«Zwischenfälle gibt es immer und überall»

Die Gewaltbereitschaft im Zürcher Nachtleben scheint zu steigen. Doch trotz der tödlichen Messerstecherei vor dem Club sieht man beim Kaufleuten keinen Handlungsbedarf.

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Ein 23-Jähriger feierte seinen Geburtstag mit seinen Brüdern und Freunden im Club Kaufleuten. Das Fest endete tragisch: Er wurde vor dem Club niedergestochen und starb noch am Tatort. Auch sein 20-jähriger Bruder erlitt schwere Stichverletzungen und musste auf die Intensivstation.

Mittlerweile ist er ausser Lebensgefahr, wie die Kantonspolizei mitteilte. Die Kapo schweigt sich über einen möglichen Täter aus. Auch zur Tatwaffe konnte der Kapo-Sprecher nichts sagen. Die beiden Brüder waren bereits im Club mit einem Unbekannten in Streit geraten, alle drei wurden kurz vor der Tat vom Sicherheitspersonal aus dem Club verwiesen.

«Es ist eine riesige Tragödie», sagt Mark Röthlin, der für den Clubbetrieb des Kaufleuten verantwortlich ist, gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz. «Stellen Sie sich vor, was das für die Familie bedeutet», fügt er betroffen an.

Gewaltbereitschaft im Zürcher Nachtleben

Es ist nicht das erste Mal, dass jemand vor dem Kaufleuten mit dem Messer angegriffen wird: Im Februar 2011 kam es im Club selber zu einer blutigen Auseinandersetzung. Zeugen beobachteten, wie mehrere Personen aufeinander losgingen. Die Sicherheitskräfte griffen ein und alarmierten die Polizei. Drei Männer und eine Frau mussten mit Schnittverletzungen ins Spital gebracht werden.

Im März 2008 leisteten die Türsteher einem 22-Jährigen Erste Hilfe. Der junge Mann war mit schweren Schnittverletzungen im Hals aufgefunden worden. Der Täter, ein 18-Jähriger, wurde wenige Tage später in einer Schule verhaftet. Allerdings trug sich die Tat an der Bahnhofstrasse zu. Der Verletzte schleppte sich von dort bis vor das Kaufleuten und wurde von den Türstehern des Clubs aufgefunden.

Angesprochen auf das Sicherheitsdispositiv des bald 20-jährigen Clubs an der Pelikanstrasse wehrt Röthlin ab: «Zwischenfälle gibt es immer und überall. Wir machen alles, was in unserer Macht steht.» Generell habe die Gewaltbereitschaft aber abgenommen. Gemäss der polizeilichen Kriminalstatistik waren Delikte gegen Leib und Leben sowie Gewaltverbrechen in Zürich in den letzten zwei Jahren tatsächlich rückläufig.

In Gruppen in den Club

Obwohl es seltener zu schwerwiegenden Delikten kommt, sei die Hemmschwelle, im Ausgang Gewalt anzuwenden, in den letzten Jahren gesunken, stellt die Zürcher Stadtpolizei fest. Das habe auch mit dem Konsum von Alkohol und Drogen zu tun, sagt Marco Bisa, Sprecher der Stadtpolizei. «Das Ausgehverhalten hat sich in den letzten Jahren verändert.» Früher hätten die meisten Clubs um Mitternacht geschlossen. «Heute sind über 600 Clubs die ganze Nacht geöffnet. Das führt natürlich auch dazu, dass Partygänger aus der ganzen Schweiz nach Zürich kommen.»

Die Polizisten im Ausseneinsatz würden vermehrt auch Waffen sicherstellen, sagt Bisa: «Es ist keine Seltenheit mehr, dass wir jemandem ein Messer abnehmen müssen.» Er rät, sich im Ausgang wenn möglich in einer Gruppe zu bewegen und sofort die Polizei anzurufen, wenn ein Streit ausbricht.

Kaufleuten, «eine der besten Adressen» der Stadt

Auf die Frage, ob sich denn das Publikum im ehemaligen In-Club der Stadt über die letzten 10 bis 15 Jahre verändert habe, betont Röthlin, dass das Kaufleuten sein Hausrecht sehr ernst nehme und öfters auch Leute abweise.

Rainer Kuhn, Urgestein der Kaufleuten-Garde und «Kult»-Herausgeber, zeigt sich besorgt über die Entwicklung im Zürcher Nachtleben, will aber das tragische Ereignis vom Wochenende auf keinen Fall am Club Kaufleuten festmachen. «Es ist eine gesellschaftliche Entwicklung, die Gewaltbereitschaft ist höher, die mediale Akzeptanz ist es leider auch», sagt der Vater dreier Kinder.

Viel anders tönt es auch nicht von seinem langjährigen Weggefährten Midi Gottet. Dieser gibt zwar zu, länger nicht mehr im Club selbst gewesen zu sein («altersbedingt»), aber ist sich ebenso wie Kuhn sicher, dass die tragische Messerstecherei nichts mit dem Kaufleuten an sich zu tun habe. Es handle sich lediglich um einen äusserst unglücklichen Zwischenfall. Das Kaufleuten wäre nach wie vor eine der besten Adressen der Stadt. Auch Yves Spink, Betreiber von mehreren Lokalen in der Stadt Zürich, teilt die Meinung von Kuhn und Gottet: «Der Vorfall ist äusserst tragisch. Aber ich glaube nicht, dass es im Kaufleuten heute grundsätzlich rauer zu und her geht als früher.» Wenn man von einer höheren Gewaltbereitschaft sprechen wolle, dann sei das auf das gesamte Nachtleben bezogen.

Ähnlicher Fall, Täter nie gefunden

Der Fall des getöteten 23-Jährigen vor dem Kaufleuten erinnert an die Messerstecherei vor dem Club Q vor zwei Jahren. Damals wurde ein 17-Jähriger erstochen. Im März 2010 stritt ein Unbekannter mit zwei Männern vor dem Club Q in Zürich-West. Dabei wurde ein 17-Jähriger mit einem Messerstich ins Herz getötet, sein Kollege erlitt Stich- und Schnittwunden.

Der Messerstecher flüchtete nach der Tat mit einem dunklen Cruiser-Velo. Obwohl Zeugen die Tat beobachtet hatten und sogar Foto- und Filmaufnahmen davon existieren und zu Fahndungszwecken ins Netz gestellt wurden, konnte der mutmassliche Täter bis heute nicht gefasst werden. Es sei jedoch noch zu früh, um Parallelen zwischen dem Fall vor dem Club Q und dem getöteten 23-Jährigen vor dem Kaufleuten zu ziehen, sagt die Zürcher Kantonspolizei auf Anfrage.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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