Stumme Gefahr mit Tempo 45

In Zürich kam es schon zu Kollisionen mit Fussgängern. Die Elektroroller der Briefträger sind nicht nur ein Segen.

Auch das ist Zürich: Pöstlerin auf ihrem Elektroflitzer am Viehmarkt in Albisrieden. Foto: Nicola Pitaro

Auch das ist Zürich: Pöstlerin auf ihrem Elektroflitzer am Viehmarkt in Albisrieden. Foto: Nicola Pitaro

Martin Huber@tagesanzeiger

Die Gefahr kommt unvermittelt und von hinten. Zügig fährt der gelbe Elektro-Dreiradroller über das Perron im Winterthurer Hauptbahnhof – haarscharf vorbei an wartenden Pendlern, die sich verdutzt umdrehen. Kein Motorengeräusch hat das Gefährt der Post angekündigt. Auch in anderen Fussgängerzonen wie am Zürcher Stauffacher oder in der Zürcher City lassen sich zuweilen heikle Situationen beobachten, wenn sich Pöstler auf ihren geräuschlosen Elektrorollern zwischen Passanten hindurchschlängeln. Schreckmomente erleben auch Velofahrer auf der Strasse, wenn der stille Roller sie plötzlich rechts überholt – auf dem Trottoir.

«Bekommen wir oft zu hören»

Briefträger, die mit den Elektrotöff unterwegs sind, sind sich des Problems bewusst. «Das bekommen wir oft zu hören», berichtet ein junger Pöstler am Stauffacher. In Zürich sei es gar schon zu Kollisionen mit Fussgängern gekommen. «Das Problem ist: Wenn etwas passiert, sind wir schuld», klagt er. Die Zusteller seien ausdrücklich angewiesen, auf Trottoirs vorsichtig zu fahren. Die Töffli fahren immerhin bis zu 45 km/h schnell. Dass die stille Fahrt zu Konflikten führen kann, war bereits bei der Einführung der Scooter in Zürich 2010 ein Thema. Damals beklagte ein TA-Leser, dass die Pöstler «mit Karacho auf dem Trottoir daherrasen. Fastunfälle sehe ich oft, mich wundert nur, dass es nicht öfter wirklich zu Unfällen kommt.»

Auch die Post räumte ein, die ökologische Alternative zum Benzintöff berge in Fussgängerzonen ein Unfallrisiko. Ein Sprecher: «Vielleicht müssen wir den Fahrzeugen ein Horn mit Postautosirene oder ein künstliches Motorengeräusch einbauen.»

Spezielle Schulung

Postsprecher Bernhard Bürki beschwichtigt. Reklamationen wegen Beinahekollisionen seien bisher nicht bis nach Bern gedrungen. «Aber es ist uns bewusst, dass es zu heiklen Situationen kommen kann.» Die leisen Fahrzeuge seien noch immer ein relativ neuartiges Phänomen, mit dem Fahrer wie Kunden einen Umgang finden müssten. Dass es tatsächlich, wie vom Briefträger am Stauffacher behauptet, wegen der Geräuschlosigkeit der Fahrzeuge schon zu Unfällen mit Fussgängern gekommen ist, kann Bürki nicht bestätigen. «Das wird aus unserer Unfallstatistik nicht ersichtlich.»

Fahrer, die mit den gelben Rollern unterwegs sind, werden speziell geschult. «Sie werden darauf sensibilisiert, dass sie mit einem leisen Fahrzeug unterwegs sind und deshalb besonders rücksichtsvoll fahren müssen», sagt Bürki. Bevor sie auf Tour gehen, absolvieren sie ein Fahrtraining. Für das Führen eines Elektrorollers, der mit einer Hupe ausgerüstet ist, braucht es den Fahrausweis der Kategorie A wie für Motorräder mit gelbem Nummernschild.

Erfolgsgeschichte für die Post

Dank einer Spezialbewilligung des Bundes dürfen die Pöstler mit dem Roller auf dem Trottoir, in Fussgängerzonen und Einbahnstrassen fahren, um die Briefkästen ohne Umwege zu erreichen. Von einer Sonderregelung profitieren sie auch bei der Helmtragpflicht. Die ist für sie bei der Haus-zu-Haus-Lieferung im Quartier aufgehoben, wenn sie nicht schneller als 25 km/h fahren.

Für die Post sind die Ökoroller eine Erfolgsgeschichte. Vor kurzem hat sie entschieden, bis Ende 2016 die ganze Rollerflotte auf Elektrofahrzeuge umzurüsten. Der Strom dafür soll zertifizierter Ökostrom sein. Zwar sind die Elektroroller in der Beschaffung teurer als herkömmliche Töff, dem stünden aber klar geringere Reparatur-, Unterhalts- und Energiekosten gegenüber, so Bürki.

Bei den Briefträgern stiessen die Elektroroller auf Zustimmung, sagt Bürki. Geschätzt würden vor allem der lautlose und geruchsneutrale Antrieb, die Kraft der Fahrzeuge, die Zeitersparnis durch das grosse Ladevolumen (bis 120 kg auf dem Fahrzeug und 150 kg im Anhänger) und die automatische Parkbremse, dank der das mühsame Aufbocken auf den Hauptständer entfällt.

Velofahrer als grösseres Problem

Fritz Gurtner von der Gewerkschaft Syndicom bestätigt, dass die Roller beim Zustellpersonal gut ankommen. Dafür stelle sich hin und wieder ein anderes Problem: «Die Fahrzeuge werden zum Teil überladen, das kann wegen der längeren Bremswege gefährlich werden.»

Auch Postkunden reagieren überwiegend positiv auf die umweltfreundlichen Roller, trotz potenziellem Risiko in Fussgängerzonen. Viele sind froh, dass sie morgens nicht mehr durch knatternde Töfflis geweckt werden. Andere finden, von Velofahrern auf Trottoirs gehe eine weit grössere Gefahr aus als von Pöstlern. Laut Bernhard Bürki gibt es aber einzelne Kunden, die darüber klagen, dass sie den Postboten jetzt nicht mehr hören, wenn er den Briefkasten füllt.

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