Das Atomkraftwerk direkt an der Zürcher Grenze

Das Zürcher Weinland und der angrenzende Kanton Thurgau stehen derzeit im Fokus der Energiepolitik. Nicht zum ersten Mal: 1970 war in dieser Gegend gar ein Atomkraftwerk geplant.

Ehrgeizige Pläne: 1970 war in Rheinklingen TG am Rhein ein Kernkraftwerk geplant. Fotomontage: PD

Ehrgeizige Pläne: 1970 war in Rheinklingen TG am Rhein ein Kernkraftwerk geplant. Fotomontage: PD

Martin Huber@tagesanzeiger

Ob Atommüll-Endlager in Benken, Erdgasbohrung in Humlikon, Kraftwerksausbau am Rheinfall oder Geothermiepläne in Etzwilen: Der Norden des Kantons Zürich und das angrenzende Gebiet im Thurgau sind derzeit so etwas wie ein energiepolitischer Hot-spot. In Etzwilen etwa, das unmittelbar hinter der Kantonsgrenze bei Stammheim im Thurgau liegt, künden seit Wochen Plakate an Wohnhäusern von der Besorgnis der Bewohner wegen der geplanten Geothermiebohrung und möglicher Erdbeben.

Interessant: Ganz in der Nähe des Areals für das Etzwiler Geothermie­projekt gab es schon einmal ehrgeizige Kraftwerkspläne. 1970 war im benachbarten Rheinklingen TG, das wie Etzwilen zur Gemeinde Wagenhausen gehört, ein Atomkraftwerk am Rhein geplant. Zu stehen gekommen wäre das AKW östlich des Dorfes, gerade mal rund einen Kilometer von der Zürcher Kantonsgrenze entfernt.

Rheinklingen als Idealstandort

Im Jahr 1970 hatten die Nordostschweizerischen Kraftwerke NOK (heute Axpo) im Rahmen ihrer Langfristplanung das Areal gekauft. Ihrer Ansicht nach eignete es sich bestens für den Bau eines Kernkraftwerkes mit Flusswasserkühlung. Weil der Strombedarf damals ständig wuchs, suchten Energieunternehmen in den 60er- und 70er-Jahren fieberhaft nach Standorten für Atomkraftwerke – in Beznau AG, Gösgen SO, Leibstadt AG und Mühleberg BE, wo Anlagen realisiert wurden, ebenso wie in Kaiseraugst AG, Verbois GE, Rüthi SG, Graben BE, Inwil LU – und eben Rheinklingen TG.

In dem Bauerndorf warfen die Pläne damals hohe Wellen. «Die Meinungen gingen weit auseinander», sagt Hans-Jürg Fehr, langjähriger Präsident der SP Schweiz, der in Rheinklingen aufgewachsen ist. Der Sozialdemokrat erinnert sich gut an die damaligen Auseinandersetzungen. Fehr kämpfte als Jugendlicher gegen das geplante AKW. «Das hat mich stark politisiert, ich habe Transparente dagegen gemalt.» Die Gegner stellten auch Fotomontagen her, die sie im Dorf aufhängten.

1990 berichtete Fehr in der «Schaffhauser AZ» ausführlich über die AKW-Pläne in Rheinklingen. Demnach hatten NOK-Vertreter 1969 Kontakt mit drei Landwirten aufgenommen. Sie boten ihnen mit zehn Franken pro Quadrat­meter einen für damalige Verhältnisse sehr guten Landpreis. Die drei Landwirte verkauften, auch die Gemeinde machte dank Steuerablieferungen ein gutes Geschäft.

«Dorf würde viel profitieren»

Manchem Dorfbewohner schienen die Vorteile wesentlich greifbarer als die Nachteile, schrieb Fehr. Er zitiert dazu eine Zuschrift in der Lokalpresse von 1970: «Es steht ausser Zweifel, dass unser Bauerndorf durch das geplante AKW viel profitieren würde. Als stark verschuldete Kleingemeinde mit hohem Steuerfuss können wir Rheinklinger eine Befürwortung des Projekts sicher verantworten.»

