«Gewalt in einer neuen Dimension»

Nach den Ausschreitungen in Zürich ist Kritik am Polizeivorstand laut geworden. Jetzt nimmt Richard Wolff Stellung.

«Der Polizeieinsatz funktionierte sehr gut»: Richard Wolff. (17. September 2013)

«Der Polizeieinsatz funktionierte sehr gut»: Richard Wolff. (17. September 2013)

(Bild: Keystone)

Martin Huber@tagesanzeiger

Was sagen Sie zu den jüngsten Ausschreitungen in der Zürcher Innenstadt?
Die Form dieser gewalttätigen Ausschreitungen ist ohne Wenn und Aber zu verurteilen. Das Ausmass an Gewalt – vor allem gegen Menschen –, aber auch die massiven Sachbeschädigungen sind inakzeptabel und machen mich tief betroffen.

Was sind Ihre Erkenntnisse am Tag danach?
Die nötigen Untersuchungen und Abklärungen durch die Stadtpolizei und die Staatsanwaltschaft sind am Laufen. Sobald konkrete Ergebnisse vorliegen, werden wir informieren.

Wie sieht die Bilanz aus?
Eine Polizistin und sechs Polizisten wurden von Laserpointern und Petarden verletzt. Wie gravierend die Verletzungen sind, lässt sich momentan nicht beurteilen. Der totale Sachschaden geht aber in die Hunderttausende, kann zurzeit aber nicht genau beziffert werden. Voraussichtlich lässt sich gegen Ende dieser Woche mehr sagen, wenn die Gewerbetreibenden ihre Läden und Geschäfte wieder offen haben.

Warum kam es zu den Ausschreitungen?
Auch hier laufen die Abklärungen der Polizei. Wir werden weiter informieren, sobald Ergebnisse vorliegen.

Wie bewerten Sie den Polizeieinsatz?
Aus meiner Sicht funktionierte der Polizeieinsatz sehr gut. Es war beeindruckend, wie schnell die zusätzlich Aufgebotenen vor Ort waren und den Ausschreitungen rasch ein Ende setzen konnten. Das ist besonders dem neuen Alarmierungskonzept zu verdanken, das am Freitagabend zum ersten Mal in dieser Dimension zum Einsatz kam und sich hervorragend bewährt und als lohnende Investition in die Sicherheit herausgestellt hat.

Warum hatte die Polizei keine Kenntnis vom Aufruf zur Demo?
Die gesetzlichen Grundlagen beschränken die Möglichkeiten der Polizei.

Weshalb gab es nur vier Verhaftungen?
Primär geht es darum, Menschen und Sachgüter zu schützen. Selbstverständlich sollen auch Verhaftungen erfolgen, dabei muss die Polizei aber die konkrete Gefahrensituation für andere und sich selbst kalkulieren.

Woher kamen die gewaltbereiten Demonstranten? Aus dem Umfeld besetzter Häuser? Aus der Hooliganszene?
Auch hier sind Abklärungen der Polizeiführung im Gang, über die Ergebnisse werden wir wie erwähnt informieren. Möglicherweise lässt sich auch etwas von den festgenommenen Personen erfahren.

War das Gewaltpotenzial der Chaoten gegenüber Polizisten grösser als auch schon?
Ja, ganz klar. Es hatte insofern eine neue Dimension, als brennendes Feuerwerk gezielt gegen Polizistinnen und Polizisten eingesetzt wurde. Das ist lebensgefährlich. Ich bin erleichtert, dass es nicht zu noch schwereren Verletzungen gekommen ist. Gleichzeitig macht es mich sehr betroffen, dass Polizeiangehörige Verletzungen erlitten haben.

Wo sehen Sie als Stadtsoziologe die Gründe für diesen plötzlichen Ausbruch von Gewalt und für die erhebliche Gewaltbereitschaft?
Wir wissen momentan noch zu wenig, ich ziehe darum keine voreiligen Schlüsse.

Was sagen Sie zu den Forderungen der Reclaim-the-Streets-Bewegung nach mehr Freiräumen?
Inhaltliche Diskussionen über die Stadtentwicklung sind wichtig, nötig und werden auch geführt. Aber jegliche Form von Gewaltanwendung gegen Menschen und Sachwerte ist zu verfolgen und zu sanktionieren.

Was lässt sich gegen solche Saubannerzüge unternehmen? Wie kann man diese verhindern?
Ein Patentrezept gibt es vermutlich nicht. Man muss sich immer und immer wieder mit der jeweils aktuellen Situation und ihren Umständen auseinandersetzen. Das gilt übrigens nicht nur für Zürich.

Was sind die Konsequenzen, die Sie aus den jüngsten Krawallen ziehen? Wir werden die Ausschreitungen und den Polizeieinsatz sorgfältig analysieren. Danach werden wir sehen, in welchen Bereichen Verbesserungen vorgenommen werden können.

Was tun Sie, um die Verantwortlichen der Krawalle ermitteln zu können und sie zur Verantwortung zu ziehen?
Ich erwarte, dass die Stadtpolizei ihre Möglichkeiten ausschöpft, um Straftäter zur Verantwortung zu ziehen.

Was sagen Sie zum Vorwurf der SVP, mit seiner Haltung gegenüber militanten Hausbesetzern schaffe der Zürcher Stadtrat ein Klima, in welchem ein solches Chaotentum gedeihen könne?
Diesen Vorwurf weise ich zurück. Das Klima in Zürich ist geprägt von Offenheit und Toleranz. Darum ist Zürich auch so attraktiv für die Tausenden von Menschen, die hier wohnen, arbeiten und die Stadt laufend besuchen. Zürich ist überaus erfolgreich, die Lebensqualität ist erwiesenermassen sehr hoch, auch in internationalen Vergleichen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt