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Heisse Zürcher Cup-Party am Helvetiaplatz

Die Pokal-Präsentation auf dem Volkshausbalkon wurde zum grossen Fest.

Soll einer sagen, Zürich sei zu nüchtern für Fussball: Ausgelassene Party am Helvetiaplatz.

Und dann, um 20.01 Uhr, kam er endlich beim Volkshaus an, der Bus mit den FCZ-Helden, die Stunden zuvor das «kleine Wunder von Bern» (sprich den 2:1-Sieg im Cupfinal gegen YB in Unterzahl) geschafft hatten. Die Ankunft der Spieler wirkte wie ein Stromstoss auf die emotional ausgepowerten Fans, die mit den Extrazügen schon Stunden zuvor zurückgekehrt waren und nun bierselig auf dem Helvetiaplatz standen oder lagen. Plötzlich war sie wieder da, die Energie, und als das Team Minuten später auf dem Balkon des Volkshauses erschien und Captain Pálsson die Trophäe in die Höhe hievte, gabs kein Halten mehr: Überall wurden Pyros gezündet, es wurde getobt und gebrüllt, bald schon war der Heroenbalkon im farbigen Nebel verschwunden. Als er wieder zu sehen war, wurde (notabene von oben!) «Scheiss-GC-Basel, wir singen Scheiss-GC-Baaasel» angestimmt, und alle, deren Herz für den FCZ schlägt, drehten vor lauter Euphorie ab und durch.

Video: Der Bus trifft in Zürich ein, die Fans flippen aus

Ein Cupsieg will richtig gefeiert werden.

Ausgelassen war die Stimmung schon zwölf Stunden vorher gewesen: Lautstark Sprechgesänge skandierend, ziehen die hartgesottenen Fans kurz nach acht Uhr von der Europaallee her auf die hintersten Gleise des Zürcher Hauptbahnhofs. Die Schar gleicht einer Horde uniformierter Wesen: weisses FCZ-Trikot, dunkle Hosen. Eine Frau in Wanderkluft verfolgt das Treiben staunend ausder Ferne. Zwei Touristen sprechen sie an. «What’s that?» «Football.»

Der FCZ hat all seine 11 500 Tickets für den Cupfinal verkauft und die Fans angehalten, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Dafür stellen die SBB an diesem Morgen sechs Extrazüge zur Verfügung, die ersten vier für alle, die am Fanmarsch in Bern teilnehmen wollen.

Video: Da tauchen die Cuphelden auf dem Balkon auf

Der Ton der Fans wird lauter, als der erste Extrazug – eine alte Komposition – in den Bahnhof einfährt. Dann Gegröle. Sie wollen die Ersten sein, die in Bern ankommen, um den Fanmarsch durch das Nordquartier Richtung Wankdorf anzuführen. Noch im Fahren springen einzelne Fans an die Zugfenster, ziehen sie von aussen herunter und hangeln sich hinein. Wie Ameisen folgen ihnen weitere nach. Der Karton Bier wird von aussen nachgereicht.

Der Bahnpolizist in der gelben Weste steht beim Prellbock am Ende von Gleis 16 und schaut dem Treiben zu. Die Hände am Gurt neben dem Schlagstock eingehakt, stoische Miene. Kaum steht der einfahrende Zug still, stehen die Fans schon dicht an dicht im Wagen. Wer rauchen will, tut es ungeniert. Einer lehnt aus dem Fenster, schlägt mit der Hand im Takt des Sprechgesangs auf die Scheibe. Weitere tun es ihm gleich.

