«Wir müssen wissen, was in den Köpfen der Jugendlichen abgeht»

Winterthur und die radikalisierten Muslime: Stadtpräsident Michael Künzle führt aus, wie er das Problem lösen will.

«Die Radikalisierung findet nicht in den Moscheen statt»: Der Winterthurer Stadtpräsident Michael Künzle.

«Die Radikalisierung findet nicht in den Moscheen statt»: Der Winterthurer Stadtpräsident Michael Künzle.

(Bild: Keystone)

Martin Sturzenegger@Marsjournal

Michael Künzle, vergangene Woche kam es zu einem Treffen zwischen der Winterthurer Stadtbehörde und den Vertretern der sechs Moscheen. Eine überfällige Zusammenkunft, finden Sie nicht? Wir waren froh, dass wir alle Präsidenten und Imame an einen Tisch gekriegt haben. Ein solches Treffen fand bereits einmal vor vier oder fünf Jahren statt. So lange wollen wir jetzt aber nicht mehr warten: Wir haben bereits ein nächstes Treffen im kommenden Frühling veranschlagt.

Wurde bei der Sitzung sonst noch was festgelegt? Vielleicht eine zusätzliche Arbeitsgruppe oder eine Anlaufstelle? Zu den einzelnen Punkten kann ich mich nicht im Detail äussern. Unsere Fachstellen werden aber vermehrt den Kontakt zur muslimischen Gemeinde herstellen und den Informationsaustausch verbessern. Es wartet noch viel Arbeit auf uns. Wir müssen öffentlich besser kommunizieren: über das, was die Stadt zur Lösung des Problems alles leistet. Die konkreten Gefässe und die Kadenz der Treffen sollen dann beim nächsten Treffen festgelegt werden.

Nervt es Sie manchmal, dass Winterthur nun derart im Fokus steht? Nicht unbedingt. Dennoch sage ich immer, dass es kein spezifisches Winterthurer-Problem ist. Jihad-Reisende kommen aus der ganzen Schweiz. In unserer Stadt gibt es aber eine Anhäufung. Ein Problem, dem wir uns angenommen haben. Wir müssen die Jugendlichen noch besser beobachten, herausfinden, bei wem es einen Veränderungsprozess gibt.

Wer genau steht in Kontakt mit der muslimischen Gemeinde? In erster Linie sind dies die Fachstelle für Integrationsförderung sowie die offene Jugendarbeit und die Schulen.

An wen können sich Imame, Eltern und Lehrer wenden, wenn sie merken, dass sich Jugendliche radikalisieren? Für das wollen wir eine Anlaufstelle schaffen. Die genauen Details sollen jetzt ausgearbeitet werden.

Seit den Anschlägen von Paris scheinen Behörden wie die muslimische Gemeinde wachgerüttelt. Radikalisierte Jugendliche sind jedoch kein neues Phänomen. Haben Sie zuvor geschlafen? Wenn wir zuvor nichts gesagt haben, heisst das nicht, dass wir untätig waren. Bereits Ende vergangenes Jahr, als ein junges Geschwisterpaar mutmasslich in den Heiligen Krieg zog, haben wir die Fachkräfte zusammengezogen und Arbeitsgruppen gebildet. Der jetzige Dialog mit den Moscheen ist ein nächster Schritt zur Lösung des Problems. Das Schwierigste ist, an die Jugendlichen heranzukommen.

Was fordern Sie von den Moscheen? Sie müssen wissen, wer bei ihnen ein- und ausgeht. Es ist wichtig, dass die Verantwortlichen einen guten Draht zu ihren jungen Besuchern haben. In regelmässigen Gesprächen müssen sie herausfinden, was in ihren Köpfen abgeht. Wir wissen, dass es nicht einfach ist, die Kontrolle zu behalten. Denn die Radikalisierung kann überall stattfinden: im Internet, auf der Strasse, in Sportvereinen und auch in Moscheen – das wissen wir inzwischen aus nationalen Studien.

Besteht auf Seite der muslimischen Gemeinde ein Bedürfnis nach Austausch? Ich spürte bei dem Treffen klar, dass die Moscheen das Problem lösen wollen. Wir konnten das gemeinsame Ziel auf einen Nenner bringen: Wir wollen alles unternehmen, dass es nicht zu weiteren Radikalisierungen kommt. Wichtig ist aber auch, dass die muslimische Bevölkerung und islamische Kulturvereine nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Winterthur toleriert keinerlei Intoleranz und Diskriminierung – daran müssen wir auch gemeinsam arbeiten.

Die muslimische Gemeinde ist – im Vergleich etwa zur jüdischen – finanziell schwach aufgestellt und kaum professionalisiert. Wie kann dieses Problem gelöst werden? Die Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) hat schon einige gute Arbeit geleistet. Die Moscheen wollen sich nun zusätzlich in Winterthur enger zusammenschliessen, sich gegenseitig abstützen.

Wäre eine finanzielle Unterstützung denkbar? Wir haben das bei unserem Treffen diskutiert und werden diesen Punkt genauer prüfen. Aber grundsätzlich werden religiöse Gemeinschaften nicht aus der Winterthurer Stadtkasse unterstützt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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