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Zwischen Qualen und Freude

Der russische Stardirigent Gergiev und das London Symphony Orchestra traten zweimal am Menuhin Festival in Gstaad auf.

Der Freitag begann mit einem spannenden, aber auch problematischen Experiment: Da prallte nämlich Valery Gergievs vollblütige, mit markigen Akzenten angereicherte Begleitung des Brahms-Violinkonzerts auf den schlanken Ton, die Noblesse und die fast keusche Zurückhaltung des amerikanischen Solisten Joshua Bell. Der Poet und Sensibilissimus der Geiger-Weltelite erreichte vorab im innig musizierten Adagio oder in der hochinteressanten eigenen Kadenz des ersten Satzes berührende Momente. In den dramatischeren Passagen jedoch schienen Bell und Gergiev an der Herausforderung zu scheitern, sich zu finden. Ereignishafter Bruckner Ganz in ihrem Element zeigten sich das London Symphony Orchestra und sein Chefdirigent dann aber in Bruckners neunter, «dem lieben Gott» gewidmeten Sinfonie: Gemeinsam durchmassen sie das gesamte Klangspektrum von feinsten Schattierungen bis zu gigantischen Dombauten, bei denen die phänomenalen Bläser besonders glanzvoll auftrumpfen konnten. Gergiev erwies sich dabei der «Herausforderung Bruckner» gewachsen: Wie er beispielsweise das martialische Hauptthema im Scherzo herausmeisselte und wie er den Sisyphus-Qualen im Schlusssatz, diesem Ringen zwischen Sehnsucht, Auflehnung, und Todesangst, nachspürte, das erschütterte tief. Tags darauf gelang es den gleichen Interpreten mühelos, in eine Welt der Harmonie, Schönheit und Leichtigkeit einzutauchen. Und hier waren beide eines Sinnes mit dem Solisten, dem Berner Emanuel Abbühl. Dieser lieh dem 1945 entstandenen Oboenkonzert von Richard Strauss Leuchtkraft, agile Phrasierungskunst und auch die nötige kammermusikalische Delikatesse. Musik gewordene Bilder Dem versöhnlichen Blick zurück in eine Idylle folgte eine ganz andere Sicht auf Vergangenes: Schostakowitschs Sinfonie Nr. 11, op. 103, vergegenwärtigt mutig sowohl die brutale Niederschlagung einer Bittprozession von 1905 als auch des Volksaufstands in Ungarn 1956. Dabei sind dem Komponisten Musik gewordene Bilder gelungen, denen es nicht an Farbenfülle und an Eindringlichkeit fehlt. Das London Symphony Orchestra meisterte auch diese letzte Herausforderung mit ungemein wendigem, animiertem und expressivem Spiel von bemerkenswerter Geschlossenheit. Und Gergiev riss die Zuhörerschaft so vehement in dieses suggestive, anspielungsreiche Wechselbad mit, als sei es ein Stück von ihm. Das Publikum hatte sich neugierig den Herausforderungen gestellt und war trotz ungewöhnlicher Programmierung zweimal erfreulich zahlreich ins Festivalzelt geströmt. Und der Samstag endete gar mit Standing Ovations. Erich Binggeli>

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