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Die Lösung steht an der Bärengasse

Die Stadt reagiert auf den Protest zur Schliessung des Literaturmuseums Strauhof: Sie bietet Hand zu literarischen Ausstellungen im Museum Bärengasse. Die Strauhof-Freunde reagieren ablehnend.

Das Literaturmuseum Strauhof schliesst Ende 2014 und wird als Jugendliteraturlabor wiedereröffnet.
Das Literaturmuseum Strauhof schliesst Ende 2014 und wird als Jugendliteraturlabor wiedereröffnet.
Tom Kawara
Besucher der laufenden Ausstellung «Gruppenbild mit Damen: Autorinnen zum Wiederentdecken» im Strauhof.
Besucher der laufenden Ausstellung «Gruppenbild mit Damen: Autorinnen zum Wiederentdecken» im Strauhof.
Tom Kawara
Die James-Joyce-Stiftung soll ebenfalls umziehen. Der irische Schriftsteller Joyce ist in Zürich beerdigt.
Die James-Joyce-Stiftung soll ebenfalls umziehen. Der irische Schriftsteller Joyce ist in Zürich beerdigt.
Keystone
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Je später am Tag eine Medienmitteilung auf die Redaktion flattert, desto gewichtiger ihr Inhalt: Dieses ungeschriebene Gesetz wurde gestern wieder einmal bestätigt. Im Schreiben, das die städtische Kulturabteilung gestern kurz vor 19 Uhr verschickte, skizzierte sie erstmals eine mögliche Lösung für den Streit, der in den letzten Monaten ums Literaturmuseum Strauhof (also um dessen geplante Schliessung auf Ende 2014) entbrannt war.

Das Angebot der Stadt sieht so aus:

  • Im Museum Bärengasse soll ab 2015 ein Raum mit einer Fläche von mindestens 150 Quadratmetern für Literaturausstellungen zur Verfügung stehen. Die Stadt versteht dieses Projekt als Pilotversuch, befristet auf drei Jahre.
  • Die Raummiete – 70 000 Franken – übernimmt die Stadt. Dazu steuert sie einen jährlichen Betriebsbeitrag von 130 000 sowie den einmaligen Startbeitrag (für 2015) von 50 000 Franken bei.
  • Weiter stellt die Stadt dreimal pro Jahr ihren Kulturversand zur Verfügung, ebenfalls kostenlos dürfen zweimal jährlich die städtischen Kulturplakatstellen für die Literaturveranstaltungen genutzt werden. Zudem stehen auch die technischen Geräte und das Mobiliar des Straufhofs für Veranstaltungen in der Bärengasse zur Verfügung.

Das Angebot ist an Bedingungen geknüpft: In den Genuss der Leistungen kommen Personen und Institutionen, die eine Trägerschaft gründen. Diese muss innert drei Monaten ein Konzept einreichen, in dem überzeugend dargelegt ist, wie der Raum mit literarischen Ausstellungen bespielt wird.

Die Stadt hofft auf reges Interesse aus Zürichs literaturaffinen Kreisen. Nach dem dreijährigen Pilotbetrieb will man Bilanz ziehen, Ziel jedoch ist es, das neue «Literaturmuseum Bärengasse» über das Jahr 2017 hinaus als Kulturort zu etablieren.

Das klingt gut, und doch stellen sich einige Fragen. Zum Beispiel jene, ob dieser städtische Betriebsbeitrag ausreicht, um ein anspruchsvolles und breit gefächertes Programm gestalten zu können. Kulturchef Peter Haerle sagt dazu: «Die 130 000 Franken sind dazu gedacht, die Personalkosten zu decken, es ist klar, dass die private Trägerschaft auch eigene Mittel einbringen muss.»

