Zürichs verschollene Heilquelle

Bei der Wasserkirche lockte einst ein Brunnen mit angeblich heilender Wirkung Kranke und Pilger an. Immer wieder versuchten Forscher, der geheimnisvollen Quelle auf die Spur zu kommen.

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Martin Huber@tagesanzeiger

Es ist eng in der Gruft unter der Wasserkirche. Neben Bruchstücken früherer Kirchenbauten, Gräberresten und dem Märtyrerstein, auf dem die Stadtheiligen Felix und Regula geköpft worden sein sollen, steht ein unscheinbares Mäuerchen. Dahinter verbirgt sich ein Hohlraum, der Archäologen das Herz höher schlagen lässt: zweieinhalb Meter lang, einen Meter breit, mit Treppenstufen darin. Betreten kann man ihn allerdings nicht mehr, weil eine Betondecke darüber liegt.

Doch auf Fotos, die bei Ausgrabungen 1941 entstanden sind, ist der Hohlraum klar erkennbar. «Lange dachte man, es handle sich um ein Grab», sagt der Zürcher Stadtarchäologe Dölf Wild bei einem Augenschein in der Krypta. Weil sich darin nicht die geringsten Hinweise auf eine Bestattung fanden und zudem Treppenstufen hineinführen, gelangten die Fachleute zu einem anderen Schluss: Es handelt sich nicht um ein mittelalterliches Grab, sondern um ein gemauertes Bad.

«Das sind vermutlich Überreste der früheren Heilquelle bei der Wasserkirche», sagt Wild. Im steinernen Becken haben sich, so die Vermutung, Kirchenbesucher mit dem angeblich heilkräftigen Wasser benetzt, das dort in der Nähe aus dem Boden sprudelte. «Eine Art früher Bädertourismus.»

Berichte über die Heilquelle bei der Wasserkirche halten sich seit Jahrhunderten. Von einem Brunnen mit milchigem, leicht schwefligem Wasser ist die Rede, der sich in der Gruft der Kapelle auf der kleinen Limmatinsel befand, wo heute die Wasserkirche steht. Entdeckt wurde die Quelle beim Bau der jetzigen Wasserkirche um 1480. Weil das Wasser genau dort hervorsprudelte, wo der Legende nach das Blut von Felix und Regula über den Boden geflossen war, erhielt es besondere Bedeutung.

Zwingli liess Quelle zuschütten

In der Folge versammelten sich vor der Wasserkirche immer wieder Kranke, die teils von weit her kamen, um aus dem «Gesundbrunnen» zu schöpfen. Auch viele Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela kamen vorbei, wie der Ethnologe Kurt Derungs im Buch «Magische Quellen, Heiliges Wasser» schreibt. Das Wasser wurde zuerst in Fässern gesammelt, später in einem Steinbrunnen gefasst. Fassweise sei es in umliegenden Dörfern verteilt worden. «Nach heutigen Erkenntnissen war es wohl einfaches Grundwasser, das hier in unmittelbarer Limmatnähe überall anzutreffen ist», sagt Dölf Wild. Womöglich habe man mit dem Steinbad den damaligen Wallfahrtsort rund um die Stadtheiligen mit einer Attraktion aufwerten wollen.

Während der Reformation wurde der «Heilbrunnen» zugeschüttet. Huldrych Zwingli bezeichnete die Wasserkirche 1524 als «rechte Götzenkilche» und liess neben dem Brunnen auch Altäre sowie die Orgel entfernen. Begründung: Die Geistlichkeit habe den Brunnen als «Lockvogel» benützt, er sollte nicht länger Anlass zu Aberglauben geben.

Doch die Reformation bedeutete nicht das Ende der Zürcher Heilquelle. Interessanterweise waren es gerade aufgeklärte, gelehrte Kreise, die Ende des 18. Jahrhunderts erneut intensiv nach der Quelle suchten, sagt Wild. Im Auftrag der Stadtregierung erstellten sowohl die Physikalische Gesellschaft als auch die Stadtbibliothek 1792 Gutachten. Aufgrund dieser Berichte beschloss die Stadt Sondiergrabungen in der Wasserkirche.

Auf eine besondere Quelle stiess man nicht. Doch um die Öffentlichkeit am «Gesundbrunnen» teilhaben zu lassen, wurde das Wasser am Sockel der Wasserkirche gefasst und mithilfe eines Pumpwerks zu einem Brunnen ausserhalb des Gebäudes geführt. Dölf Wild: «Pikanterweise scheint man hier also gewöhnliches Limmatwasser in den Heilbrunnen geleitet zu haben.»

Rutengänger – und die Empa

Der Brunnen war noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in Betrieb. Doch auch danach beschäftigte er die Zürcher. 1941 forschte der renommierte Archäologe Emil Vogt nach der Heilquelle. Dabei zog er auch einen Rutengänger bei. Dieser stellte eine Anzahl von Wasserläufen innerhalb der Wasserkirche und des Helmhauses fest, in sieben bis elf Meter Tiefe. Vogt veranlasste Bohrungen, um Wasserproben zu entnehmen. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) und das Chemische Laboratorium der Stadt untersuchten Inhalt und Qualität. Ihr übereinstimmendes Resultat: Es handelt sich um gewöhnliches Wasser ohne besonderen mineralischen Gehalt.

«All die vielen Bemühungen, in die Frage der Heilquelle etwas Licht zu bringen, verliefen demnach mit dem Resultat, dass es sich nicht um heilkräftiges Wasser handelt», bilanzierte Vogt. Vermutlich seien diese Quellen in früheren Zeiten «lediglich aus opportunistischen Gründen mit Rücksicht auf die historisch bedeutsame Örtlichkeit als Heilquellen bezeichnet und ausgeschöpft worden.» Das Interesse an der Quelle hielt weiter an. 1977 befasste sich der damalige Stadtpräsident Sigmund Widmer in einer Schrift mit «Illusion und Wirklichkeit» der Heilquelle am Limmatquai. Und auch im aktuellen «Brunnenguide Altstadt» der Stadt taucht diese auf.

«Faszinierender Volksglauben»

«Es ist faszinierend, wie sich diese Quelle über Jahrhunderte im Volksglauben hielt», sagt Stadtarchäologe Wild. Das zeige die Kraft solcher Phänomene: Offenbar gebe es ein Grundbedürfnis nach heilkräftigen Orten und Kultstätten. So heisst es bis heute auf esoterischen Stadtrundgängen, das Wasser aus dem Brunnen in der Helmhaus-Vorhalle stamme aus der Heilquelle, wie Wild berichtet. Häufig besuchten zudem Anhänger von Kraftorten den Märtyrerstein in der Krypta. Dessen Einkerbungen sollen von den Schwerthieben stammen, die Felix und Regula den Tod brachten. Manche Besucher legen Kerzen und Blumen nieder, andere umarmen den Stein. Zum Schutz des Ortes hat die Stadt vorsorglich eine Abschrankung montiert.


Die Krypta der Wasserkirche ist geöffnet: Di 9–12 Uhr, Mi–Fr 14–17 Uhr, Sa 12–17 Uhr.

Tages-Anzeiger

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