Wenn Quotenfrauen Männer überflügeln

Was in der Politik für rote Köpfe sorgt, machen Freestyler vor: Frauen starteten ohne Qualifikation – und behaupten sich. Wie es ist, trotzdem eine Quotenfrau zu sein.

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Zum ersten Mal standen gestern Abend Frauen auf der 32 Meter hohen Schneerampe, um sich direkt mit Männern zu messen. Und das nicht bei einem nationalen Wettkampf, sondern der grössten Show in Europa, die der Freestyle-Sport zu bieten hat – notabene eine Männerdomäne.

Für die Frauen traten die Schweizer Snowboarderinnen Sina Candrian und Isabel Derungs an sowie die Westschweizer Freeskierin Virginie Faivre und ihre Konkurrentin Emilia Wint aus den USA.

«Da mitzuspringen ist ein Traum für mich», sagt Virginie Faivre. Die zierliche Freeskierin ist eine der sogenannten «Quotenfrauen». Denn sie und ihre drei Mitstreiterinnen mussten sich nicht wie die Männer zuvor für die sogenannte Crossover Session behaupten. Sie erhielten direkt einen fixen Startplatz. Trotzdem sei sie sehr aufgeregt, sagt Faivre kurz vor der Show. «Auf uns vieren lastet ein grosser Druck. Wir sind die ersten Frauen, die an einer solchen Show mitmachen, und natürlich will ich eine gute Leistung zeigen und dem Publikum gefallen.»

Vorbilder für junge Mädchen

Auch wenn sie sich für diesen Anlass nicht qualifizieren musste, geschenkt bekommen hat die Freeskierin den Absprung nicht: Virginie Faivre ist die Halfpipe-Weltmeisterin ihrer Disziplin und fünffache Europameisterin. «Wir haben uns gegen andere Konkurrentinnen durchgesetzt, wir stehen zu Recht am Start. Es ist wichtig, dass an solchen Events auch Frauen die Chance gegeben wird, sich zu profilieren. Sonst können wir uns nicht steigern.»

Von Quotenfrauen will Eliane Boner, Mediensprecherin von Freestyle.ch nicht sprechen. Vielmehr gehe es um Sportförderung: «Wenn du als Mädchen ans Freestyle kommst, dann denkst du, dass du ausser Groupie nichts werden kannst. Wir wollten einen Weg finden, Frauen einzubinden», sagt Boner. Einerseits wolle die Festivalleitung den Sportlerinnen eine Plattform bieten, andererseits sei es den Organisatoren ein grosses Anliegen, jungen Besucherinnen Vorbilder zu zeigen, die sie motivieren, selbst Sport zu treiben.

Viele Mädchen würden in der Pubertät aufhören, Sport zu treiben, sagt Boner: «Wenn sie nur männliche Snowboarder oder Freeskier sehen, dann finden sie diese vielleicht toll.» Aber vermutlich nicht vordergründig wegen deren sportlicher Leistungen. Boner ist überzeugt: «Es braucht starke Sportlerinnen, die den Mädchen vorzeigen, dass sie das auch machen können.» In der Snowboard- oder Freeski-Szene gäbe es je länger, je mehr solche Frauen, in den letzten Jahren habe sich dort enorm viel getan. «Aber sie müssen auch die Möglichkeit erhalten, sich einer grossen Öffentlichkeit zu präsentieren.» Boner hofft, dass die Zürcher Premiere Nachahmer finden wird.

Dem Publikum ists einerlei

Beim Crossover-Contest führen je acht Sportler pro Disziplin den Zuschauern ihre waghalsigen Tricks vor. Wer am meisten Applaus bekommt, ist eine Runde weiter, so das Wettbewerbsprinzip. Aufgrund des nassen Wetters am Samstagabend konnten lediglich die Disziplinen Snowboard und Freeski starten, die Mountainbiker und Motocross-Fahrer mussten aussetzen.

Ein Lärmpegeltest des Event-Moderators zu Beginn der Show ergab, dass sich das Publikum aus ungefähr zwei Dritteln Männern und einem Drittel Frauen zusammensetzte. Viele der Zuschauer waren im Zahnspangenalter, die Älteren hatten sich zu dieser Stunde bereits hinlänglich dem Alkohol und anderen Substanzen gewidmet.

Offenbar nicht die fruchtbarste Basis für genderpolitische Überlegungen. Auf die startenden Athletinnen angesprochen, reichte der Meinungsradius von Schulterzucken, Grinsen, Aussagen wie «mir eigentlich egal, Prost!» bis hin zu «Das ist geil» und der Gegenfrage an die Schreibende: «Hast du ein Feuerzeug?»

Doch als die Frauen dann starten, wurden sie gut aufgenommen. Faivre musste aufgrund einer Zerrung nach der Vorstellungsrunde zwar aussetzen, aber als Sina Candrian gegen den amerikanischen Freeskier Tom Wallisch antrat, wurde es spannend. Schliesslich gewann Wallisch bereits eine Goldmedaille an den X-Games – dem prestigeträchtigsten Event der Freestyler. Als beide gesprungen waren, jubelte die Menge in einem Stichentscheid die 23-Jährige Bündnerin in das Finale. Der Sieger des Crossover-Contests wurde schliesslich der Schweizer Freeskier Elias Ambühl.

«Wir müssen – mehr noch als die Männer – zeigen, dass wir es verdient haben»

Wallisch nahms gelassen: «Ich denke, es ist sehr cool, dass nun auch Mädchen mitmachen können. Wir trainieren zusammen und es ist interessant zu sehen, was sie draufhaben.» Schlussendlich zahle sich das auch für die Jungs aus: «Je mehr Frauen an den Contests starten, desto mehr Mädchen interessieren sich für diesen Sport. Und das ist ja sehr gut für uns», sagt Wallisch verschmitzt.

Während die Quotenfrage bei den Freestylern – einer als ziemlich machoid geltenden Szene – offenbar so unverkrampft gelöst wird, tun sich Politik und Wirtschaft erheblich schwerer damit. Es sei doch auch für die Frauen nicht befriedigend, einen Posten lediglich aufgrund einer Geschlechterquote zu erhalten, wird beinahe fürsorglich als Gegenargument angebracht.

Damit wird insinuiert, dass, wer einmal eine bestimmte Position erreicht hat, die Hände in den Schoss legen kann. Virginie Faivre und ihre Kolleginnen zeigten das Gegenteil: «Wir haben den Startplatz bekommen. Jetzt müssen wir – mehr noch als die Männer – zeigen, dass wir es verdient haben, dort oben zu stehen.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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