Una bella carriera!

Sie beliefern das Land mit Gourmetravioli und Frischfisch. Sie singen, frisieren – und schiessen als Fussballer für die Schweiz Tore. Zürcher Erfolgsitalienerinnen und -italiener im Porträt.

Zürich Hauptbahnhof, 25. April 1963: Italienische Gastarbeiter fahren für die Parlamentswahlen nach Hause. Foto: Keystone

Zürich Hauptbahnhof, 25. April 1963: Italienische Gastarbeiter fahren für die Parlamentswahlen nach Hause. Foto: Keystone

Denise Marquard@tagesanzeiger
Thomas Widmer@ThomasWidmer1
Thomas Zemp@tagesanzeiger

Marinello zieht sich aus dem Detail­handel zurück. Anfang Woche wurde ­bekannt, dass die Migros die Lebensmittelläden in Zürich übernimmt. Luciano Marinello, der das Geschäft an die ­Migros verkauft, ist Schweizer mit italienischen Wurzeln, seine Familie stammt aus dem Veneto.

Der Marinello-Clan steht für eine von mehreren italo-helvetischen Erfolgs­geschichten im Raum Zürich. Die folgenden zehn gehören zu den schönsten.


Valentino

Valentino ist eine Marke. Hinter ihr versteckt sich Figaro Claudio Scattino. Er hat in Zürich in wenigen Jahren ein Impe­rium von über einem Dutzend Coiffeur­läden geschaffen. Der Sohn eines ­sizilianischen Schweissers begann ganz unten. Zuerst musste er sich bei seiner Familie mit 60'000 Franken verschulden. Nur so konnte er Anfang der 80er-Jahre seinen ersten Salon am Pelikan­platz eröffnen. Inzwischen hat Valentino sein spektakulärstes Geschäft im In-Quartier Seefeld. Das Haus sieht aus, als käme es direkt aus einer Zuckerbäckerei: ein Märchenschloss mit kitschig weissem Zuckerguss. Dass das nicht allen gefällt, lässt Scattino kalt. «Um erfolgreich zu sein, musst du auffallen – auch als Person», sagte er einmal. Das Haareschneiden überlässt Valentino heute dem Personal. Er ist der Boss, der die Läden in Schwung hält und inzwischen standesgemäss wohnt: In einer Villa an der Goldküste und in einer Wohnung auf Mallorca. (mq)


Giahi

Mit 17 stellte Giada «Giahi» Ilardo ihren ersten Tätowierer an. Heute, knapp über 30-jährig, ist sie Herrin über das grösste Tattoo-Imperium der Schweiz, zu dem mehrere Läden in Zürich und in Winterthur gehören. Piercings und Tattoos sind für Giahi nicht nur eine Kunstform, sondern auch das, was die Kundschaft wünscht: Fashion, oft aus einem Trend geboren. Bei Kunden greift sie nicht mehr selber zur Nadel, aber sie ­bildet ihre Leute persönlich aus. «Ich bin eine Top-Piercerin», sagt sie. Wie Claudio Scattino beim Coiffeur Valentino ist Ilardo jedoch meist mit Managen beschäftigt. Sie lebt nicht an der Goldküste, sondern im Zürcher Oberland. Ihre italienischen Wurzeln verleugnet sie nicht. «Aber in der Art, wie ich denke, bin ich sehr schweizerisch geworden.» (mq)


Bruno Stefanini

Bruno Stefanini, Jahrgang 1924, wuchs in Winterthur als Kind italienischer Einwanderer auf, der Vater war Rohrleger. Bei einer genossenschaftlichen Haus­verwaltung örtlicher Italiener sammelte er Erfahrungen mit Immobilien und gründete bald eine eigene Firma. In der Wohnungsnot der Nachkriegsjahre baute er in Wülflingen Riesenblöcke und senkte die Baukosten, indem er Gewerbler statt mit Geld mit Wohnungen entschädigte. «Ein scheuer, stiller und fast manischer Schaffer» (TA), wurde er zum Herr über 5000 Mietwohnungen; sein Gesamt­vermögen an Immobilien beträgt mindestens 500 Millionen Franken. Auch sammelte er Kunst im Wert von über einer Milliarde Franken. Den wüsten Streit, wer in der zuständigen Stiftung das Sagen hat, bekommt Stefanini derzeit kaum mit. Er ist schwer ­dement. (tow)


Antonio Colaianni

Italienischer kann ein Name nicht sein: Antonio Colaianni. Der Koch des «Mesa» in Zürich ist ein klassischer Secondo. «Hier geboren, hier aufgewachsen, hier geblieben», sagt er auf Berndeutsch. Doch seine Herkunft kann er nicht verheimlichen, weder im Namen noch im Aussehen. Und schon gar nicht in seiner Küche. Der mediterrane Raum und vor allem Italien bilden die Grundlage seiner Gerichte. Er fusioniert sie mit der französischen Küche, setzt Fonds und Saucen ein, was in der italienischen ­Küche ungewöhnlich ist. Und er gibt dem Ganzen einen modernistischen Touch. Colaianni hat sich in der Zürcher Gastroszene einen Spitzenplatz erkocht, einen Stern und 17 Punkte erhalten. Und trotzdem ist er gelassener geworden. Er «chrampfe» nicht mehr für Sterne, sagt er, «sondern für den Gast». (zet)