ETH-Entscheid bis zum Sommer

Ein wichtiger Aspekt ist auch, inwiefern das Angebot mit dem zweiten Bärengasse-Projekt korrespondieren muss. Die Stadt plant, dort ab 2015 die literarischen Archive von Max Frisch, Thomas Mann und James Joyce zu vereinen. Ob dies gelingt, hängt in erster Linie von der ETH Zürich ab, welche die Vermächtnisse von Frisch und Mann in ihrer Obhut hat und sich im Museum Bärengasse einmieten würde. Der Entscheid der Hochschulleitung soll noch vor den Sommerferien fallen. Laut Peter Haerle sind die zwei Vorhaben aber nicht gekoppelt: «Auch wenn sich die ETH dagegen entscheiden sollte, halten wir am Plan für die literarischen Ausstellungen im Museum Bärengasse fest.»

Dass die städtische Kulturabteilung mit ihrer Medienmitteilung auf die heftigen Proteste reagiert, die sogar im deutschen Feuilleton ihren Niederschlag fanden, will der Kulturchef nicht verhehlen. Er findet aber auch, dass man mit diesem Angebot nicht nur Hand für eine gute Konfliktlösung biete, sondern auch ein starkes Zeichen setze: «Wir lassen der Literatur finanzielle Mittel zukommen, die wir eigentlich für andere Bereiche vorgesehen hatten.» Übersetzt in Zahlen: Der Betrieb des Literaturmuseums Strauhof kostet 1,2 Millionen Franken pro Jahr, das Junge Literaturlabor Jull (das im Strauhof ab 2015 eröffnet werden soll) ist jährlich mit rund 700 000 Franken veranschlagt – der Differenzbetrag, etwa eine halbe Million, wäre auf andere, noch zu bestimmende Kultursparten verteilt worden. Darauf kam man mit dem Entscheid für das neue Bärengasse-Projekt nun zurück.

Nicht denkbar ist für den Kulturchef dagegen, die festgelegten Prioritäten im Bereich der Literaturförderung und -vermittlung nochmals umzustossen – auch wenn er und Stadtpräsidentin Corine Mauch gestern rund ein Dutzend Fachleute zu einer Diskussionsrunde ins Stadthaus geladen hatten; darunter Verleger Peter Haag (Kein & Aber), Autor Guy Krneta, Literaturhausleiterin Geza Schneider oder Literaturvermittler Beat Mazenauer. Haerle: «Dieser Diskurs war wichtig, denn er hilft uns bei der Feinabstimmung.» Der Stadtrat wird seine Antwort auf die Petition der StrauhofUnterstützer in den kommenden Wochen publizieren.

Protestkomitee ist unzufrieden

Unmittelbar nach der Präsentation der neuen Lösung hielt das Strauhof-Komitee eine länger geplante Versammlung ab. Das Komitee koordiniert den Protest von Kulturschaffenden gegen die Strauhof-Schliessung. Im voll besetzten Lavatersaal stiess der Vorschlag von Corine Mauch auf einhellige Ablehnung: Das Angebot sei unzureichend, die Räume an der Bärengasse seien zu klein, war der Tenor der Anwesenden. Ihrer Ansicht nach ist auch ungeklärt, ob die technischen Einrichtungen für die Durchführung von Ausstellungen überhaupt vorhanden sind. Die angebotenen 130 000 Franken jährlich plus Anschubfinanzierung wurden als ungenügend bezeichnet. Auf grosse Skepsis stiess auch die Anforderung, dass sich innerhalb von drei Monaten eine Trägerschaft und ein machbares Konzept finden.

Ingrid Tomkowiak, Uni-Professorin für populäre Literaturen mit Schwerpunkt Jugendmedien, ist besorgt, dass es an der Bärengasse nicht möglich sein wird, Ausstellungen zu gestalten, die über die Präsentation von Schaukästen hinausgehen. «Literatur sinnlich erlebbar machen, wie das bisher im Strauhof möglich war, scheint mir an der Bärengasse nicht machbar zu sein», sagt Tomkowiak, die selber schon im Strauhof eine Ausstellung kuratiert hat.

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