Die Parlamentarierin, die Schwarz trug

Im Zürcher Ratshaus wird getrauert. Aber nicht nur wegen der letzten Ratssitzung der Legislatur.

Martin Huber@tagesanzeiger

Apérozeit gestern Abend im Zürcher Rathaus. Im Foyer drängten sich Gemeinderätinnen und -räte an einem Buffet, die Stimmung war aufgeräumt, serviert wurden Häppchen aus der Küche von Vegi-König Rolf Hiltl. Der Grund für die Feierstunde war nicht etwa der gelungene Aufbau des Hafenkrans gleich nebenan, sondern die letzte Ratssitzung der zu Ende gehenden Legislatur. Für 26 der 125 Stadtparlamentarier hiess es gestern: Das wars. Sie treten entweder freiwillig zurück oder wurden bei den Wahlen vom 9. Februar nicht wiedergewählt. Alle 26 wurden von Ratspräsident Martin Abele (Grüne) mit einer kurzen Laudatio verabschiedet, dann gabs Applaus und einen wappengeschmückten Züri-Plastiksack mit der Ratsurkunde und einem kleinen Präsent.

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Bitter ist der Abschied für die EVP. Die Kleinpartei hatte am 9. Februar zuerst den Sprung ins Parlament knapp geschafft. Doch dann folgte die Nachzählung im Kreis 9, und die EVP kippte wegen der 5-Prozent-Hürde aus dem Parlament. «Ich bin in Trauer», sagte gestern Gemeinderätin Claudia Rabelbauer. Zu ihrer letzten Ratssitzung war sie ganz in Schwarz gekleidet erschienen, wie zu einer Beerdigung. 60 Jahre lang sei die EVP in Zürich ununterbrochen im Gemeinderat vertreten gewesen, rechnete sie vor. Bis gestern. Trotz grosser Enttäuschung will Rabelbauer «nach vorn schauen», wie sie sagte. Und weiterkämpfen gegen das ihrer Ansicht nach ungerechte Wahlsystem. Zum Abschied hatte die EVP allen Ratsmitgliedern eine Senftube aufs Pult gelegt. Daran hing ein Flyer mit der Botschaft: «Es ist uns nicht Wurst, den Senf nicht mehr dazugeben zu können!» Viele Ratsmitglieder liessen das Abschiedsgeschenk allerdings nach Sitzungsende liegen.

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Auch die Schweizer Demokraten (SD) hatten gestern ihren Letzten. Sie hatten den Sprung ins Stadtparlament ebenfalls nicht mehr geschafft. «Was will man machen», räsonierte Christoph Spiess, der 20 Jahre lang im Rat sass. Für die SD werde es künftig sehr schwierig, sich Gehör zu verschaffen. Unter den gestern Zurückgetretenen finden sich weitere altgediente Parlamentarier. So etwa Bruno Sidler (SVP), Urs Schmid (FDP), Marina Garzotto(SVP), Monika Erfigen (SVP) und Marianne Dubs Früh(SP), die es alle länger als 15 Jahre im Rat aushielten. Mit Alecs Recher (AL) verlässt sogar ein Fraktionschef den Rat; er geht freiwillig. Bei der SP verabschiedeten sich Gewerkschafter Duri Beer, bei der CVP der Kreis-5-Spezialist Marcel Schönbächler, bei den Grünen Fabienne Vocat.

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Zu Ende ging gestern auch die Ratskarriere von Hedy Schlatter. Die 70-jährige SVP-Gemeinderätin musste sich allerdings entschuldigen. Sie hatte vor einer Woche im Ratssaal einen Schwächeanfall erlitten. Es gehe Schlatter wieder besser, war von Fraktionschef Mauro Tuena zu erfahren, doch der Arzt habe ihr Ruhe verordnet. Schlatter war vor den Wahlen in die Schlagzeilen geraten, weil sie als Millionärin eine günstige städtische Wohnung belegt, aber in Uster Steuern bezahlt.

Abschied nehmen hiess es schliesslich auch für Ratspräsident Abele – allerdings nur vom Ratspräsidium, dem «Bock». Auf eine Abschiedsrede verzichtete er. «Ich mag keine Selbst­beweihräucherung.» Dafür würdigte Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) Abeles speditive Ratsführung. Ihm sei es gelungen, die Pendenzen merklich abzubauen: «Der Gemeinderat ist effizienter geworden, bravo.» Das nütze der Demokratie: Weil sich das Parlament nicht mehr mit veralteten Vorstössen herumschlagen müsse, sondern über Aktuelles diskutieren könne.

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