückt. Schöne Worte höflicher Widersacher helfen da nicht. Vielleicht hätten sich die Thuner vor 57 Jahren einen andern Namen verpassen sollen.

Thuner Tagblatt

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