Zürich könnte vom Kahlschlag der UBS profitieren

Die UBS entlässt in Zürich 1600 Mitarbeiter. Dem Bankenstandort dürfte dies kaum schaden, sind Experten überzeugt.

Banken sind für Zürich traditionell ein wichtiger Wirtschaftszweig: Der UBS-Sitz am Zürcher Paradeplatz.

Banken sind für Zürich traditionell ein wichtiger Wirtschaftszweig: Der UBS-Sitz am Zürcher Paradeplatz.

(Bild: Keystone)

Die UBS baut 10'000 Stellen ab. Auch der Bankenplatz Zürich ist betroffen. Hier sollen in den nächsten drei Jahren 1600 Arbeitsplätze gestrichen werden. «Dass die UBS einen Schritt weg vom Investmentbanking macht und sich ins früher als langweilig bezeichnete Kerngeschäft zurückzieht, erstaunt mich nicht ausserordentlich. Die Konsequenz, mit der die UBS diesen Plan umsetzt, ist allerdings durchaus überraschend», sagt der Volkswirtschafter Christian Müller gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz.

Diese Entwicklung sei sinnvoll und gesellschaftlich richtig. «Natürlich ist das tragisch für die betroffenen Angestellten. Aber ich denke nicht, dass diese Entlassungswelle das Ende des Zürcher Bankenplatzes einläutet. Im Gegenteil. Für den Standort Zürich ist das eine Chance», ist Müller überzeugt. «Das gigantische Übergewicht des Bankensektors in Zürich hat zu einer Abhängigkeitsbeziehung geführt. Wenn die Banken husteten, wurde ganz Zürich krank. Nun können auch andere Wirtschaftssektoren profitieren.» Denn das grosse Klumpenrisiko, das dem Standort Zürich durch die Banken auferlegt wurde, werde so verringert.

Zudem würden in Zürich nicht die grossen Investmentbanking-Stars entlassen: «Es trifft vor allem Experten aus dem Backoffice, die Analysen zusammengestellt haben, und Informatiker. Gerade Informatiker werden ja zurzeit überall händeringend gesucht», sagt Müller.

Mauch: «Ich bin froh, dass die UBS zur Einsicht gekommen ist»

Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch nimmt die UBS in die Verantwortung: «Wer Geld ausgibt für unverantwortlich hohe Saläre und Boni, muss grosszügig Geld in einen wirkungsvollen Sozialplan investieren. Der Abbau muss sozialverträglich erfolgen.» Banken seien für Zürich traditionell ein wichtiger Wirtschaftszweig, sagt Mauch gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz. «Darum betreffen uns Umwälzungen im Finanzsektor unmittelbar.»

Umso höher sei das Interesse der Stadt an einem stabilen Geschäftsmodell: «Ich bin daher froh, dass die UBS zur Einsicht gekommen ist, dass sie zu lange am Bankgeheimnis festgehalten hat. Und es scheint auch endlich die Erkenntnis zu reifen, dass das Investmentbanking in heutiger Form und Grösse über die Jahre betrachtet ökonomisch nicht nachhaltig ist», sagt Mauch.

Zürich ist nicht nur eine Bankenstadt

Am Image von Zürich als Bankenstandort würden diese Entlassungen nicht kratzen, ist Pascal Geissbühler, Marketingexperte und Creative Director bei Branders überzeugt: «Diese Entlassungswelle ist insgesamt und für Zürich sehr schmerzhaft. Aber die UBS ist nicht die einzige Bank in Zürich. Erst wenn auch bei anderen Banken eine ähnliche Tendenz absehbar würde, könnte dies dem Ruf von Zürich als Bankenplatz schaden.» Zudem sei Zürich nicht nur eine Bankenstadt. «Der Standort Zürich ist immer mehr auch geprägt vom Bild als Kulturstadt mit einer blühenden Kreativwirtschaft», sagt Geissbühler.

Auch bei der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) herrscht keine Angst vor einem Ansturm arbeitsloser Investmentbanker und Informatiker. «Wir beraten und vermitteln bereits heute über 700 arbeitslose Informatiker sowie über 500 Banker. Das RAV wäre also für ein Worst-Case-Szenario gerüstet. Aber wir gehen zurzeit nicht davon aus, dass wir von Hunderten arbeitslosen Informatikern und Bankern überschwemmt werden», sagt Can Arikan, Sprecher des RAV.

RAV ist gerüstet

Das RAV sei gut aufgestellt, es seien daher im Kanton Zürich keine besonderen Beratungs- oder Qualifizierungsmassnahmen für betroffene Banker oder Informatiker vorgesehen. «Wir bedauern den Stellenabbau der UBS in Zürich natürlich, sind aber auch nicht gänzlich überrascht. Bereits vor rund einem halben Jahr teilten wir mit, dass es zu einschneidenden Umbrüchen auf dem Bankenplatz Zürich kommen könnte», sagt Arikan.

Wie viele ehemalige UBS-Mitarbeiter sich effektiv bei der Regionalen Arbeitsvermittlung des Kantons melden werden, ist ungewiss. «Der Abbau erfolgt über drei Jahre, wobei dabei zum einen die natürliche Fluktuation genutzt werden kann und zum anderen vielen Betroffenen der Einstieg in einen neuen Job gelingen dürfte», sagt Arikan. Zudem seien unter den UBS-Angestellten viele Pendler aus anderen Kantonen, und das Investmentbanking ist international ausgerichtet. «Die Zahl der Expats, die aufgrund ihrer Arbeit in die Schweiz gezogen sind und nun womöglich in ihr Heimatland zurückgehen, ist eine unbekannte Variable in der Gleichung.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt