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Zuerst die Familie, dann der Traum

Ghamkin Saleh ist vor 24 Jahren als kurdisch-syrischer Flüchtling in die Schweiz gekommen und betreibt in Zürich über ein Dutzend Geschäfte, vor allem Coiffeursalons.

Ghamkin Saleh in seinem Restaurant Damas in Zürich-Wipkingen. Foto: Urs Jaudas
Ghamkin Saleh in seinem Restaurant Damas in Zürich-Wipkingen. Foto: Urs Jaudas

«Ans Filmen denk ich jeden Tag, fast jede Stunde – es ist immer präsent», sagt Ghamkin Saleh. Und trotzdem hat der 48-Jährige öfter die Haarschneidemaschine in der Hand als die Filmkamera. Und noch mehr Zeit verbringt er im Büro und erledigt administrative Arbeiten für seine elf Coiffeursalons, zwei ­syrischen Restaurants und seine Filmproduktionsfirma. Ein weiterer Coiffeursalon kommt bald hinzu, ebenso seine erste Konditorei und seine erste Schneiderei. Alles in allem ist er an elf juristischen Gesellschaften beteiligt, die über 100 Menschen beschäftigen.

Beteiligt am Imperium sind auch seine vier Brüder. Sie und weitere Angehörige sind Ghamkin Saleh nach und nach aus der kurdischen Heimat im Norden von Syrien in die Schweiz gefolgt. Auch seine Mutter lebt hier, der ganze Clan umfasst 25 Personen. Er selber ist vor 24 Jahren über Libyen geflüchtet. Seit 2009 besitzt er den Schweizer Pass – was für ihn ein Stück Heimat bedeutet. «Im syrischen Pass werden wir Kurden als Araber ausgewiesen, auch wenn wir das nicht sind», sagt er in einem Hochdeutsch, dem das kehlige Arabische anzuhören ist.

Salehs Geschichte tönt nach einer ­Erfolgsstory eines Flüchtlings, die vielleicht selbst einen Film wert wäre. Er ist der Kopf des Imperiums. Er hat mit ­seiner polnischen Frau eine ­Familie gegründet und zieht mit ihr zwei Mädchen, 12 und 14 Jahre alt, gross. Er hat im Alter von 33 Jahren in der Schweiz ein vierjähriges Filmstudium an der Kunsthochschule F&F begonnen und mit «Linsenbündel» 2016 einen ersten Film ins Kino gebracht. Es ist Komödie um Flüchtlinge, Zürich und Sex. Das Schulgeld von 64'000 Franken hat er selber aufgebracht. Und ausgerechnet, dass dies über 2500 Haarschnitten à 25 Franken entspricht – als wäre das Haareschneiden eine Währung. Film studieren wäre für ihn in seiner Heimat nicht möglich gewesen: Ein kurdischer Filmstudent war für die syrische Regierung unter ­Hafez al-Assad zu subversiv.

Selbst im Gefängnis

Zum Haareschneiden ist Saleh als Jugendlicher gekommen, auf Anraten eines Onkels. Der sagte ihm, das sei eine Tätigkeit, die man überall ausüben könne, selbst im Gefängnis. «Dieser Satz hat sich in mein Hirn eingebrannt», erzählt Saleh. Und er legt seinem Gegenüber die Hand auf dem Arm. Eine Geste, die er im Gespräch oft macht.

Haare geschnitten hat er in seinem Leben überall und immer wieder. Selbst jetzt, als Kopf eines kleinen Imperiums, greift Saleh zur Haarschneidemaschine, wenn in einem der Läden Personal fehlt oder Freunde wie der Filmemacher Paul Riniker einen neuen Haarschnitt benötigen. Er selber trägt den typischen Schnitt der Saleh-Coiffeursalons: kurz an der Kopfunterseite und oben etwas länger.

Seit 2009 besitzt er den Schweizer Pass – was für ihn ein Stück Heimat bedeutet: Ghamkin Saleh. Foto: Urs Jaudas
Seit 2009 besitzt er den Schweizer Pass – was für ihn ein Stück Heimat bedeutet: Ghamkin Saleh. Foto: Urs Jaudas

Als Teenager schnitt er in seiner kurdischen Heimat im Norden von Syrien die Haare von Nachbarskindern, als Musikstudent in Libyen verdiente er sich so etwas Geld. Eine Lehre als Coiffeur in der Schweiz schmiss er nach zwei Tagen bereits wieder hin – Haare schneiden konnte er ja bereits. Bei seinem ersten Job in der Schweiz im Restaurant Santa Lucia an der Zürcher Josefstrasse frisierte er für fünf Franken seine Arbeitskollegen, sein Chef gab ihm dafür zwanzig Franken.

Das Filmstudium hat Ghamkin Saleh 64'000 Franken gekostet. Umgerechnet sind das über 2500 Haarschnitte.

Als er sich selber die Haare schneiden lassen wollte, hätte er dafür 45 Franken bezahlen sollen – und er hätte im Voraus einen Termin vereinbaren müssen. Aus diesem frustrierenden Erlebnis heraus entwickelte Saleh sein Geschäftsmodell: billiger und schneller Haareschneiden, ohne Terminvereinbarung und Wartezeiten. Zu Beginn wurde Saleh in Zürichs Friseurgilde als Discounter beschimpft, als einer, der die Preise drückt. Heute verlangen seine Geschäfte je nach Lage 25 bis 32 Franken für einen Männerhaarschnitt – am teuersten ist es am Limmatquai, dort ist die Lokalmiete am höchsten. Der Discounter ist er längst nicht mehr – es gibt Geschäfte, die bieten die Dienstleistung bereits für 15 Franken an.

Angefangen hat Saleh 1999 in seinem kleinen Salon an der Josefstrasse im Kreis 5 mit drei Stühlen. Die Expansion zur Coiffeurkette sei allein nach Bedürfnis und Zufall erfolgt, sagt er. «Wir sind immer aus solchen Gründen gewachsen und nicht, weil wir wirtschaftlich expandieren wollten.» Für wichtige Entscheidungen setze er sich mit seinen Brüdern an einen Tisch, und jeder schaue, wie viel Geld er dafür einsetzen könne. Wie eine solche gefällt wird, erläutert er am neusten Salon im Morgental. Salehs Schwager, der in einem seiner Geschäfte arbeitet, sagte, er wolle sich weiterentwickeln und mehr ver­dienen. Darum eröffnet Saleh nun mit seinen Brüdern einen weiteren Laden, den der Schwager führen wird.

Ähnliche Geschichten führen zur Konditorei und zur Schneiderei: Der Coiffeursalon in Dietikon besitzt keine eigenen Parkplätze, was immer wieder zu Konflikten mit Nachbargeschäften geführt hat. Nun stellt das DVD-Geschäft direkt neben dem Salon den Betrieb ein. Saleh mietete die Räumlichkeiten – wegen der Parkplätze. Da ein Koch in einem seiner Restaurants in Syrien Konditor gelernt hat, nutzt er nun diese ­Synergie. Mit ihm eröffnet er die erste syrische Konditorei in der Schweiz. Zwei weitere Coiffeurangestellte sind ausgebildete Schneider. Um ihre Fähigkeiten zu nutzen und ihnen eine Chance zu ­geben, eröffnet Saleh an der Zähringerstrasse ein Geschäft.

Eine Aufgabe, die eine Last ist

Saleh selber ist im Unternehmen der Mann für alles: Er macht die Verträge für die Angestellten, er zahlt ihnen die Löhne aus, er löst Personalprobleme, er schaut, dass die Websites laufen. Er hat die Pachtzinsen der Lokale genauso im Kopf wie die Umsatzzahlen der einzelnen Geschäfte. Und er rätselt, warum der Umsatz in einem Restaurant bis zu 30 Prozent monatlich schwanken kann. Ein Problem, sagt er, das er lösen muss.

Für fast die gesamte Administration sei er zuständig, sagt er. Obwohl er in diesem Bereich offensichtlich talentiert ist, spürt man, diese Aufgaben sind ihm eine Last. Denn da ist dieser Traum, den er täglich träumt, den er bereits als Kind hatte. Der Traum, den er zwischendurch ausgelebt hat. Der Traum heisst: Film.

Am liebsten, sagt Saleh, würde er sich einfach hinsetzen. Und lesen. Schreiben. Nachdenken. Sich mit Freunden treffen. Über Projekte reden. Und Filme drehen.

Das Drehbuch steht, den Hauptdarsteller hat er ausgesucht, die Finanzierung aber ist nicht gesichert.

Ideen und Geschichten für Spielfilme, die hat er. Zwei Projekte verfolgt er auch. Gemeinsam mit dem Regisseur Paul Riniker und Andreas Schlegel hat er ein Drehbuch für eine Fortsetzung von Rinikers «Usfahrt Oerlike» geschrieben, der himmeltraurigen und tragischen Geschichte um zwei alte Männer, die von Jörg Schneider und Mathias Gnädinger dargestellt wurden. Den ­Entwurf dazu hatte Saleh gleich nach der Premiere des Films verfasst. An Gelder für den Film zu kommen, erweist sich allerdings als schwierig. Saleh fragt sich, obs an seinem fremdländischen Namen liegt.

Ein zweiter Film soll zurückführen in seine kurdische Heimat. Und eine Familien-, Flüchtlings- und Emanzipationsgeschichte erzählen. Es ist eine Geschichte aus seiner Heimat, aber nicht seine Biografie. Das Drehbuch steht, den Hauptdarsteller hat er ausgesucht, die Finanzierung aber ist nicht gesichert.

Noch arbeitet Ghamkin Saleh hauptsächlich für das Firmenimperium. Das tut er trotz all der leidenschaftlichen Gedanken ans Filmen ohne grosse Mühe. Denn er arbeitet dort für seine Familie. Die komme zuerst, immer und überall. «Sie hat mir alles gegeben, ich gebe ihr nur zurück.»

Als Teenager schnitt er in seiner kurdischen Heimat in Syrien die Haare von Nachbarskindern: Ghamkin Saleh. Foto: Urs Jaudas
Als Teenager schnitt er in seiner kurdischen Heimat in Syrien die Haare von Nachbarskindern: Ghamkin Saleh. Foto: Urs Jaudas

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