Das Jubiläum ist bereits vorbei

Die Schweiz begeht mit einer geschichtspolitischen Intensivdebatte das 500-Jahr-Gedenken der Schlacht von Marignano. Nun zeigt ein Aktenfund eines Zürcher Forschers: Das Ereignis wurde falsch datiert.

In der Schlacht von Marignano starben 12 000 bis 14 000 Menschen – mehrheitlich Eidgenossen. Foto: Bridgeman Art

In der Schlacht von Marignano starben 12 000 bis 14 000 Menschen – mehrheitlich Eidgenossen. Foto: Bridgeman Art

Hannes Nussbaumer@tagesanzeiger

Zürich – Sie trauten ihren Augen nicht: Peter Mattmüller, Historiker an der Universität Zürich und aktuell mit einem grossen Forschungsprojekt zur Geschichte der Eidgenossenschaft beschäftigt, und sein Mailänder Historikerkollege Vittorio Renzi standen im Archivio di Stato von Mailand und lasen die Dokumente wieder und wieder. Vor ihnen lagen historische Quellen aus dem Herzogtum Mailand.

Genauer: Aufzeichnungen von Massimiliano Sforza zum Verlauf der Schlacht von Marignano. Massimiliano, der Sohn des legendären Ludovico Sforza, war von 1512 bis 1515 Herzog von Mailand. Die Verteidigung des Mailänder Herzogtums war die Mission, welche die Eid­genossen in die Schlacht von Marignano ziehen liess.

Der Zürcher und der Mailänder Historiker waren durch einen Zufall auf die herzoglichen Aufzeichnungen gestossen. Dass Massimiliano persönlich die damaligen Vorgänge detailliert protokolliert hatte, war nicht bekannt. Jahrhunderte lang ruhten die Dokumente im ­Archiv, ohne dass jemand von ihrer Existenz wusste.

Wie spektakulär der Aktenfund ist, wurde den Forschern bewusst, als sie bei der Sichtung der Aufzeichnungen auf deren Datierung stiessen. Bisher war man davon ausgegangen, dass die für die Eidgenossen verheerende Schlacht am 13. und 14. September 1515 stattgefunden hatte. Doch auf den zeitgenössischen Dokumenten war der Schlachtbeginn anders datiert: «Die decima et tertia mensis septembris anno MDXIII» – zu deutsch: 13. September 1513.

Echtheit bestätigt

Den Forschern war sofort klar: Die Entdeckung bedeutet, dass die Marignano-Geschichte neu geschrieben werden muss. Das ist deshalb höchst brisant, weil der Fund ausgerechnet in das Jahr des hiesigen 500-Jahr-Gedenkens fällt. Das Jubiläumsjahr, das bereits heftige geschichtspolitische Debatten ausgelöst hat und von einer ganzen Reihe von Gedenkanlässen begleitet wird, ist gar kein Jubiläumsjahr. Das Jubiläum ist bereits vorbei.

Im Wissen um die Brisanz des Funds stellte die Universität Zürich ein hochkarätiges Forscherteam zusammen. Es hat den Auftrag, die Echtheit der Quellen und die Korrektheit des neuen Datums zu prüfen. Das Team operiert höchst diskret; sämtliche Mails und Dokumente sind als geheim deklariert; offizielle Informationen sind in Zürich keine erhältlich. Anfragen bei der universitären Pressestelle werden mit «No comment» beantwortet. Etwas redefreudiger sind dagegen die Spezialisten in Mailand (siehe Interview).

Der TA hat immerhin erfahren, dass sowohl die Dokumente wie eine ganze Reihe weiterer Marignano-Objekte mit aufwendigen technischen Verfahren ­untersucht worden sind. So hat sich das Institut für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich der Knochen der Gefallenen angenommen, die bis heute im Beinhaus Santa Maria delle Neve, gleich neben dem Schlachtfeld, eingelagert sind. Mithilfe der Radiokarbonmethode konnten die Wissenschaftler den genauen Todeszeitpunkt der Schlacht­opfer ermitteln. Und die Resultate sind eindeutig: Die Kämpfer, deren ­Knochen im Beinhaus liegen, sind im September 1513 gefallen – und nicht im September 1515.

Rückzug des VBS

Inzwischen hat die Universität Zürich auch den Bundesrat über die Entdeckung informiert. Erstens, weil in An­betracht der politischen Auseinandersetzung über die Bedeutung der Marignano-Schlacht die Angelegenheit von erheblicher staatspolitischer Bedeutung ist.

