Bäckereikette stellt Mitarbeiter auf die Strasse

Von einem «Mitarbeiter-Massaker» spricht ein Betroffener: Die Bäckerei Hiestand kündigte ihren Angestellten in Schlieren überraschend und ohne Erklärung.

Die Grossbäckerei Hiestand hat Personal entlassen: Der Hauptsitz des Unternehmens in Lupfig AG.

Die Grossbäckerei Hiestand hat Personal entlassen: Der Hauptsitz des Unternehmens in Lupfig AG.

(Bild: Keystone)

David Arnold* hatte keine Ahnung, was auf ihn zukam, als ihn sein Chef ins Büro der Personalabteilung in Schlieren bat. Dort wurde dem Mitarbeiter der Bäckerei Hiestand kurz und bündig mitgeteilt, er sei entlassen. «Ich brauche meinen Arbeitsplatz nicht aufzuräumen. Ich solle einfach meine Tasche holen und gehen», sagt David Arnold. Er habe sich nicht einmal von seinen Arbeitskollegen verabschieden dürfen.

Arnold weiss mittlerweile, dass er nicht der Einzige ist, den die Bäckerei Hiestand am 2. Juli 2012 ohne Vorwarnung auf die Strasse stellte. Hiestand habe nie kommuniziert, aus welchem Grund ihm gekündigt wurde und wie viele betroffen seien. Warum sie gehen mussten, wissen die Betroffenen auch heute nicht recht. «Uns wurde lediglich mitgeteilt, dass wir einer internen Reorganisation zum Opfer gefallen sind.» Und das, obwohl im Mitarbeiterleitbild des Schweizer Unternehmens von einem «Umfeld offener Kommunikation» die Rede sei.

«Zu optimistisch» Leute eingestellt

Die ehemaligen Mitarbeiter versuchen darum, sich die Hintergründe selbst zusammenzureimen: «Eine Kollegin kam beim Durchzählen auf mindestens 23 Mitarbeiter, die gehen mussten – aus den Marketing- und Finanzabteilungen sowie dem Aussen- und Personaldienst», sagt Arnold.

Der Geschäftsführer der Hiestand AG, Michael Schai, präzisiert auf Anfrage von Bernerzeitung.ch/Newsnetz: «Offene Stellen werden künftig nicht mehr besetzt und drei Mitarbeiter gehen frühzeitig in Pension. Entlassen wurden 14 Mitarbeiter.»

Die Backwarenherstellerin Hiestand AG beschäftigt in der ganzen Schweiz 770 Mitarbeiter. «Wir hatten in den letzten zweieinhalb Jahren die Verkaufsmannschaft personell mehr als verdoppelt, das war etwas zu optimistisch. Nun mussten wir Anpassungen vornehmen», begründet der Geschäftsleiter die Entlassungen. Das habe nichts mit der persönlichen Leistung der Betroffenen zu tun, versichert er.

Mitarbeiter fühlen sich alleingelassen

Alle, mit denen Arnold gesprochen hat, wurden nach dem selben Muster entlassen: Die Mitarbeiter wurden vor vollendete Tatsachen gestellt und mussten das Gebäude sofort verlassen. «Es muss ein furchtbares Mitarbeiter-Massaker gewesen sein an jenem Montag», sagt Arnold mit zittriger Stimme und unter Tränen. Schai gesteht ein, dass die Entlassungen «überraschend» waren. «Aber im Verkauf und Marketing ist das nun mal Usus und ermöglicht den Betroffenen, sich sofort auf die berufliche Neuorientierung zu fokussieren.»

Arnold sagt, er wisse nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Sein Vorgesetzter habe ihm zwar versprochen, ihn zu unterstützen, doch davon spüre er im Moment nichts. Schai erklärt: «Über finanzielle Entschädigungen und andere Leistungen haben wir mit jedem Betroffenen gesprochen und möchten dies nicht öffentlich kommentieren.»

«Sozialplan unnötig»

Arnold und seine Kollegen wurden bis Ende Monat freigestellt, danach gilt die zweimonatige Kündigungsfrist. Die Hiestand AG habe weder einen Sozialplan noch eine Entschädigung angeboten, sagt Arnold. Auch verbleibende Ferientage und Überstunden werden den Entlassenen nicht zurückerstattet. Das sei in der Freistellungsvereinbarung festgehalten, die den Betroffenen unterbreitet wurde: «Ich war völlig perplex und musste weinen. Ich stand unter Druck und konnte nicht mehr richtig nachdenken, sodass ich diese Vereinbarung einfach unterzeichnete.»

Hiestand-Geschäftsführer ist überzeugt, dass Personal aus der Verkaufs- und Managementabteilung auf dem Arbeitsmarkt bessere Aussichten habe als beispielsweise die Produktionsmitarbeiter. Deshalb habe man keine Notwendigkeit für einen Sozialplan gesehen. «Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass die Betroffenen innerhalb der nächsten zwei bis drei Monate wieder eine Beschäftigung finden.»

*Name der Redaktion bekannt

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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