So dachte offenbar auch der Gemeinderat. Als Jungpolitiker Fehr 1970 an einer Gemeindeversammlung Auskunft zum AKW verlangte, beschied ihm der Gemeindepräsident: Die Gemeinde­behörde sei noch nicht offiziell in diese Angelegenheit verwickelt. Wenn aber das Baugesuch komme, werde man es nicht versäumen, möglichst viele für die Gemeinde vorteilhafte Auflagen zu machen.

Auch in Zürich ein Politikum

Auch anderswo sorgten die AKW-Pläne in Rheinklingen für Diskussionen. Befürworter lobten die «saubere und wirtschaftliche Art» der Stromerzeugung, Gegner, darunter Landschaftsschützer und Fischer, sorgten sich um die Flusslandschaft und das Grundwasser. Zudem warnten sie vor den Folgen, wenn die Temperatur des Rheins durch das Einleiten von erwärmtem Kühlwasser erhöht würde.

In den Kantonen Thurgau und Schaffhausen gab es Vorstösse in den Parlamenten, und auch die Zürcher Politik beschäftigte sich mit dem Vorhaben. Auf eine Anfrage im Kantonsrat gab sich der Regierungsrat 1970 unverbindlich. Er begrüsse es, wenn die «schöne Flusslandschaft am Rhein zwischen Schaffhausen und Untersee nach Möglichkeit erhalten werden kann». Noch liege aber kein konkretes Projekt vor. Deutlicher äusserte sich das «Rheinkomitee des Bezirks Dielsdorf». Es fürchtete um die Naturlandschaft des Rheins und sprach von einer «krassen Unverfrorenheit», sollte die NOK die Pläne weiter vorantreiben.

Die Pläne fielen in eine Zeit, als in der Schweiz der Umwelt- und Gewässerschutz an Bedeutung gewann und die AKW-Frage immer stärker politisiert wurde. Die Wende in Rheinklingen kam 1971. Damals verbot der Bundesrat aus Gründen des Gewässerschutzes die Flusswasserkühlung für alle noch nicht im Bau befindlichen Atomkraftwerke. Darauf stellten die NOK die Pläne im Thurgau zurück und liessen sie schliesslich fallen. «Voraussichtlich kein Kernkraftwerk Rheinklingen», titelte die NZZ im Oktober 1974.

Land gehört immer noch Axpo

Auch in der lokalen Bevölkerung hatte die Stimmung gedreht. Weil die Energiewirtschaft nach dem Verbot der Flusskühlung auf Kühltürme umstellte, befürchtete man in Rheinklingen «ein solches Monstrum in die Rheinlandschaft hingestellt zu bekommen», wie Hans-Jürg Fehr schrieb. «Das klopfte die Bevölkerung aus dem Busch.» Sie hatte zuvor bereits mit einer eigentlichen Volksbewegung den Bau eines Rhein-Regulierwehrs ganz in der Nähe bei Hemishofen erfolgreich bekämpft.

1980 genehmigte die Gemeindeversammlung Rheinklingen eine Zonenplanänderung, durch die das NOK-Land in die Landschaftsschutzzone umgeteilt wurde. Heute figuriert das Land am Rhein zudem im Bundesinventar schützenswerter Landschaften.

Zwar sind die AKW-Pläne vom Tisch, doch das Areal ist noch immer im Besitz des Stromunternehmens Axpo, wie die «Andelfinger Zeitung» kürzlich berichtete. Es ist als Landwirtschaftsland verpachtet. Die Axpo habe keine Pläne, das Grundstück zu veräussern, bestätigt Sprecherin Monika Müller. Es stelle eine strategische Reservefläche für mögliche künftige Kraftwerks- oder Netzinfrastrukturvorhaben dar. «Ein konkretes Projekt gibt es aber nicht», so Müller.

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