Zweitens, weil mehrere Institutionen des Bundes in das Marignano-Gedenken involviert sind. Im Landesmuseum Zürich wurde letzte Woche die Ausstellung «1515 Marignano» eröffnet. Die private Stiftung Pro Marignano lädt am 13. September zu einer Gedenkfeier auf dem Schlachtfeld bei Mailand; auch ein Gedenkschiessen wird von der Stiftung organisiert. Das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) hat angekündigt, es beteilige sich an den Kosten der Marignano-Gedenkanlässe mit 50'000 Franken.

Ob die Feierlichkeiten abgesagt ­werden, ist noch offen. Pro Marignano wollte sich dazu nicht äussern. Der ­Stiftungsrat hat für heute Abend zu ­einer Krisensitzung eingeladen – informiert werde erst nachher. Auch das VBS will der für die nächsten Tage geplanten Medienkonferenz des Bundesrats, an der offiziell über das neue ­Marignano-Datum informiert wird, nicht vor­greifen.

Dem Vernehmen nach hat das VBS aber bereits entschieden, dass die 50'000 Franken nun nicht freigegeben werden. Ebenfalls unbeantwortet blieb die Frage beim Landesmuseum, ob der Titel der Sonderausstellung korrigiert und neu «1513 Marignano» heissen wird.

Das Landesmuseum Zürich ist bereit, allen Personen, die diesen TA-Artikel vorweisen, heute Mittwoch zwischen 10 und 12 Uhr freien Eintritt in die Marignano-Ausstellung zu gewähren.

«Was für ein wunderbarer Zufall»


Vittorio Renzi, freischaffender Historiker der Universität Mailand, über die Bedeutung der Neudatierung der Schlacht von Marignano.

Herr Renzi, anscheinend hat die Schlacht von Marignano bereits 1513 stattgefunden. Wie konnten Sie das übersehen?
Sie stellen die Frage falsch: Unsere Leistung besteht darin, mit diesem gravierenden historischen Irrtum endlich aufzuräumen. Natürlich war es Glück, dass wir die Schlachtbeschreibung von Massimiliano Sforza gefunden haben. Was aber folgte, war harte Arbeit. Dank akribischem Quellenstudium und den neuesten Technologien, die uns noch nicht lange zur Verfügung stehen, können wir die Schlacht nun zweifelsfrei ins Jahr 1513 datieren.

Aber dass die Eidgenossen diese historische Schlacht verloren haben, das stimmt noch?
Machen Sie sich lustig? Am Ablauf der Schlacht ändern unsere neuen Erkenntnisse natürlich nichts.

Wie haben Sie das Dokument ­überhaupt gefunden?
Für eine längerfristig angelegte Struktur- und Sozialstudie des Lebens am Mailänder Hof – mit Schwerpunkt auf Aktionsräume, Mythenbildung und Personenkonzepte – habe ich im Archivio di Stato recherchiert. Mit mir zusammen forschte dort auch Peter Mattmüller aus Zürich, der an einer Studie über die Eidgenossen arbeitet, die damals in der Region eine Rolle spielten. Dabei sind wir zufällig auf die Aufzeichnungen von Sforza gestossen. Was für ein wunderbarer Zufall!

In der Schweiz ist die Schlacht von Marignano vor allem für die ­Nationalkonservativen ein wichtiges Thema – sie werden im September der Schlacht gedenken. Hatten Sie schon Kontakt mit einem Vertreter des Organisationskomitees?
Ja. Unsere Ergebnisse haben natürlich auch Auswirkungen auf die ganzen ­Feierlichkeiten. Gedenkmünzen, Erinnerungsteller und die Schlacht-T-Shirts sollten nun überdacht werden. Allerdings hat uns der Pro-Marignano-Vertreter nicht geglaubt, als wir ihn anriefen und ihm die neue Situation schilderten.

Im Landesmuseum in Zürich wurde vergangene Woche mit «1515 ­Marignano» eine grosse Ausstellung zum Thema eröffnet. Eine ­Ausstellung, die jetzt zwei Jahre zu spät kommt.
Ich würde den Ausstellungsmachern dringend zu einer Namensanpassung ­raten.

Und die Beiträge des Bundes für die verschiedenen Anlässe rund um die Schlacht?
Das müssen Sie in der Schweiz selber schauen. Italien ist bei der Verteilung von staatlichen Geldern nicht unbedingt ein Vorbild. Aber wenn ich ein Schweizer Politiker wäre, würde ich wohl vehement darauf drängen, die Feierlichkeiten abzusagen und ins Jahr 2038 zu verschieben. 525 Jahre Marignano ist auch ein schöner Jubiläumsanlass – und erst noch historisch korrekt.
Interview: Philipp Loser

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