Sie sind dann mal weg

Das Professorenpaar der Uni Zürich Sarasin-Goltermann ist krankgeschrieben. Das weckt Skepsis und verbietet sie gleichzeitig.

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Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Philipp Sarasin und seine Gefährtin Svenja Goltermann sind krankgeschrieben. Das meldete die «Weltwoche» und bestätigt der PR-Mann des Zürcher Professorenpaares (Bernerzeitung.ch/Newsnetz von gestern).

Krankgeschrieben heisst: schwarzes Loch. Tabuland. Zutritt verboten. Der Krankgeschriebene wird ein Unberührbarer. So war es eben beim Politiker Geri Müller, der Unterleibs-Selfies verschickt hatte und in eine gewaltige Turbulenz geriet. In eine dezentrale Affäre mit vielen Akteuren und Animositäten. Müller tauchte krankheitshalber unter, floh vor der kollektiven Raserei. Verständlich.

Abgang ins Schattenland

Der Fall des Historikerpaares Sarasin und Goltermann wirkt vergleichsweise simpel. Binär. Behauptung steht gegen Behauptung. Die «Weltwoche» hatte in einer früheren Ausgabe berichtet, dass Sarasin mit Goltermann liiert war, bevor sie berufen wurde, und dass Sarasin in der Berufungskommission angeblich Goltermann in ihr Amt hieven half. Die zwei bestreiten das.

Der Krankgeschriebene entschwindet in ein Schattenland. Man kann seinem Phantom im Quartierladen begegnen, im Yogakurs, auf dem Flughafen, wo er gerade den Badebomber nimmt. All dies besagt gar nichts. Er ist jetzt krankgeschrieben. Das blockiert alle Hinterfragungen.

Krank im Doppelpack

Prinzipiell ist das eine gute Sache. Der Arzt kann einen aus der unbarmherzigen Leistungsgesellschaft temporär abziehen: Man ist dann mal weg. Oft läuft es in der Arztpraxis auf ein Antragsdelikt hinaus: Man sagt dem Arzt, dass man sich gar nicht gut fühlt. Dass man nicht schlafen kann. Dass man leidet. Der Arzt nickt und notiert.

Freilich muss man sich je nach der eigenen gesellschaftlichen Lage den Schritt gut überlegen. Zwei hochbezahlte Zürcher Akademiker sind das eine. Stellen wir uns das andere vor: dass etwa eine Ladenkassiererin bei einem Grossverteiler in ihrem Team schikaniert wird. Sie hat einen kleinen Lohn. Sie braucht die Stelle, um zu überleben. Und sie ist allein. Es gibt keine Öffentlichkeit, die an ihrem Fall leidenschaftlich Anteil nimmt wie an dem von Sarasin und Goltermann.

Diese beiden sehen sich als Opfer einer Kampagne von rechts. Es hat seine Logik, dass sie jetzt auch im Doppelpack krank geworden sind, synchron gewissermassen. Das verdeutlicht und verlängert plakativ ihren gemeinsamen Opferstatus.

Ein grosses Risiko ist das für Sarasin und Goltermann kaum, ihre Anstellung wackelt deswegen nicht. Die Ladenkassiererin hat es schwerer. Wer weiss, wie lange sie nach dem Time-out per Arzt ihren Job halten kann. Vielleicht entfernt man sie Monate später unter fadenscheinigem Grund.

Tarnkappentechnologie

Philipp Sarasin versteht sich als «public intellectual». Als streitbare, sich ins Zeitgeschehen hineindenkende Figur. Dass er jetzt wie Goltermann einen ganzen Monat, noch bis 7. Dezember, wegtaucht, kann Irritation auslösen. Denn eigentlich gehört es zu dieser Rolle, Anfeindungen auch der groben Art zu ertragen (freilich gibt es eine Grenze des Aushaltbaren).

Und eben, grundsätzlich erhebt sich der medizinisch Entrückte automatisch über alle Skepsis. Arbeitsrechtliche «stealth technology» wirkt, Tarnkappentechnik. Es gilt: Im Zweifel für den Krankgeschriebenen. Und also muss man Sarasin und Goltermann wohl gute Besserung wünschen.

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