Zum Hauptinhalt springen

Niederdorf

Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua. At vero eos et accusam et justo duo dolores et ea rebum. Stet clita kasd gubergren, no sea takimata sanctus est Lorem ipsum dolor sit amet.

Für die Vollbild-Ansicht hier klicken

Am Anfang war selbstverständlich die Bahnhofstrasse der Mittelpunkt meiner kleinen Erde. Denn da stand der Franz Carl Weber. Oder wie ich gemäss meinen Eltern vor über 40 Jahren mit dem Mund voller gwaggliger Milchzähne zu sagen pflegte: «Dä Fanzcalwäbä!»

Dieser Laden, von oben bis unten voll mit Spielzeug, war für jedes einigermassen normale Kind das schiere Schlaraffenland. Und weil man als Bub eigentlich sowieso nie genug Plastikindianer, Jojos, Märklin-Lokomotiven, Matchbox- und Corgi-Toys-Autos oder Tipp-Kick-Kicker haben konnte, entschied ich nach dem ersten Besuch: Da will ich einmal pro Tag hin! Mindestens! Allerdings hausten wir in Wollishofen, das war schon eher weit weg. Kam hinzu, dass mein Vater ­jeden Morgen ins Büro fuhr, dass Mami dauernd kochen, putzen und waschen musste, und die Oma mich lieber ins Landesmuseum oder aufs Zürichseeschiff schleppte. So lernte ich relativ früh, dass man tatsächlich nicht jeden Tag ins Paradies kommen kann.

Doch das Leben ging weiter. Es kam der Tag, an dem das Kindergebiss durch ein richtiges ersetzt war. Es kam der Tag, an dem die Spielsachen für kleine Jungs den Spielsachen für grosse Jungs – Comics/Fanzines, Klamotten, Vinylplatten, Stereoanlage et cetera – Platz machen mussten. Und deshalb kam auch der Tag, an dem ich meine alte Stadt an der Bahnhofstrasse aufgab, weil ich von einer neuen, aufregenderen gehört hatte – die komischerweise «Altstadt» hiess.

Stephan Eichers Leitsatz

Eine Terra incognita. Und ich erkundete sie nicht mit den Eltern, sondern mit den Teenagerkumpels (alias Töfflibuebe) aus Wollishofen. Mit ihnen ­erlebte ich meine erste, intensivste ­Altstadtphase: Jede Visite war ein Abenteuer, in jeder Gasse lauerten Verlockungen, Versuchungen (nicht, was Sie ­denken!), kurz: Das Dörfli – so nannte es der Volksmund – war für unbefleckte Stadtrandkinder wie uns nichts Geringeres als eine Offenbarung.

Nun ist es ja kein Leichtes, eine Offenbarung zu begreifen geschweige denn zu interpretieren; besonders euphorisierte Jungspunde tendieren da gern zu Fehlverhalten. Deshalb waren wir froh, als ein gewisser Stephan Eicher 1982 den Song «Les Filles du Limmatquai» veröffentlichte, indem er (uns) erklärte, dass man die dort unten am Fluss flanierenden Mädchen zwar anstarren, aber ­keinesfalls anfassen dürfe. Bald darauf hatten wir auch Grundregel zwei gelernt – die Verkäufer im Dörfli redet man mit «Du», nicht mit «Sie» an! – und konnten richtig loslegen.

Erste Anlaufstellen waren die Plattenläden, ein jeder genauso Unikat wie Unikum. Der Get Records an der Marktgasse hatte «geili neui Schiibe» (heute hiesse es: den heissen Scheiss) aus London und in der Klientel eine entsprechend hohe DJ-Dichte. Im Musicland, in einem Hinterhof vis-à-vis des Hotels Franziskaner ­angesiedelt, gabs Synthiepoppiges für Neuromantiker. Unweit davon, im Obergeschoss des englandaffinen Modeshops Booster, besuchte man den Upstairs: Sein Sound war, passend zum Kleiderangebot, punkig, roh, schräg, schrill; wenn ich die dort gekauften Platten zu Hause im Zimmer abspielte, folgte subito der kategorische Imperativ der Eltern («Stell diesen Krach leiser!»), und ich wusste – die haben ja soooo keine Ahnung von Avantgarde. Und dann war da noch der Record Store am Seilergraben. Sein Sortiment war quantitativ wie stilistisch ­immens, brandneue standen neben steinalten Sachen; hier fand man, was man gar nie gesucht hatte. Zudem hatte es da eine Phoenix-Tischspielkonsole (so was wie der «Pac-Man» für die Grossen), und auch wenn wir Kreis-2-Buben nicht für viel berühmt waren – die ersten fünf Plätze auf der Rekordliste gehörten über Jahre hinweg uns.

Tore zum Lifestyle

Was ich eigentlich sagen will: Diese Läden haben uns nachhaltig sozialisiert. Sie halfen uns, einen differenten Musikgeschmack zu entwickeln, sie lehrten uns Demut (vor dem Können der Künstler), Haltung (das argumentative Verteidigen eigener Vorlieben), den Genuss der Melancholie (indem wir uns bei Liebeskummer im Plattenladen an den Turntable setzten und so lange «Winston & Julia» von Polyphonic Size oder was Vergleichbares hörten, bis aus dem bitteren ein süsser Schmerz geworden war) und Sehnsucht (auf ein neues ­Album). Und sie waren die Tore zum ­Lifestyle, weil die Leute, die dort arbeiteten und verkehrten, genau wussten, welche Klamotten, Schuhe und Buttons man trug und welche nicht. Dass wir ­unsere Jeans dennoch bei Marcel Scheiner kauften (was, wie wir zu spät erfuhren, als «total stier» galt), hatte nichts mit günstigen Preisen, sondern mit falscher Logik zu tun: Da sich der Shop an der Niederdorfstrasse (also in der «heissen Zone») befand, glaubten wir, seine Produkte würden dadurch zwangsläufig «in» sein. Tja.

