«Am Tag nach der Geburt im Büro»

Kinder hätten Anspruch auf beide Eltern, fordert der künftige Männerbeauftragte von Zürich. Die junge Politikerin Anita Borer bezeichnet obligatorischen Vaterschaftsurlaub als «Luxus».

  • loading indicator

Unternehmen und Verwaltungen können Männern eine Freistellung gewähren, die meist nur wenige Tage dauert. Ist dies zufriedenstellend?Anita Borer: Die Frage ist nicht, ob die wenigen freien Tage zufriedenstellend sind oder nicht. Es stellt sich vielmehr die Frage, wer einen Vaterschaftsurlaub finanzieren soll. Markus Theunert: Nein. Die Schweiz steht in Sachen Väter- und Elternzeit auch im internationalen Vergleich ganz schlecht da. Die EU fordert von ihren Mitgliedsstaaten verbindlich, dass sie Rechtsvorschriften für eine – die Mutterschaftsversicherung ergänzende – Elternzeit von mindestens 4 Monaten erlassen, wobei die Väter mindestens einen Monat davon beziehen müssen. Das ist aber meine persönliche Meinung. Als Männerbeauftragter von Zürich kann ich erst ab Juli sprechen.

Was spricht für einen gesetzlich verankerten Vaterschaftsurlaub?Borer: Vaterschaftsurlaub darf nicht staatlich verankert werden. Wenn es sich ein Unternehmen leisten kann, dann ist das in Ordnung. Ich bin klar der Meinung, dass dies nicht die Aufgabe des Staates ist. Vaterschaftsurlaub muss privat finanziert werden. Theunert: Kinder haben einen Anspruch auf Kontakt zu beiden Elternteilen. Die Anwesenheit des Vaters gleich nach der Geburt, aber auch in den ersten Lebensjahren des Kindes, stärkt die Beziehung zum Kind, lässt ihn einen eigenen Stil des Bevaterns entwickeln und entlastet die Mutter. Ausserdem haben Länder mit guten Elternzeitmodellen eine höhere Geburtenrate. Das ist ein zentraler Beitrag zur Sicherung der Sozialwerke.

Was spricht dagegen?Borer: Der Staat springt ein, um die Schwächsten unserer Gesellschaft zu unterstützen. Aber Vaterschaftsurlaub ist Luxus auf Kosten aller Steuerzahler und würde enorme staatliche Mehrausgaben bedeuten. Theunert: Es wird gern mit den Kosten argumentiert. Diese Argumentation blendet aber die volkswirtschaftlichen Folgekosten aus, welche aufgrund der väterlichen Abwesenheit und des nicht genutzten Bildungspotenzials der Frauen entstehen.

Wie stellen Sie sich die erste Zeit als junge Familie vor, wenn ein Elternteil nur wenige Tage Zeit hat, sich dieser Rolle zu widmen?Borer:Es ist klar, dass eine Familie eine zeitliche und finanzielle Investition bedeutet. Beide Elternteile haben die Möglichkeit, sich Urlaub zu nehmen oder die Arbeitszeit zu reduzieren, um sich der Elternrolle widmen zu können. Theunert: Es ist für den Vater und die Mutter eine ausserordentliche Belastung, wenn der Mann am Tag nach der Geburt im Büro erwartet wird, wie wenn sich in seinem Leben gar nichts geändert hätte. Ich selber bin nicht Vater, stelle mir das aber unbefriedigend und in gewisser Weise unwürdig vor.

Warum steht der Vaterschaftsurlaub in der gleichberechtigungsbemühten Schweiz, speziell im Kanton Zürich, nicht auf der politischen Agenda?Borer: Weil Vaterschaftsurlaub den Steuerzahler sehr viel kosten würde. Theunert: Drei Wochen Väterzeit für alle Väter der jährlich rund 70'000 Schweizer Babys würden nach Angaben des Bundesrates rund 200 Millionen Franken kosten. Diese Ausgaben werden nicht als Investition in starke Familien und starke Bindungen zwischen Kindern und beiden Elternteilen angesehen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt