Zum Hauptinhalt springen

Gericht hat Zweifel an Vergewaltigungsversion einer 52-Jährigen

Ein 38-jähriger Kongolese soll eine Schweizerin geschändet und vergewaltigt haben. Doch das Gericht hatte «Fragezeichen, ob sich das so abgespielt hat», wie es die Frau erzählte.

Schauplatz der Verhandlung: Gerichtssaal des Zürcher Bezirksgerichts.
Schauplatz der Verhandlung: Gerichtssaal des Zürcher Bezirksgerichts.
TA

Im Sommer letzten Jahres hatte ein abgewiesener Asylbewerber aus dem Kongo in Zürich den Zug verpasst. Er suchte die 52-jährige Schweizerin, die er von früher und auch von gemeinsamen sexuellen Aktivitäten her bereits kannte, zu Hause auf. Die Frau, die nach dem Konsum von Medikamenten und mindestens einer halben Flasche Whiskey bereits geschlafen hatte, liess ihn herein.

Schändung und Vergewaltigung

Der 38-Jährige soll anschliessend mit der ziemlich betrunkenen und bereits wieder tief schlafenden Frau den Geschlechtsverkehr vollzogen haben. Wer solches im Wissen tut, dass die betroffene Person aufgrund ihres Zustandes zum Widerstand unfähig ist, muss mit einer Verurteilung wegen Schändung rechnen.

Als die Frau trotzdem erwachte, soll sie den Kongolesen aufgefordert haben, damit aufzuhören. Doch er machte weiter. Und die Frau, so steht es in der Anklageschrift, gab «ihren Widerstand schliesslich aufgrund der Aussichtslosigkeit auf». Beischlaf gegen den erkennbaren Willen einer Frau ist Vergewaltigung.

Mit dem HI-Virus angesteckt

Damit ist die Geschichte allerdings noch nicht beendet. Weil der Beschuldigte HIV-positiv ist, dies der Frau verschwiegen und mit ihr ohne Kondom geschlafen haben soll, beantragte die Staatsanwaltschaft auch noch eine Verurteilung wegen versuchter einfacher Körperverletzung und versuchten Verbreitens von menschlichen Krankheiten. Insgesamt sollte der Kongolese zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt werden.

Einige Wochen später, Anfang Oktober 2012, erfuhr die Frau, dass auch sie HIV-positiv ist. Die Untersuchung brachte ein erstaunliches Ergebnis: Die Viren stammten nicht vom Kongolesen. Überhaupt war dessen Virenkonzentration dank spezifischer Medikamente so tief, dass er nicht infektiös war, er die Viren also gar nicht übertragen konnte. Die HIV-Infektion hatte sich die Frau im Juni des gleichen Jahres zugezogen – bei einem Afrikaner aus Togo.

Frau wollte keine Strafanzeige erstatten

Die 52-Jährige hatte offenbar keine Absicht, Strafanzeige zu erstatten. Erst einen Monat nachdem sie von ihrer HIV-Infektion erfahren hatte, ging sie – von ihrer Hausärztin und ihrer Psychiaterin animiert – zur Polizei und erstattete Strafanzeige. Gegen beide Männer. Das Verfahren gegen den Mann aus Togo läuft noch.

Zurück zum Kongolesen: Der Mann bestritt vor dem Bezirksgericht in einem Sprachenwirrwarr von Französisch und Lingana, in jener Nacht mit der Frau überhaupt geschlafen zu haben. Das sei am Nachmittag geschehen, und zwar einvernehmlich. Zudem habe die Frau von seiner Infektion gewusst. Er habe Medikamente in ihrem Kühlschrank gelagert.

Zu Beginn des Prozesses befragte das Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit die betroffene Frau. Doch ihre Antworten schufen offenbar keine Klarheit, sondern produzierten weitere «nicht nur nebensächliche Widersprüche». Das Gericht – bestehend aus zwei Richterinnen und einem Richter – hatte «Fragezeichen, ob sich das so abgespielt hat», wie es die Frau schilderte.

12'000 Franken als Haftentschädigung

Auch wenn viele Aussagen des Kongolesen «nicht überzeugend oder glaubhaft» seien, liessen sich gewisse Angaben nicht widerlegen. Auch wenn er vor Gericht «nicht wirklich einen guten Eindruck hinterlassen» habe, reiche das für eine Verurteilung nicht aus, hielt das Gericht in der mündlichen Urteilsbegründung fest. Es blieben, insbesondere aufgrund unterschiedlicher Aussagen der Frau, nicht überwindbare Zweifel an seiner Schuld.

Entsprechend dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» wurde der 38-Jährige freigesprochen. Er, der seit Mitte Dezember letzten Jahres im Gefängnis sitzt, wurde umgehend aus der Sicherheitshaft entlassen und dem Migrationsamt übergeben. Für die unrechtmässig erlittene Haft erhält er eine Genugtuung von 12'000 Franken. Die Anwaltskosten in Höhe von rund 18'000 Franken übernimmt die Gerichtskasse.

Ob die Staatsanwaltschaft und die betroffene Frau den Freispruch akzeptieren, steht noch nicht fest.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch