Was das Uni-Viertel von der Europa-Allee unterscheidet

Im Zürcher Universitätsquartier sollen zahlreiche alte Häuser verschwinden. Das erinnert an die Zerstörung des Kratzquartiers.

Das Kratzquartier um 1870, in der Mitte der Fraumünsterturm. Foto: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv

Das Kratzquartier um 1870, in der Mitte der Fraumünsterturm. Foto: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv

Beat Metzler@tagesanzeiger

Viele Gebäude, die Zürichs Identität prägen, waren einst Fremdkörper, von aussen an die Stadt geklebt. Der Hauptbahnhof, ETH und Universität, die Blockrandsiedlungen in Aussersihl – sie alle entstanden am Rand des damaligen Zürich. Längst sind sie mit der Umgebung verwachsen.

Die jüngsten Stadterweiterungen funktionieren ähnlich. Zwar besetzen sie Flächen im Innern der Stadt, ehemalige Werkhallen am Gleisstrang oder Industrieareale. Doch Europa­allee und Zürich-West sind Implantate, schaffen neue Quartiere an Orten, wo zuvor kein urbanes Leben war.

Komplette Umgestaltung

Der Masterplan für das Universitätsquartier, den Stadt und Kanton am Montag vorstellten, macht etwas anderes. Er ist ein Eingriff am bewohnten Stadtkörper, gestaltet ein lebendiges Quartier komplett um.

Solche Operationen wagt Zürich selten. Die wohl einschneidendste davon betraf das Kratzquartier, einen verwinkelten Teil der Altstadt, der vom Fraumünster bis zum Seeufer reichte. Seit dem Mittelalter wohnten dort Handwerker, Wäscherinnen, Kesselflicker, Prostituierte.

Als Zürich dank der Industrialisierung einen Wachstumsschub erlebte, rückte das Kratz ins Visier der Städteplaner. Etwas Zeitgemässes sollte das Armenviertel ersetzen. Zwischen 1877 und 1891 liess die Stadt fast alle Häuser abreissen, sie wichen Blockrandbauten, die damals modern waren. Zugleich wurde der Bürkliplatz aufgeschüttet und die Bahnhofstrasse bis zum Seeufer verlängert.

Obwohl Fortschrittseuphorie herrschte im 19. Jahrhundert, wehrten sich Bewohner und konservative Politiker fürs Kratzquartier. Unbedingt bewahren wollten sie einen kleinen Park (Baugarten) und den Kratzturm, ein Überbleibsel der Stadtmauern, von wo aus man beste Seesicht genoss. Der Widerstand nützte nichts.

Die Zukunft macht nicht klüger

Dem Masterplan fürs Hochschulquartier fehlt die Radikalität der Kratzzerstörung. Und doch müssen ihm über ein Dutzend Häuser Platz machen, viele davon stehen unter Denkmalschutz. Eine neue, breite Strasse zieht sich durchs Quartier, der Anblick, den ETH und Uni aus der Ferne bieten, ändert sich. Von seiner Wirkung her lässt sich der Masterplan durchaus mit der Kratzschleifung vergleichen.

Die Verdränger der alten Kratzhäuser – Metropol, Fraumünsterpost, Nationalbank, Stadthaus – sind heute selber historisch; sie bilden ein prunkvolles, leicht unterkühltes Gründerzeitviertel. Beinahe reibungslos fügen sie sich an Fraumünsterkirche und Altstadt, wirken, als seien sie schon immer da gewesen. Nichts erinnert mehr an ihre Vorgänger – ausser Schwarzweissfotos in Archiven und Geschichtsbüchern.

Ob sich der Abriss der Kratzhäuser lohnte, lässt sich auch aus 130 Jahren Abstand kaum sagen. Niemand weiss, wie das Quartier heute sonst aussähe. Wäre es ein zweites Niederdorf? Die Verlängerung der Boutiquen-Altstadt?

Ähnlich unschlüssig wird man in 130 Jahren sein. Niemand wird beurteilen können, ob sich der Abriss der geschützten neoklassizistischen und modernistischen Gebäude im Hochschulquartier gelohnt hat. Im besten Fall werden ihre Nachfolger wirken, als seien sie schon immer da gewesen.

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