«Weder Strafaufgabe noch Übergangslösung»

Interview

Der neue Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) tritt Befürchtungen entgegen, die Sicherheit könnte unter seiner Führung leiden. Er will sich für eine «bevölkerungsnahe, freundliche Polizei» einsetzen.

Wolffs Revier: Stadtpolizisten bei einem Einsatz an der Langstrasse.

Wolffs Revier: Stadtpolizisten bei einem Einsatz an der Langstrasse.

(Bild: Keystone)

Martin Huber@tagesanzeiger

Mit Ihnen übernimmt ein Linksalternativer mit einer Vergangenheit in der Zürcher 80er-Jahre-Bewegung das Polizeidepartement. Verstehen Sie, dass sich einige Leute Sorgen machen um die Sicherheit in der Stadt Zürich? Nicht ganz. Die 80er-Jahre liegen jetzt mehr als 30 Jahre zurück, und ich habe mir damals nichts zuschulden kommen lassen. Ich beteiligte mich im Rahmen meiner Bürgerrechte an Demonstrationen, dazu stehe ich. Immerhin weiss ich seitdem auch, wie die Seite der Demonstranten funktioniert. Die Sache mit den 80er-Jahren darf kein Grund sein für Unsicherheiten oder Angriffe auf meine Person.

Befürchten Sie nicht, dass es einem so weit links stehenden Politiker wie Ihnen an Rückhalt im Korps mangeln wird? Das kann ich jetzt nicht voraussagen. Ich rechne mit interessierten und gespannten Reaktionen. Ich werde offen auf die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zugehen, sie müssen das einfach akzeptieren. Meiner Verantwortung bin ich mir natürlich bewusst, und ich bin überzeugt, dass ich das neue Amt gut ausfüllen kann. Ich bringe die nötigen Voraussetzungen mit und weiss, wovon ich rede. Eine Chance sehe ich auch darin, dass gleichzeitig mit mir der neue Polizeikommandant Daniel Blumer die Arbeit aufnimmt. Mit ihm werde ich unverzüglich das Gespräch aufnehmen.

Eine Ihrer ersten Amtshandlungen könnte die Räumung des besetzten Binzareals im Kreis 3 sein. Was werden Sie in diesem Fall tun? Dazu kann ich im Moment keine Stellung nehmen. Ausser vielleicht dies: In diesem Fall braucht es sicher Gespräche, und man sollte auf Deeskalation setzen.

Am 9. Juni wird im Kanton über das Hooligankonkordat abgestimmt. Ihre Partei ist dagegen. Und Sie? Das lasse ich offen. Übrigens: Der Zürcher Stadtrat ist in dieser Frage meines Wissens noch nicht zu einer einheitlichen Meinung gekommen.

Die AL ist dafür bekannt, dass sie die Polizeiarbeit äusserst kritisch betrachtet. Sind da Konflikte nicht programmiert? Solche Konflikte gibt es in jeder Partei. Ich möchte nicht, dass die Schärfe der Kritik der AL leidet. Es ist wichtig, dass man auch auf die Polizei einen kritischen Blick wirft. Immerhin verkörpert sie das Gewaltmonopol des Staates. Sie steht Tag für Tag in direktem Kontakt mit der Bevölkerung. Da muss man genau hinschauen, denn es geht um Grundrechte, um Fragen der persönlichen Freiheit und Integrität.

Welche Schwerpunkte wird der neue Polizeivorsteher setzen? Zuerst muss ich das Departement kennen lernen und mich einarbeiten. Ich werde viel zuhören, um herauszufinden, wo der Schuh drückt. Ich werde mich sicher für gute Arbeitsbedingungen des Personals einsetzen, etwa bei der Frage der Überstunden- und Ferienregelung. Wichtig ist mir eine bevölkerungsnahe, freundliche Polizei. Und dass die Polizisten den nötigen Respekt erhalten von der Öffentlichkeit.

Nur bleibt Ihnen dafür womöglich wenig Zeit. Im Februar müssen Sie sich bereits Neuwahlen stellen. Ich gehe selbstverständlich davon aus, dass ich wiedergewählt werde. Danach schauen wir weiter.

Kann es sein, dass man Sie als Vertreter der Kleinpartei AL ins Polizeidepartement abgeschoben hat, weil man ohnehin kaum mit Ihrer Wiederwahl rechnet? Nein. Ich sehe es weder als Strafaufgabe noch als Übergangslösung. Der Stadtrat hat entschieden: Das Finanzdepartement ist als Querschnittsamt sehr wichtig, das muss jemand übernehmen, der das Ganze bereits kennt. Daniel Leupi bringt als bisheriger Stadtrat und Nationalökonom die Voraussetzungen dafür mit. Deshalb kann ich diese Wahl nachvollziehen. So wurde die Polizei frei, und weil niemand der Bisherigen wechseln wollte, bin ich jetzt da.

Sie sagen, die Polizei sei nicht Ihr Wunschdepartement. Fühlen Sie sich nicht verschaukelt? Nein. Aber es stimmt: Das Polizeidepartement stand nicht auf meiner Topliste. Inhaltlich wären mir als Stadtgeograf Fragen der Stadtentwicklung, des Hochbaus oder die Industriellen Betriebe nähergelegen. Aber auch im Polizeidepartement geht es um Sicherheit und Kontrolle im öffentlichen Raum, um Nutzungskonflikte. Alles Dinge, mit denen ich mich seit langem befasse. Zudem gehört zum Polizeidepartement auch der Stadtverkehr, ein weiteres meiner Kernthemen. Und als Mitglied des Gesamtstadtrats kann ich künftig auch in Fragen der Wohnbaupolitik Einfluss nehmen.

Tages-Anzeiger

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