Halloween – gute Sache oder Ärgernis?

Nun verlangen die Kinder wieder Süsses und drohen mit Saurem. Was TA-Redaktoren von dem US-Brauch halten.

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Ja

Kürzlich klingelte es bei mir in Zollikerberg. An der Tür stand ein dünner Mann in einem abgeschossenen Jäcklein, um die 30, starker Bartwuchs, einen Zettel in der Hand: «Ich bin taubstumm aus Rumänien, helfen Sie!» So ist das bei mir an der Tür, fast immer wollen die Leute Geld. Oder dann sind es Mormonen. Schon deshalb mag ich den Halloween-Brauch «Trick or Treat» (Streich oder Leckerei). Kinder an der Tür sind vergleichsweise harmlos. Und das, worum sie bitten, ist billig – sehr erfreulich. In jedem Haushalt gibt es ohnehin das Phänomen der ungeliebten Süssigkeiten. Bei mir liegen schon länger zwei Tafeln teure Schoggi herum, die ich geschenkt bekam. «Trick or Treat» ist die beste Gelegenheit, sie loszu­werden. Okay, das klingt jetzt zynisch – aber ich dränge mich ja nicht auf.

Unser Land werde von ausländischen Bräuchen überrollt, der hiesige Sozialcharakter extrovertisiere sich zunehmend, klagen manche Leute. Sie nennen als Beispiel etwa die skandalös ausgeschämten Polterabendgruppen im Niederdorf. Halloween sei auch so etwas Unschweizerisches, eine ungute Neomode aus den USA. So what? Die Schweiz sollte offener werden, statt sich im patriotischen Morast zu suhlen, hört man ebenso oft. «Trick or Treat» okay zu finden, ist gelebter Widerstand gegen die nationale Enge.

Nein

Europa hat einige unnötige Bräuche aus den USA übernommen. Der unnötigste und ärgerlichste ist Halloween und das damit verbundene «Trick or Treat». Man muss sich nur mal die Absurdität vor Augen führen: Da bläut man den Kindern ein, sie sollten nie von einem Fremden Süssigkeiten annehmen. Ausser am 31. Oktober. Da gelten diese Regeln nicht mehr.

Nicht dass die Eltern das gut fänden. Ich kenne keine Mutter und keinen Vater, die den Nachwuchs voll Freude mitmachen lassen. Nein, die meisten Eltern stehen Ängste aus, wenn die Kleinen um die Häuser ziehen, manche begleiten sie gar diskret oder heuern ältere Kinder dafür an. Warum tun sie das? Weil sie sagen: «Ich muss mein Kind ja gehen lassen. Alle anderen gehen auch.»

Das ist Erpressung. Wie Halloween überhaupt eine organisierte Erpressung ist. Die Kinder klingeln verkleidet bei Fremden, piepsen «Trick or Treat», und wenn die Opfer keine Kekse rausrücken, müssen sie mit Senf an der Tür oder Eiern an der Wand rechnen. Gut, wir waren am Schulsilvester früher auch keine Engel – aber wir liessen uns nicht mit Süssigkeiten kaufen.

Und ich lasse mich auch heute nicht erpressen. Bei mir gibts nichts. Nada. Nix. Meine Kinder hab ich übrigens nie an Halloween mitmachen lassen. Und verblüffend ist: Sie waren froh drum. .

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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