«Racial Profiling macht die Polizei ineffizient»

Soziologe Tino Plümecke erklärt, weshalb der dunkelhäutige Drogendealer von der Langstrasse häufiger kontrolliert wird als der Kokskonsument von der Goldküste.

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Gewisse Menschen geraten häufig einzig wegen ihres Aussehens in Polizeikontrollen. Gibt es das typische Racial-Profiling-Opfer?
Der Begriff stammt aus den USA. Dort verläuft ein Schwarz-weiss-Graben, der ein massives Ungleichgewicht von polizeilichen Kontrollen nach sich zieht. Die häufigsten Betroffenen sind entsprechend nicht weiss, männlich und eher jung. In der Schweiz, wie allgemein in Europa, werden neben Schwarzen Personen vom Balkan und Asylbewerber aus muslimischen Ländern übermässig oft von der Polizei kontrolliert. Menschen, die optisch von der Mehrheitsbevölkerung abweichen. Daher muss hier eher von Ethnic Profiling gesprochen werden.

Die Polizei nimmt einen Sicherheitsauftrag wahr. Ist es nicht menschlich, dass es dabei zu Fehleinschätzungen kommt?
Kontrollen sollten nur aufgrund eines objektiven Verdachtsmoments ausgeführt werden. Studien zeigen, dass die Erfolgsquote der Polizei höher ist, wenn sie verhaltenspsychologische Aspekte miteinbezieht und von konkreten Gefahrenlagen ausgeht. Konzentriert sie sich hingegen auf äussere Merkmale, die auf irgendwelchen diffusen Erfahrungswerten beruhen, können Kriminelle, die aus dem Fahndungsraster fallen, mehr oder weniger ungehindert weiteragieren. Racial Profiling macht die Polizei ineffizient – das ist wissenschaftlich belegt.

Wenn die Polizei einen Dunkelhäutigen kontrolliert, weil der Drogenhandel in der Gegend durch eine dunkelhäutige Menschengruppe organisiert wird, ist das doch nachvollziehbar.
Der Fahndungsblick verengt sich unnötig. Zudem darf dunkle Haut allein kein Kriterium für eine Kontrolle sein, egal wo. Das Beispiel des «War on Drugs» in den USA zeigt, dass Kriminalstatistiken mit Vorsicht zu geniessen sind. Ein Grossteil der Inhaftierten sind Schwarze, obwohl sich der Drogenkonsum gemäss verschiedener Studien gleichmässig auf Schwarze und Weisse verteilt. Die Polizei betont, sie kontrolliere dort, wo die Drogen verkauft würden – also die Billigdrogen auf der Strasse, oftmals von dunkelhäutigen Dealern. Der Konsum hinter verschlossenen Türen, beispielsweise von Koks in Häusern und Clubs, rückt dabei aus dem Fokus.

Weshalb kommt es bei der Polizei zu Racial Profiling?
Die Reduzierung auf ethnische Merkmale macht die Polizeiarbeit auf den ersten Blick vermeintlich leichter. So ist es erst mal einfacher, auf nicht weisse Strassendealer zu fokussieren als auf Kokskonsumenten von der Goldküste, die hinter verschlossener Tür agieren. Strafbar ist beides. Ausserdem ist es mit der Bedrohung durch den islamistischen Terror und der politischen Zielsetzung der Migrationskontrolle in den letzten Jahren zu einer Ausweitung des Racial Profiling gekommen. Der Druck auf die Sicherheitskräfte ist gestiegen. Ein weiterer und aus meiner Sicht der wichtigste Grund für Racial Profiling ist Rassismus, der in die Strukturen von Organisationen und Institutionen eingewebt ist. Das will nicht heissen, dass Polizisten per se Rassisten sind: Vielmehr sind sie ein Spiegel der Gesellschaft.

Was meinen Sie damit?
Rassismus ist hier nicht als moralisierender, sondern als analytischer Begriff zu verstehen, wie er in den Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten gebraucht wird. Er ist nicht vergleichbar mit dem intentionalen und gewalttätigen Rassismus wie etwa zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Diskriminierung des modernen Rassismus erfolgt subtiler, grösstenteils unbewusst. Er basiert auf sozialen Ungleichheiten und wird in verschiedenen Institutionen sichtbar. Etwa bei der Vergabe von Wohnraum oder Jobs, wo es oftmals zu Ausschlüssen gruppenspezifischer Merkmale kommt. Es kommt zu einer Diskriminierung, die durch Stereotype genährt wird.