Giulio und Paolo Bianchi

1881 eröffnet Giuseppe Bianchi, ein Traiteur aus Mailand, in Zürich einen Laden am Rennweg. Er hält Salami, Orangen, Zitronen, Gemüse feil und zügelt bald an die Strehlgasse. So beginnt eine Erfolgsgeschichte, die sich mittlerweile über vier Generationen erstreckt. Heute leiten Giulio und Paolo Bianchi das Geschäft mit der komplizierten Logistik. 100 Bianchi-Fahrzeuge verkehren im Land, 30'000 Kilo Ware pro Tag kursieren, 8000 Kunden nehmen sie ab. Wenn frischer Fisch um 16 Uhr am Flughafen Zürich landet, ist er am nächsten Morgen spätestens um 9 Uhr in Zermatt. Vor allem für hochwertigen Fisch und Krusten­tiere ist Bianchi der Name in der Schweiz. Weil das Business nun einmal riecht, zügelt der Engroshändler 1994 aus der Stadt nach Zufikon im Zürich-nahen Aargau. (tow)


Ciriaco Sforza

«Vielleicht der instinktsicherste Fuss­baller, den es in der Schweiz je gegeben hat», schrieb die NZZ über ihn. Ciriaco Sforza, Aargauer aus Wohlen, Sohn italienischer Eltern und seit 1990 Schweizer Bürger, wurde in den Neunzigern ganz gross. In Zürich hatte er bei GC begonnen, wechselte nach Aarau, ging wieder zu GC, wurde 1991 Schweizer Meister. Er war der Vorzeige-Secondo, bestritt 79 Länderspiele für die Schweiz, drang an der WM 1994 in den USA mit der Nationalmannschaft bis ins Achtel­finale vor. Auch im Ausland spielte er, in Italien und in der deutschen Bundesliga. Als er ausgekickt hatte, begann er eine Zweitkarriere als Trainer, in Luzern, bei GC, heute bei Wohlen – er hievte den Dorfclub mit wenig Geld aus der Punktemisere. «Ciri»: ein guter, ein unvergessener Name in Zürich und anderswo. (tow)


Patrizia Fontana

Sie beliefert vom Zürcher Kreis 6 aus gute Speiselokale im ganzen Land mit ­ihren Ravioli-Kreationen. Diese Zeitung nannte Patrizia Fontana einmal «Pasta-Königin». Eigentlich wollte sie ein Restaurant eröffnen; sie sammelte schon als Kind Rezepte, trug die Gnocchi-Variationen ihrer Grossmutter am Gardasee sowie den Risotto ihres Mailänder Vaters im Herzen, sah ihr Lokal schon vor sich. Doch just an dem Tag, an dem sie es fand, starb der Vater. Und sie überlegte sich, dass sie und ihr Mann, der Yello-Musiker Boris Blank, kaum mehr Zeit miteinander verbringen würden, wenn sie Wirtin wäre. So schlug Patrizia Fontana eine Raviolilaufbahn ein. So mancher Gastronom ist ihr dankbar für die Entscheidung. (tow)


Cecilia Bartoli

Zürich ist der Welt kleinste Weltstadt. Die Tendenz herrscht in ihr, alle ansässigen Leute, auch die temporär verweilenden, zu Zürchern zu ernennen; man hat sonst zu wenig Prominente, auf die man stolz sein kann. So schafft es Cecilia Bartoli auf diese Liste. In Rom geboren, wohnt sie nahe Zürich, gehört zum Stamm des Opernhauses, ist mit einem Schweizer Bariton verheiratet. Die Bartoli ist eine jener Opernsängerinnen, die Nichtopernfans kennen und schätzen. Dies belegen über 10 Millionen verkaufte Tonträger, über 100 Wochen Präsenz in internationalen Popcharts, Goldene Schallplatten, Grammys, Echos. Sie liebt, sagt sie, Zürigschnätzlets. (tow)


Graziella Rossi

Ihre Mutter stammt aus Norditalien, ihr Vater aus dem Tessin. Aufgewachsen ist die Schauspielerin Graziella Rossi in Schaffhausen, zu Hause ist sie in Zürich, die Vielsprachigkeit hat sie sich erar­beitet. Das zahlt sich aus. Sie tritt nicht nur auf Zürcher Bühnen auf, sondern hat auch Engagements im In- und Ausland: in New York, Berlin, Wien, München. In Paris spielte sie ihr Stück über das aufwühlende Leben der Sabina Spielrein. «Da war ich schon etwas nervös, als ich erfuhr, dass die Schauspielerin Marthe Keller im Publikum sass.» Das Handwerk hat sie an der Schauspiel-Akademie Zürich und in Prag gelernt. Damals existierte noch der eiserne Vorhang. Alles zusammen hat ihr einen andern Zugang zu den Brettern verschafft, die die Welt bedeuten. In den letzten Jahren hat sie in Hauptrollen als Edith Piaf, Medea, Maria Callas brilliert. (mq)


Richard Dindo

Er gehört zu den bekanntesten Dokumentarfilmern der Schweiz. Als Sohn ­eines in Zürich geborenen italienischen Bauarbeiters hat Richard Dindo zwischen 1970 und 2014 35 Filme gedreht. Angetrieben haben ihn vor allem zwei Vorkommnisse. Mit 22 wanderte er nach Paris aus, erlebte die 68er-Ereignisse, was sich auch in seinen Filmen ausdrückt. In Paris entdeckte Richard Dindo das Kino, die Klassiker, Filmstoffe, bei denen es fast immer ums Gleiche geht: um Gerechtigkeit, Freiheit des Einzelnen und der Völker, die Emanzipation der Frau. Dindo ist bekannt für seine politischen Filme wie «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» oder «Grü­ningers Fall». Sein Lehrmeister, seine geistige Vaterfigur hat er in Max Frisch; ­dessen Bücher haben ihn zu mehreren Filmen inspiriert. (mq)

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