Der Schandfleck wird zur Fundgrube

Bei der Räumung eines 500 Jahre alten Bauernhauses in Albisrieden stiessen die Archäologen im Keller auf Spuren, die bis ins Hochmittelalter zurückreichen.

  • loading indicator
Werner Schüepp@tagesanzeiger

Jahrelang war das verfallene Bauernhaus samt Scheune und Wagenschopf der Schandfleck von Albisrieden. Das denkmalgeschützte, 1539 erbaute Gebäude liegt an einer viel befahrenen Strasse. Die Quartierruine wurde zum Dauerärgernis, weil sie völlig verlottert war. Diese Zeiten sind vorbei: Seit einigen Wochen sind rund ums Haus Handwerker an der Arbeit. Für den Umbau verantwortlich zeichnet Urs Räbsamen, bekannt als Spezialist für historische Gebäude, die er kauft und mit viel Aufwand renoviert. Der Alte Löwen am Rigiplatz, das Restaurant Nordbrücke in Wipkingen oder die Krone in Altstetten sind solche Beispiele.

Gemäss der Denkmalpflege ist das altehrwürdige Haus in Albisrieden ein wichtiger Zeitzeuge des einst selbstständigen Bauerndorfes. Das Gebäudeskelett der originalen Holzkonstruktion ist fast vollständig erhalten: ein Mehrreihenständerbau in der Scheune, ein Bohlenständerbau mit stehendem Dachstuhl im Wohnteil. Die Kombination solcher Gerüsttypen ist selten und zeigt den innovativen Umgang mit damals bekannten Konstruktionsformen. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde der Komplex noch landwirtschaftlich genutzt. Zuletzt gehörte er einer Erbengemeinschaft, die bis vor Bundesgericht gegen die Unterschutzstellung kämpfte.

Der neue Besitzer Urs Räbsamen investiert zwei bis zweieinhalb Millionen Franken in den Umbau. Er will preiswerte Wohnungen für Studenten anbieten, in die Scheune soll eine Schreinerei ziehen, und im ehemaligen Wagenschopf sind im ersten Stock eine 2-Zimmer-Wohnung und im Erdgeschoss ein Atelier vorgesehen. Historisches In- ventar wie Kachelöfen oder Schränke möchte Räbsamen restaurieren lassen und in die Räume integrieren. Ende Jahr sollen die ersten Mieter einziehen.

Wie zu Gotthelfs Zeiten

Dass der Schandfleck zur archäologischen Fundgrube wird, damit hat allerdings niemand gerechnet. «Als wir das Bauernhaus betraten, hatten wir das Gefühl, in die Zeiten des Pfarrers und Schriftstellers Jeremias Gotthelf zurückversetzt zu werden», sagt Urs Jäggin, Projektleiter Archäologie und Bauforschung beim städtischen Amt für Städtebau. Küche, Stube, ein Schlafzimmer und die Scheune wiesen den Ausbaustandard des 19. Jahrhunderts auf. Die Zimmer waren voll mit Haushaltsgegenständen, Möbeln, Werkzeugen, Textilien, landwirtschaftlichen Geräten und Dokumenten des letzten Bewohners Arnold Hurter. Jäggin: «Wir haben schnell gemerkt, dass hier noch Geräte vorhanden waren, die man an anderen Orten längst fortgeworfen hatte.»

Ein vollständiges Inventar liegt allerdings nicht vor. Manches dürfte im Laufe der Zeit verkauft, defekte Haushaltsgeräte entsorgt und Schmuck sowie Sonntagsgeschirr von den Nachkommen übernommen worden sein. Dennoch waren es am Schluss über 2000 Gegenstände, die im Haus sichergestellt wurden. Für Jäggin sind sie «eine einzigartige Chance, einen Blick zurückzuwerfen in die Haushalt- und Betriebsführung in einem solchen Bauernhaus». Jedes Objekt wurde von den Archäologen erfasst, fotografiert und katalogisiert.

Bis zuletzt in Gebrauch

Vieles ist offenbar bis zuletzt in Gebrauch gewesen, und es fanden sich auch Erinnerungsstücke an frühere Zeiten: ein Kinderwagen aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts oder Arbeitsgeräte wie ein Dreschflegel und eine seltene Worfelwanne. Sie diente zum Reinigen von Getreide.Erst vor wenigen Wochen kam es schliesslich zu einem spektakulären Fund: Die Fachleute stiessen im Erdgeschoss auf einen Keller aus Mauern, und im Mauerwerk wurde ein Topf gefunden, der aus dem 13. Jahrhundert stammt. Ein Keller mit Mauerwerk ist laut Jäggin aussergewöhnlich für ein Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert, das normalerweise vollständig aus Holz gebaut ist. Bei Grabungen im Wohnzimmer stiess man auf Gefässscherben, die bis in das 12. Jahrhundert zurückgehen könnten.

Für die Stadtarchäologie sind die Fundsachen in dieser Fülle ein Glücksfall. «Sogar Geld haben wir gefunden», sagt Urs Jäggin, «und zwar im Schlafzimmer, unter der Matratze des Bettes.» Es waren Banknoten aus einer Serie, die ab 1957 in Umlauf kam. Räbsamen will für die gefundenen Gegenstände einen Raum im Haus einrichten. «Ich kann mir vorstellen, den Schlüssel den Leuten des ortsansässigen Museums zu übergeben, damit sie Zutritt haben, falls Interesse dafür besteht.»

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt