Autos stecken zwischen den Barrieren fest

Hintergrund

Der gefährlichste Bahnübergang in Zürich ist ein grosses Problem: Autos bleiben stehen und werden von Loks gerammt. Polizei und SBB suchen fieberhaft nach Lösungen.

Videoanalysen sollen klären, warum dieser Übergang gefährlich ist: Barriere im Tiefenbrunnen.

Videoanalysen sollen klären, warum dieser Übergang gefährlich ist: Barriere im Tiefenbrunnen.

(Bild: Dieter Seeger)

Martin Huber@tagesanzeiger

Bange Sekunden erlebten die Insassen eines Personenwagens am vergangenen 9. Dezember. Ihr Wagen war mitten auf dem Bahnübergang beim Bahnhof Tiefenbrunnen stehen geblieben, als sich die Barrieren senkten. Offenbar musste der Fahrer auf den Gleisen anhalten, weil sich vor ihm auf der Seefeldstrasse eine stehende Kolonne gebildet hatte. Zwar gelang es den Insassen noch, das Auto zu verlassen, doch eine herannahende S 7 konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und krachte ins Auto.

«Gefangen» in der Kolonne

Bereits Ende August war es auf dem gleichen Bahnübergang zu einem ähnlichen Unfall gekommen. Auch damals war ein Auto auf den Gleisen stehen geblieben, als sich die Schranken senkten, worauf eine S-Bahn-Lok das Auto rammte. Verletzt wurde auch damals niemand, die Beifahrerin erlitt aber einen Schock.

Beim Unfall im Dezember handelte es sich um den dritten polizeilich registrierten in den letzten 18 Monaten, sagt Heiko Ciceri, Sprecher der Dienstabteilung Verkehr im Stadtzürcher Polizeidepartement. Bei allen Unfällen gab es glücklicherweise keine Verletzten. «Wir vermuten, dass die stadteinwärts fahrenden Fahrzeuge auf eine stehende Kolonne an der Einmündung aufgefahren sind und auf den Geleisen zum Stehen kamen», sagt Ciceri. An der Kreuzung nach dem Bahnübergang wird oft der Rechtsvortritt nicht gewährt, was zu Rückstaus auf den Übergang führt.

Beim Bahnübergang Tiefenbrunnen herrscht reger Zugsverkehr. Die drei S-Bahn-Linien 6, 7 und 16 verkehren im Halbstundentakt in beide Richtungen, die Barrieren werden damit bis zu zwölfmal pro Stunde geschlossen, also im Schnitt alle fünf Minuten.

Laut Heiko Ciceri haben Fachleute den Bahnübergang in den vergangenen Jahren schon mehrmals analysiert. Und es wurden Anpassungen an der Infrastruktur vorgenommen. Allerdings, so Ciceri: «Es ist offensichtlich, dass bei den Unfällen jeweils nicht die Infrastruktur mangelhaft war, sondern dass es sich um ein Fehlverhalten der Fahrzeuglenker handelte.» Auf anderen Bahnübergängen in der Stadt Zürich sei ein ähnliches Problem bisher nicht aufgetreten. Jetzt steht der Problembahnübergang erneut unter verschärfter Beobachtung. «Wir klären ab, welche weiteren Massnahmen wir dort ergreifen können», sagt Ciceri. Verschiedene Ideen lägen vor, aber das Datum der Umsetzung sei noch offen. Derzeit ist man mit Videoanalysen daran, die Ursachen der Unfälle genau zu klären.

Im Zentrum steht die Frage: Wie bringt man Automobilisten dazu, dass sie trotz roter Warnblinker und dem Signal «Achtung Bahnübergang» künftig bei Kolonnenverkehr nicht mehr auf die Gleise fahren? Zur Diskussion stehen zusätzliche Signale, Sensibilisierungskampagnen mit Plakaten sowie Belagseinfärbungen oder -beschriftungen.

Sensoren als Lösung?

Geprüft wird auch, ob die Installation eines Sensors eine Lösung sein könnte. Dieser würde dafür sorgen, dass Züge anhalten, falls ein Auto bei geschlossener Schranke die Gleise blockiert. Das Problem dabei: Der Bahnverkehr würde wohl öfters gestört, der Fahrplan könnte nicht mehr eingehalten werden. Eher unwahrscheinlich sind laut Ciceri grössere Eingriffe wie der Bau einer Unterführung. Die Kosten wären zu hoch.

In die Lösungssuche involviert sind auch die SBB. Laut Sprecherin Lea Meyer trafen sich Bahnverantwortliche Mitte Februar mit Vertretern der Stadt Zürich, um Verbesserungsmassnahmen zu besprechen. Ein weiteres Treffen soll in den nächsten Monaten stattfinden. Meyer betont, der Übergang und auch die Signalisierung seien gesetzeskonform, die Anlagen in gutem Zustand. Zu den heiklen Situationen sei es gekommen, als Autofahrer die Signalisation missachteten. Der Bahnübergang Tiefenbrunnen beschäftigte inzwischen auch schon höchste Stellen. So hat sich das Bundesamt für Verkehr laut Sprecher Andreas Windlinger im Dezember an einer Sitzung der Koordinationsgruppe für Eisenbahnsicherheit mit dem Thema befasst.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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