Etwa zwei Jahre später – jene von uns, die beim FC Wollishofen kickten, waren inzwischen von den B- zu den A-Junioren und damit ins 18. Altersjahr aufgestiegen – wurde auch Alkohol ein Thema. Meistens tranken und jassten wir im Quartier. Doch als wir eines Abends zur ersten Sauftour aufbrachen, war klar wie Quellwasser, dass für dieses Ritual nur die Beizen und Chnellen der Altstadt infrage kamen. Es begann harmlos am Bellevue, und es endete übel beim Central, konkret auf dem Toilettenboden im Johanniter (ohne mit Details zu langweilen: Ich hatte blöderweise fast alle Trinkspiele verloren, darum schon unzählige «U-Boote» intus . . . und dann kam noch ein Tequila), doch es war richtig und wichtig – zumindest wenn man, wie wir, den Song «Verschwende Deine Jugend» von D.A.F. als Inspiration benutzte.

Spät, aber nicht zu spät

In den 90er-Jahren wohnte ich in einer WG im Kreis 5, hatte neue Kumpels, andere Probleme – doch die Liebe zur alten Stadt, die rostete nicht. Allerdings hatte sich einiges verändert. Der Up­stairs hiess jetzt Downstairs (er war vom Booster ins benachbarte Erdgeschoss gezügelt), der Musicland war zum Jamarico geworden, Richtung Central gezogen und bot neben Vinyl auch Street-Fashion feil.

Dazu kam die persönliche Horizont­erweiterung. Ich entdeckte die Secondhandboutique Razzo, dank der ich spät (aber nicht zu spät) lernte, wie man sich mit spartanischem Budget stilvoll einkleiden kann. Und das Oliver Twist, ­damals wohl das einzige Pub der Stadt, das den Fussball aus dem Mutterland live übertrug. Oder den Schluuch, wo ich spät (aber ebenfalls nicht zu spät) lernte, wie man Billardkugeln in Löcher versenkt. Und wenn ich mit dem Freundeskreis mal richtig spät unterwegs war, gingen wir ins Entertainer an der Stüssihofstatt: Der legendäre Nightclub hatte seine fettesten Jahre zwar längst hinter sich, dennoch ist das Treiben, das wir dort (mit-)erlebten, auch 20 Jahre später noch zu unanständig, um es in einer anständigen Tageszeitung zu publizieren.

Die raue Magie

Züchtiger, aber nicht minder lebendig, war der Rosenhofmärt, ein Versuch, mitten in Zürich eine Miniaturausgabe des Londoner Camden Markets zu etablieren. Und direkt am Rosenhof befand sich auch unsere zentrale Anlaufstelle, nämlich das Café Regenbogen, von allen nur «Rägebögli» genannt. Geführt von Palmo Quero und Oli Stumm (der aber bald nach New York zog, um in der echten Metropole als DJ, Musikproduzent und nun wieder als Gastronom Spuren zu hinterlassen) war dies – und daran ­ändert auch die posthume Verklärung nichts – jener zeitgeistige Laden, in dem sich tout Zürich in den damals relevanten Alltagsbereichen (Partys, Jobs, Beziehungen, Marihuanaquellen, Kleidertrends) auf den neusten Stand brachte.

Ach ja, hätt ich fast vergessen: Neben diesen Highlights gabs doch auch einen dramatischen Tiefpunkt. Im Verlauf des Polterabends eines Jugendkumpanen strandete unsere fidele Bande irgendwann in der Haifischbar und warf Stripperinnen Zehnernötli zu. Fürchterlich.

Etwa zwei Jahre später folgte die dritte und letzte Liaison mit dem Niederdorf. Ich war inzwischen Student geworden, hatte an der Uni bald einen leichten Linksdrall entwickelt – und entdeckte so die Altstadt nochmals neu: In der Revoluzzerbuchhandlung Pinkus kaufte ich Lektüren (die ich oft gar nicht kapierte) und debattierte diese im Alternativcafé Zähringer mit netten Kommilitonen (die sie ebenso wenig verstanden). In der ­Öpfelchammer versuchten wir einmal pro Monat über den Deckenbalken zu klettern (weils dafür Gratiswein gegeben hätte), leider stets vergebens. Für die ­raren Tête-à-Tête-Situationen zog ich mich in den Weissen Schwan zurück, ­bestandene Prüfungen begossen wir in der launigen Bodega, beendete Semester in der noch launigeren Splendid Bar.

Kleinstadt macht auf Weltstadt

Und doch wurde in jenen Jahren ein ­anderes Etablissement zu meiner städtischen Heimat, denn ich hatte es über Irr- und Umwege in die Alternativliga-Mannschaft «Ventilator Züri Bar» geschafft. Obwohl ich die mitunter grosse Form der Wollishofer Juniorentage nie mehr erreichte, wurde ich zum Libero der Plauschtruppe – und, weit wichtiger, zum Trinkbruder dieser Männerrunde. Und in der Geselligkeit dieser tollkühnen Melancholiker und in der rauen ­Magie dieser unsterblichen Bar lernte ich, anders als im Studium, Lektionen fürs Leben . . . und fürs Überleben.

Dann fing die Leidenschaft an zu ­erkalten, und irgendwann war die Glut der Liebe erloschen. Das Dörfli, über Dekaden hinweg meine, unsere Weltstadt, wirkte jetzt, als Zürich auf Weltstadt machte, nur noch wie ein Dörfli.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch