Zürcher Journalist entkommt der Beugehaft

Dem «SonntagsZeitung»-Journalisten Karl Wild drohte eine Nacht im Gefängnis, weil er die Identität seiner Quellen nicht preisgeben wollte. Doch Wild blieb standhaft.

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Der «SonntagsZeitung»-Journalist Karl Wild muss die Nacht nicht im Gefängnis verbringen. So haben die Richter des Zürcher Obergerichtes heute Mittwoch nach der Zeugenbefragung entschieden. Die Staatsanwaltschaft stellte im Vorfeld das bedrohliche Szenario der Beugehaft in Aussicht, falls Wild seine Quellen nicht nennen sollte. Doch heute Mittwoch stand eine Inhaftierung nicht zur Debatte.

Wild sagte wie angekündigt aus, er habe die Informationen über das Strafverfahren gegen Roland Nef nicht von dem angeklagten Polizisten Fredi Hafner erhalten. Die Unterlagen seien ihm bereits vor dem Treffen mit Hafner zugespielt worden. Über seine Quellen schweigt sich Wild weiterhin aus.

«Druckmittel sind nicht akzeptabel»

Dem Journalisten Karl Wild gehe es gut, sagt der Chefredaktor der «SonntagsZeitung» gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz. Spieler ging bereits im Vorfeld des Prozesses nicht davon aus, dass Wild die Nacht im Gefängnis verbringen muss: «Es gab keinen Grund, Wild in Beugehaft zu nehmen. Die Medienfreiheit ist in diesem Land von grosser Bedeutung. Jede Form von Druckmitteln gegen Journalisten und ihre Quellen ist schlicht nicht akzeptabel.»

Von seiner Redaktion erhält Wild vollumfängliche Rückendeckung. «Die ‹SonntagsZeitung› hat sich dem investigativen Journalismus verpflichtet. Eine unserer eisernen Regeln ist der Quellenschutz», sagt Spieler.

«Ein schlimmer Schritt»

Auch der Presserat steht hinter dem Journalisten, der im Juli 2008 den Fall um den ehemaligen Armeechef Roland Nef ins Rollen brachte. «Einen Journalisten in Beugehaft zu stecken, klingt für mich gesetzeswidrig. Das wäre ein schlimmer Schritt in die falsche Richtung gewesen», erklärte der Präsident des Schweizer Presserates, Dominique von Burg. «Ich sehe nicht ein, wie das ein Gericht hätte rechtfertigen können.»

Dass dem Quellenschutz in der Schweiz Grenzen gesetzt sind, räumt von Burg zwar ein, jedoch nur, wenn dadurch schwerwiegende Vergehen aufgelöst werden könnten. «Unter schwerwiegenden Vergehen verstehe ich Mord und Totschlag oder die Aufdeckung terroristischer Netzwerke», erklärt von Burg. Im Fall Wild gehe es jedoch um eine Amtsgeheimnisverletzung, die dazu geführt habe, dass ein Missstand aufgedeckt wurde. «Meines Erachtens dient das Instrument des Quellenschutzes genau solchen Fällen», sagt von Burg.

«Letztes Mittel der Staatsanwaltschaft»

Der Schutz der eigenen Quellen gelte nicht uneingeschränkt und stehe den Strafverfolgungsinteressen gegenüber, erklärt der Medienrechtsexperte Professor Urs Saxer. «Beugehaft für einen Journalisten ist natürlich ein Reizwort. Es ist sicherlich ein Mittel, das die Staatsanwaltschaft erst einsetzt, wenn sie keine alternativen Handlungsmöglichkeiten mehr hat.»

Bei schweren Verbrechen erlösche der journalistische Anspruch auf den Schutz der Quelle. Ob es sich bei der Weitergabe vertraulicher Dokumente an einen Journalisten um ein schweres Verbrechen handle, sei eine komplexe Frage, sagt Saxer.

Der Fall Nef

Im Juli 2008 machte die «SonntagsZeitung» publik, dass gegen den damaligen Armeechef Roland Nef ein Verfahren lief. Nefs Ex-Partnerin warf ihm vor, sie vom März 2005 bis November 2006 mit mehreren anonymen Sex-Anzeigen und mit Anrufen bedrängt zu haben. Alt-Bundesrat Samuel Schmid wusste von dem hängigen Verfahren, hielt es im Vorfeld der Ernennung Nefs zum Armeechef jedoch nicht für notwendig, die betreffenden Stellen zu informieren, obwohl Nef somit ein Sicherheitsrisiko darstellte.

Schmid stellte vor Nefs Amtsantritt die Bedingung, die Angelegenheit müsse aus der Welt geräumt werden. Nef entschuldigte sich bei seiner ehemaligen Partnerin und einigte sich mit ihr über eine finanzielle Genugtuung in unbekannter Höhe. Der Skandal kostete Nef das Amt. Auch Bundesrat Samuel Schmid nahm rund ein halbes Jahr später den Hut.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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