Bildstrecke: Die Limmatstadt feiert den Cupsieg

Magnin mit dem Pokal auf dem Balkon. (27. Mai 2018)
Magnin mit dem Pokal auf dem Balkon. (27. Mai 2018)
Melanie Duchene, Keystone
Und so sieht das Ganze dann von oben aus – Bilder vom Balkon!
Und so sieht das Ganze dann von oben aus – Bilder vom Balkon!
Melanie Duchene, Keystone
Die Tribüne der Zürcher in Bern.
Die Tribüne der Zürcher in Bern.
Anthony Anex, Keystone
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Der Zugführer auf dem Gleis grinst, obwohl er der ist, der sich später einen Weg durch die Masse bahnen muss. «Da darf man sich nur nicht provozieren lassen», sagt er. Aus Sicht der Fans sei er nicht auf gleicher Augenhöhe wie etwa die Polizei. Unter ihrem Niveau, kein Kontrahent. Die Tickets kontrollieren will er trotzdem. Zum Glück sei es im Spielticket inbegriffen, sagt er und steigt ein. Kaum aus der Bahnhofshalle, sind Böllerknalle zu hören. Rauch steigt auf.

Je später der Zug, desto gesitteter das Benehmen der Fans. Die SBB lassen die Fussballfans im dritten und vierten Zug sogar in Doppelstockkompositionen fahren. Da und dort sind ganze Familien auszumachen. Der mitgeführte Biervorrat freilich nimmt nicht ab.

Kurz vor neun Uhr entspannt sich das Gesicht des Bahnpolizisten. Der letzte der vier FCZ-Fanzüge fährt aus dem Bahnhof. «So viele Menschen auf einmal habe ich hier noch nie gesehen. Nun haben wir Ruhe. Für zehn Stunden.»

Warten auf die Extrazüge

Beni von der Südkurve steht um halb sechs Uhr abends unter der grossen Anzeigetafel und wartet auf die Extrazüge aus Bern. Sein Trottinett mit der FCZ-Flagge hat er neben sich parkiert. Andere wartende Fans klatschen ihn ab, gratulieren. Beni hat den Match zu Hause geschaut. Für ein Ticket war er zu spät dran. «Aber, hey, egal. Wir haben den Cup gewonnen. In Unterzahl.» Und nun will er mit all jenen, die im Stadion waren, gemeinsam zum Helvetiaplatz marschieren, skandieren, jubeln, gemeinsam feiern. Doch die Züge lassen auf sich warten.

Mit über vierzig Minuten Verspätung fährt der erste Zug ein. Die Fans klettern aus den Fenstern und spazieren gemächlich Richtung Haupthalle. Einzelne schreien für das Fernsehteam «Cupsieger!» in die Kamera. Sonst ist es gespenstisch ruhig. Von ausgelassener Freude keine Spur.

Beni ist guten Mutes. «Das kommt schon noch», sagt er. Gruppenweise treffen die nächsten Fans in der Halle ein. Vereinzelte schreien in Ribéry-Manier «Jubel» und ziehen dann weiter in Richtung Helvetiaplatz.

Tankstelle geplündert

Alle, ausser Beni, sehen mitgenommen aus. «Ein langer Tag, viel Sonne und, ja, viel Bier», sagt einer. Zwei Fans schleppen ein 30-Liter-Bierfass heran und suchen verzweifelt nach einem Zapfhahn. Keiner mag helfen. Und irgendwann stehen auch Beni und sein Trottinett nicht mehr in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs.

Das Bild, das die FCZ-Fans in Bern abgegeben haben, ist durchzogen. Der bewilligte FCZ-Fanmarsch vom Bahnhof durch das Länggassquartier und über die Reitschule zum Stadion verlief vorwiegend friedlich. Das bestätigen sowohl Fans als auch die Kantonspolizei. Von den zahlreichen unterwegs gezündeten Knallkörpern haben sich zwei unbeteiligte Personen bei der Polizei mit Verdacht auf ein Hörtrauma gemeldet.

Im Breitenreinquartier haben einige Fans einen Tankstellenshop geplündert. Die Verkäufer mussten zusehen, wie die weisse Horde den gesamten Bier- und Weinvorrat mitlaufen liess. Die Berner Kantonspolizei bestätigt den Vorfall.

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