Unbequem wollen sie sein und bequem leben

Kürzt man dem Neumarkt-Theater die Subvention, jaulen die Künstler auf. Denn prinzipiell möchten sie beides: Kritisieren und kassieren.

Theatermann Philipp Ruch im März beim «Entköppeln» in Zürich.

Theatermann Philipp Ruch im März beim «Entköppeln» in Zürich. Bild: Urs Jaudas

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Zuerst prominent im Radio, dann gross in der Zeitung: Schweizer Künstlerinnen und Künstler verdienten zu wenig, klagt ihre Dachorganisation Suisseculture Sociale. Die Einkommen seien tief, durchschnittlich 40'000 Franken; es hapere deswegen auch bei der Altersvorsorge. Auffällig sei zudem, dass viele Künstler von der Kunst allein nicht leben könnten.

Interessant. Die hiesigen Künstler wollen zwei Dinge, die sich im Grunde widersprechen. Sie wollen kritisch sein und sich quasi aus der Gesellschaft herausnehmen. Aber das Gegenteil wollen sie auch: Sicherheit und pflegliche Zustände nach dem Standard des Kapitalismus. Sie wollen so bezahlt werden wie die, die profane Lohnarbeit verrichten, sind aber irritiert, dass sie allenfalls auch profane Lohnarbeit verrichten müssen, um über die Runden zu kommen.

Immer wieder mal betupft

Ebenfalls dieser Tage in der Zeitung: Die Nachricht, dass der Zürcher Regierungsrat wegen der umstrittenen «Entköppelungs-Aktion» dem Zürcher Theater Neumarkt einmalig die Subvention kürzt. Die Künstler reagieren betupft. Sie sprechen zum Beispiel von «kindischem und unreifem Missbrauch von Macht».

Da ist dasselbe Motiv wieder: Empörung – und Beharren auf einer Doppelrolle. Die Künstler, in diesem Fall der Trupp um Theatermann Philipp Ruch, wollen aufmüpfig sein und ein Zeichen gegen rechts setzen. Deswegen im Frühling ihre Aktion: Sie riefen dazu auf, den SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel zu verfluchen; sie wollten gar vor sein Haus an der Goldküste ziehen.

Schampar kritisch

Und gleichzeitig mögen dieselben Leute es gar nicht, wenn man ihnen respektive dem Haus, von dem das kindische und unreife Spiel ausging, den Zuschuss kürzt. Das sei Bestrafung, heisst es. Eigentlich, dies nebenbei, müssten sich die Künstler bedanken: Bestrafung bedeutet, für voll genommen, ernst genommen zu werden. Nichtbestrafung hiesse, dass das Happening läppisch und lächerlich war.

Die Künstler wollen auch in diesem Fall beides: schampar kritisch sein und gleichzeitig vom Steuerzahler Geld bekommen. Lohn kassieren und dem, der den Lohn zahlt, quasi in die Hand beissen. Die Künstler sind Wesen der Ambivalenz: Sie begehren zwei Dinge, die sich im Grunde beissen: bürgerliche Behaglichkeit wollen sie geniessen und gleichzeitig antibürgerlich agieren.

Geht das auf? Natürlich nicht. Freiheit der Kunst verträgt sich schlecht mit dem Beharren auf fester Finanzierung und materieller Sicherheit. Eingebunden sein und rebellieren: Das ist und bleibt ein Widerspruch.

Erstellt: 25.11.2016, 16:04 Uhr

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