Was alles im Stimmcouvert landet

Vom Goldbarren bis zur Katzenfutterpackung: In den vorfrankierten Abstimmungscouverts findet man hin und wieder Überraschendes.

Überraschungen: Die Zürcher Wahlbüros haben längst nicht nur Abstimmungszettel in der Post. Foto: Peter Klaunzer.

Überraschungen: Die Zürcher Wahlbüros haben längst nicht nur Abstimmungszettel in der Post. Foto: Peter Klaunzer.

(Bild: Keystone)

Martin Huber@tagesanzeiger

Es muss ein spezieller Moment gewesen sein in jenem Zürcher Kreiswahlbüro: Als die Mitarbeiter an einem Abstimmungssonntag vor knapp zwei Jahren ein Couvert öffneten, entdeckten sie nebst Wahlzettel und Stimmrechtsausweis etwas Glänzendes: einen dünnen Goldbarren. «Ein absoluter Einzelfall», sagt Reto Zumstein, stellvertretender Leiter Abstimmungen und Wahlen in der Zürcher Stadtkanzlei. Der Goldbarren war nicht etwa ein Geschenk an die Stadt, sondern irrtümlich ins vorfrankierte Stimmcouvert gerutscht. Genauso wie die Postfinance-Karte und kleinere Bargeldbeträge, die ebenfalls schon in Stimmcouverts landeten und in Zürcher Wahlbüros zum Vorschein ­kamen. Laut Zumstein kontaktiert die Stadtkanzlei in solchen Fällen den betroffenen Stimmbürger sofort persönlich. Der Goldbarren fand denn auch zu seinem Besitzer zurück. «Der Mann war überglücklich», so Zumstein. Falls die Stadt nicht mehr eruieren kann, aus ­welchem Stimmkuvert der Fundgegenstand stammt, übergibt sie ihn der Stadtpolizei, und er kommt ins Fundbüro.

Amtliches wird weitergeleitet

Statistiken über Beigaben in Abstimmungscouverts führt die Stadtkanzlei nicht. Zumstein hat aber eine Umfrage zum Thema bei den neun Kreis­wahlbüros durchgeführt. Fazit: «Uner­wünschte Beigaben» kommen zwar hin und wieder vor, sind aber, gemessen an der grossen Zahl versandter Wahl- und Stimmcouverts, sehr selten.

Am letzten Abstimmungssonntag tauchten in Zürcher Wahlbüros denn auch weder EC-Karten noch Goldbarren auf. Dafür entdeckten Mitarbeitende in den Couverts schriftliche Vermerke an andere Amtsstellen wie das Bevölkerungsamt und die Stadtkanzlei. Dabei ging es um Adressänderungen oder den Hinweis, dass jemand verstorben sei. Solche Schreiben leitet die Stadtkanzlei an die zuständige Amtsstelle weiter.

Couverts für Entsorgung genutzt

Daneben stiessen Wahlbüromitarbeiter auch auf Couverts, die für ganz andere Adressaten bestimmt waren. Diese waren wiederum irrtümlich im Abstimmungscouvert gelandet. Das Couvert ist wegen seiner «Übergrösse» offenbar dafür prädestiniert, dass etwas hineinrutscht, hat Zumstein beobachtet. Frankierte Fremdcouverts übergibt die Stadtkanzlei jeweils der Post.

Einzelne Stimmbürger nutzen die Gratisstimmcouverts auch zur Entsorgung. Mehrmals pro Urnengang und Kreiswahlbüro treffen voluminöse Briefe ein, in denen alle Abstimmungsunter­lagen samt Abstimmungsbüchlein und -zeitung stecken. Die dicke Post zwingt die Wahlbüros zu einem Sondereffort. Mitarbeiter durchsuchen die Unterlagen geflissentlich nach Stimm- und Wahl­zetteln, die zwischen den Seiten versteckt sein könnten, bevor sie das Bündel ins Altpapier werfen.

In Zürich soll es laut der «NZZ» gar schon vorgekommen sein, dass zusammengepresste Katzenfutterpackungen in der Stimmregisterzentrale landeten. Zumstein: «Leider kann niemand mehr sagen, wo und wann das vorgekommen ist.» Möglicherweise habe es sich nicht um eine unappetitlich triefende Futterpackung gehandelt, sondern um einen Karton, der das Couvert stabilisieren sollte.

Einzelne Stimmberechtigte benützen die Gratiscouverts auch als Vehikel, um ihren Ärger über die Verwaltung loszuwerden. Anonyme oder ehrverletzende Schreiben sind selten. Zumstein: «Sie werden ohne weitere Bearbeitung abgelegt.» Ab und zu kommt es aber vor, dass unflätige Bemerkungen auf den Stimm- und Wahlunterlagen angebracht werden. Das Umgekehrte gibt es auch: ­Vereinzelt – zwischen 1 und 10 Fälle pro Wahlbüro und Jahr – treffen in den Couverts Dankesbriefe und sogar Zeich­nungen an die Adresse der Wahlbüros ein. Solch aufmunternde Begleitpost wird laut Zum­stein wenn immer möglich den Wahlbüromitgliedern zur Kenntnis gebracht.

Aufgeklebte Fotos

Beim Statistischen Amt des Kantons treffen kaum je Klagen aus Gemeinden über «Protestbeilagen» in Wahlcouverts ein, wie Edith Wiederkehr, Leiterin Wahlen und Abstimmungen, sagt. Dafür fragen Gemeinden gelegentlich wegen Bemerkungen oder Beleidigungen auf Stimm- und Wahlzetteln an. Bei einem Einsatz in einem Wahlbüro hat Wiederkehr schon Wahlzettel gesehen, auf denen Stimmberechtigte Fotos und Zeitungsausschnitte der Kandidierenden aufgeklebt hatten. Sie verweist darauf, dass die Gemeinden im Kanton Zürich seit 2005 verpflichtet sind, das Rückporto bei Wahlen und Abstimmungen zu übernehmen. Möglicherweise erhöhe das den Anreiz, wenn sich jemand einen Spass leisten will wie mit der Katzenfutterpackung.

Ein grösseres Problem in den Wahlbüros sind die ungültigen Wahlzettel. So waren bei den Zürcher Gemeinderatswahlen im Februar rund 20 Prozent der eingelegten Wahlzettel ungültig. Weil etwa gleich alle Parteilisten zurück­gesandt wurden, alle Kandidaten gestrichen waren, ehrverletzende Bemer­kungen beigefügt waren oder die Unterschrift auf dem Stimmrechtsausweis fehlte.

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