Aber doch: Gibt es innerhalb der Polizeikorps Faktoren, die Racial Profiling begünstigen?
Die Polizei hat teilweise erkannt, dass die Zusammensetzung des Polizeikorps die Diversität der Gesellschaft abbilden muss. Sie muss Polizisten rekrutieren, welche die Sprache der Strasse sprechen, die einschätzen können, ob und welche Gefahr von einer bestimmten Gruppe ausgeht. Diesbezüglich muss allerdings noch mehr passieren – auch in der Schweiz. Es hilft nichts, nur vereinzelt Schwarze oder Personen mit Migrationshintergrund einzustellen. Im Gegenteil.

Weshalb?
In den Sozialwissenschaften spricht man vom Token-Effekt. Einzelne Vertreter einer Minderheit können die Strukturen innerhalb einer homogenen Gruppe in der Regel nicht verändern. Es kann gar zu einer Überanpassung kommen, wobei die dunkelhäutige Polizistin vielleicht noch strikter Angehörige von Minderheiten kontrolliert als ihre weissen Kollegen.

Was löst Racial Profiling bei den Betroffenen aus?
Weil die Kontrolle zumeist im öffentlichen Raum stattfindet, beobachten auch Drittpersonen die Situation. Das hat eine stark beschämende und erniedrigende Wirkung auf die Betroffenen. Studien erwähnen weitere Folgen wie Angstzustände, Wut oder Depressionen. Interessant ist, dass Racial Profiling auch bei den Beobachtern negative Gefühle auslöst.

Was löst diese Gefühle aus?
Wenn die Polizei Präsenz markiert, stärkt dies in der Regel das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Doch wenn regelmässig Personen ohne konkreten Tatverdacht kontrolliert werden, tritt das Gegenteil ein. Die Beobachter können ja nicht wissen, dass gewisse Personen zu Unrecht herausgepickt werden. Das steigert das Unsicherheitsgefühl und festigt stereotype Denkweisen: der Araber als potenzieller Terrorist, der Dunkelhäutige als Drogendealer.

Hat Racial Profiling noch weitere negative Konsequenzen?
Die Betroffenen entwickeln ein Misstrauen gegenüber den Behörden. Sie tendieren dazu, nicht mehr zur Polizei zu gehen. Etwa als Zeugen oder wenn sie selber Opfer eines Verbrechens werden. Das belastet die Zusammenarbeit zwischen Bevölkerung und Polizei. Bei Geflüchteten, die in ihrem Heimatland von Polizisten misshandelt wurden, können systematische Kontrollen zudem retraumatisierend wirken.

Mehrere Betroffene haben Bernerzeitung.ch/Newsnet erzählt, dass sie ihr Verhalten im öffentlichen Raum verändert hätten.
Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) hat bei einer Erhebung herausgefunden, dass Menschen, die Erfahrung mit Racial Profiling gemacht haben, gewisse Plätze meiden. In Zürich etwa den Hauptbahnhof oder die Langstrasse. Sie wissen, dass sie dort überdurchschnittlich oft kontrolliert werden. Viele Betroffene überlegen sich gezielt, welche Kleidung sie tragen, damit sie in den Augen der Polizisten unverdächtig erscheinen. Ich erachte das als Problem: Jeder Bürger hat das Recht, den öffentlichen Raum zu nutzen und dort gleich behandelt zu werden. Dunkelhäutigkeit und ein langer Bart allein dürfen für eine systematische Polizeikontrolle nicht ausreichen – es braucht einen konkreten Verdacht. Die Privatsphäre und die allgemeine Unschuldsvermutung sind Errungenschaften, die es zu schützen gilt.

Was muss geschehen, um die angesprochenen Probleme effektiv anzugehen?
Neben einer verbesserten Ausbildung braucht es eine Polizeikultur, die das Problem mit der nötigen Ernsthaftigkeit angeht; den Austausch mit ausländischen Korps, die vielleicht mehr Erfahrung mit der Problematik haben, sowie den ständigen Austausch mit betroffenen Personengruppen. Und auch wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können etwas beitragen: Wir können das Thema noch stärker aufarbeiten und weitere Argumente liefern, weshalb Racial Profiling ineffektiv und schädlich ist sowie grundlegenden Rechten und polizeiethischen Grundsätzen widerspricht. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.04.2016, 11:42 Uhr

Zwei Polizisten der Zürcher Sonderkommission kontrollieren einen Dunkelhäutigen.

Tino Plümecke ist Soziologe und zurzeit als Dozent an der Universität Zürich, Soziologisches Seminar, tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wissenschaftssoziologie, Theorien der Diskriminierung und Critical Race Theory. In seinen Forschungen beschäftigt er sich mit biologischen Konzepten zur Fassung von Unterschieden zwischen Menschengruppen und mit neuen Formen der Diskriminierung.

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