«Rakete startklar» (für Buben), «Wir Powergirls» (für Mädchen)

Das Sexualkunde-Buch einer christkonservativen Stiftung kommt in Zürich schlecht an.

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Auf den ersten Blick wirkt das Lehrmittel harmlos. Die Bücher «Wir Powergirls» (für Mädchen) und «Rakete startklar» (für Buben) sowie das Arbeitsheft «Powergirls und starke Kerle» sind methodisch nach geltenden Standards aufgebaut und mit niedlichen Zeichnungen illustriert. Das Lehrmittel zur Sexualkunde für 10- bis 13-Jährige hat die Stiftung Zukunft CH mit 4000 Briefen in der Deutschschweiz beworben. 300 Schulen haben es gemäss der Stiftung bisher bestellt.

Darüber zeigt sich Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH) besorgt. Der nationale Dachverband der Beratungsstellen, Fachorganisationen und -personen, die im Bereich der Sexualaufklärung tätig sind, verschickte vergangene Woche einen zweiseitigen Brief an Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP). Darin heisst es, SGCH sei «in Sorge» wegen des Lehrmittels. Es widerspreche der menschenrechtsbasierten Sexualaufklärung und decke nicht alle Themenbereiche ab, wie sie im Lehrplan 21 verankert sind. Die Bildungsdirektion will den Brief in den kommenden drei Wochen beantworten.

Gegen Abtreibung und Islam

Die Stiftung Zukunft CH ist eine christkonservative Organisation, die vom ehemaligen Pfarrer Hansjürg Stückelberger gegründet wurde. Stückelberger wehrt sich gegen «die schleichende Einführung der Scharia» und engagiert sich seit Jahren im Rahmen der Demonstration «Marsch fürs Läbe» gegen Schwangerschaftsabbrüche.

Das Lehrmittel der Stiftung ist im evangelikalen Fontis-Verlag erschienen. Mitautorin ist Regula Lehmann. Sie arbeitet 40 Prozent für Zukunft CH. Lehmann wehrt sich gegen den Vorwurf, mit dem Lehrmittel christliche Propaganda zu verbreiten, und kritisiert die «Mainstream-Sexualkunde» als zu explizit. Viele Kinder fühlten sich davon abgestossen und in ihrem Schamgefühl verletzt, wenn im Unterricht über einzelne Sexualpraktiken berichtet werde. «Verletzungen des gesunden, kindlichen Schamgefühls machen Kinder anfälliger für Missbrauch und frühen Pornokonsum», sagt Lehmann. Sie versuche in ihrem Buch stattdessen, die Informationen auf kindergerechte Art zu vermitteln.

In Lehmanns Lehrmittel heisst es: «‹Sex haben› ist nicht für Kinder oder Teenager gedacht, sondern gehört ins ‹Reich der Erwachsenen›.» Selbstbe­friedigung («führt in Abhängigkeit»), Abtreibung («Kinder sind ein Wunder und keine Ware, die man wegmacht») oder Pornografie («Menschen werden benutzt und ausgebeutet») werden fast nur negativ beschrieben.

Lehmann räumt ein, ihr Buch sei «wie jedes andere Lehrmittel auch» von Wertvorstellungen geprägt. Sie sehe es als Ergänzung zu herkömmlichen Schulbüchern. Eine Ausbildung zur Lehrbuchautorin hat sie nicht, im Gegensatz zum Zweitautor, der Sexualpädagoge ist. Sie habe vier Kinder, eine Ausbildung als Familienhelferin sowie einen Kurs der Organisation Teenstar absolviert. Teenstar ist eine internationale Organisation, deren Gründerin Pille und Kondom verbietet und zu Enthaltsamkeit vor der Ehe auffordert. Nach eigenen Angaben bietet die Organisation weltweit in 25 Ländern Kurse an, zwischen 10 und 20 jährlich in der Schweiz. Im vergangenen Juni sorgte Teen­star in Österreich für Aufsehen, weil sie Schülern gemäss den «Salzburger Nachrichten» lehrte, Homosexualität sei eine «Verirrung». Der Schweizer Ableger der Organisation äussert sich nicht zu dem Vorfall.

Fachorganisationen warnen

Auch wenn Lehmann Teenstar im Buch empfiehlt, wählt sie keine Wörter wie «Verirrung». «Genau das ist gefährlich», warnt Lilo Gander. Sie leitet «Lust und Frust», die Stadtzürcher Fachstelle für Sexualpädagogik und Beratung, und rät Lehrpersonen davon ab, das von der Stiftung Zukunft CH vertriebene Lehrmittel zu verwenden. Zum selben Schluss kommt die vom TA befragte Fachgruppe Gesundheitswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Problematisch findet Gander insbesondere, dass wichtige Themen im Lehrmittel gar nicht oder nur sehr knapp behandelt würden. Es sei nicht falsch, die negativen Seiten von Pornografie hervorzuheben oder die Ehe von Mann und Frau als Lebensentwurf zu propagieren. Gleichzeitig sei es aber wichtig, auch andere Lebens- und Beziehungsformen als gleichwertige Möglichkeit anzusprechen. Dies sei im Gesetz verankert, sagt Gander.

Ähnliche Kritik äussert auch Annelies Steiner, die beim Dachverband Sexuelle Gesundheit Schweiz im Bereich der Sexualaufklärung tätig ist. Bei der Erklärung der Anatomie des weiblichen Körpers fehle die Klitoris gänzlich. «Sie ist das Lustorgan der Frau. Dies zeigt, wie lustfeindlich das Lehrmittel ist.» Steiner empfiehlt, bei der Sexualkunde mit anerkannten Fachstellen zusammenzuarbeiten.

Wenig Vorschriften

Zürcher Lehrpersonen können relativ frei entscheiden, welche Lehrmittel sie für die Sexualkunde im Unterricht verwenden. Im Gegensatz zu anderen Fächern gibt es dabei keine obligatorischen Schulbücher. Dafür aber empfohlene Lehrmittel, die vom Lehrmittelverlag herausgegeben und von verschiedenen Fachorganisationen geprüft werden.

Verbieten kann man das Lehrmittel nicht einfach so. Sollte eine Schulpflege aber zum Schluss kommen, ein Schulbuch entspreche nicht den gesetzlichen Vorgaben, kann sie es für ihren Schulkreis verbieten.

Ob ihr Lehrmittel an Zürcher Schulen eingesetzt wird, kann die Stiftung Zukunft CH nicht sagen. Dafür sei es noch zu früh, man bewerbe es erst seit wenigen Wochen. Ein Sprecher der Stiftung sagt aber, die bisherigen Rückmeldungen liessen den Schluss zu, dass bei der Sexualkunde ein grosser Bedarf an alternativen Lehrmitteln bestehe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2018, 20:58 Uhr

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Der Kanton Zürich hat in den vergangenen fünf Jahren kein Lehrmittel zurückgewiesen oder überarbeitet. (zac)

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