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Zwischen Komik und Katastrophe

Die Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey hat Tschechows «Platonow» im Pfauen inszeniert: Ein meisterlicher Abend, der nicht nur in der Bühnenbild-Tristesse an Christoph Marthaler erinnert.

Von Alexandra Kedves Ein Landgut wie ein Bahnhofsbistro: drei Holztische, ein Dutzend Holzstühle, ein verratzter Fauteuil in Grün, ein verschlissenes Schlafsofa in Gelb. Und durchs Loch in der Decke ergiesst sich über den Saal und seine drei Nischen jene Tristesse, die nach Provinz riecht, nach Planlosigkeit und nach Träumen von Tempi passati. Er könnte von Anna Viebrock gebaut sein, dieser halbrunde «Salon» irgendwo in Südrussland, in dem sich Lumpenadel und Cervelatprominenz zum Flirten, Fressen und Einanderfertigmachen treffen. Und sie hat was von Christoph Marthalers Machart, die Inszenierung von Anton Tschechows «Platonow», die in diesem bestechend kalten und zugleich beredten Bühnenbild (von Ausstattungsstar Bettina Meyer) am Freitag zur Premiere kam. Denn alles klappert, rattert und retardiert so schön in der ersten Szene, die Regisseurin Barbara Frey ins ausufernde Stück hinfantasiert hat, als ob da locker Platz wär für noch mehr. Miriam Maertens Magd Katja (mit Schürzchen) lümmelt auf der Couch herum, klammert sich an die TV-Fernbedienung und kichert und keckert vor sich hin: ein Staccato des strohdummen Zeitvertreibs, eine komische Ouvertüre für die ersten Worte der Generalswitwe Anna Petrowna. «Ich langweile mich.»Mit diesem Satz sind wir dann mittendrin im vollblütigen Tschechow. Das theatrale Ennui-Genie hat hier, in seinem ersten Drama – das Tschechow 1878, noch als Gymnasiast, schrieb und das erst nach seinem Tod uraufgeführt wurde – eine Auslege(un)ordnung seiner grossen Themen geschaffen: Décadence, Zerfall der Gesellschaft und die Frage nach dem Sinn. Die Generalswitwe etwa, die zur Sommerfrische auf ihrem Landsitz weilt, lebt auf Pump, muss ihre Gläubiger bei Laune halten und, durchaus schwieriger, auch sich selbst. Schnorrer und Spekulanten Kostümbildnerin Bettina Munzer packt die Dame mit der gut kaschierten Midlifecrisis in ein Sarah-Palineskes pinkes Kostüm; aber Friederike Wagners Anna, die Siri Hustvedt verblüffend ähnlich sieht, ist klug und knallhart. Ihr Stiefsohn Sergej dagegen ist ein faules Weichei: Selbst die Ehe mit der schönen Sofja gibt ihm keinen Schwung (Yvon Jansens Sofja mit makellosem Bleistiftrock, aber zerrissenem Herzen, ist die Einzige, die einen Ausbruch wagen will). Bei Nicolas Rosat wirken sogar Sergejs späterer Mordversuch an Platonow und sein Wutanfall gegenüber der treulosen Ehefrau total schlappschwänzig. Zudem hängen in Annas Salon eine ganze Menge Leute herum, die entweder schnorren und sich buchstäblich nach jedem Rubel krümmen oder die auf die Pleite der Witwe spekulieren, aber auf jeden Fall nach irgendetwas suchen, was sich wie Trost anfühlt und wie Erlösung vom Lebensekel. Nikolai ist ein junger Arzt ohne ernste Absichten (Markus Scheumann), der halbherzig der Chemiestudentin Marja den Hof macht (Franziska Machens). Sein Vater, ein versoffener Oberst a. D., wirft sich schnarchend in den Sessel, als sei er mit ihm verwachsen – ein wunderbarer Gottfried Breitfuss. Und seine Schwester Alexandra – bei Ursula Doll eine Mischung aus verhuschtem und krakeelendem Trampeltier mit hoher Moral und wenig hoher Intelligenz – hat alle Mühe, mal ihren Vater, mal ihren Mann ruhigzustellen. Oder sich selbst: Ihre Suizidversuche misslingen. Ihr Mann, Platonow, bugsiert sich mit seinen Zynismen regelmässig ins Zentrum der Aufregung, wobei er selbst ungerührt im Auge des verbalen Sturms hockt und mit seiner scheinbar göttergleichen Gelassenheit Frauen wie Männern den Kopf verdreht (es handelt sich allerdings eher um die völlige Kraftlosigkeit einer kaputten Psyche) – und Michael Maertens verdreht uns den unseren gleich mit. Der Schauspieler schafft es, seine grosse komödiantische Gabe mit dem Gestus der Depression sozusagen zu vergiften – sodass wir lachen und doch den Mund verziehen müssen. Aus Humor wird Hohn, aus Finesse Fiesheit und aus intellektueller Freiheit Verzweiflung; aus marthalerschen Momenten pure puristische Barbara Frey at her best, am Puls von Tschechows stiller Masslosigkeit. Maertens zeigt sich als Meister von Witz und Weh, wenn er, ohne die Stimme zu erheben, Platonows Pfeile abschickt, sodass Marja heult und Anna lacht. Friederike Wagners dem Volksschullehrer Platonow wesensverwandte Anna ist die andere Figur, die in dem Mammut-Melodram fasziniert – das ohne Striche über sechs Stunden dauert und am Pfauen noch über drei; drei insgesamt fesselnde Stunden. Wie Anna spottet, wo sie spucken könnte, wie sie verstummt, wo sie schreien könnte (etwa als sie erfährt, dass Platonow Ehebruch mit Sofja begeht und nicht, wie ersehnt, mit ihr), das hat kühle Klasse. Das Power-Paar Maertens Platonow und Wagners Anna bilden in ihrer sarkastischen Orientierungslosigkeit ein Power-Paar, vor dem die anderen zwölf Ensemble-Mitglieder ein wenig verblassen; ein wenig im Stereotyp der Epoche stecken bleiben: der jüdische Geldverleiher, den alle benutzen (Klaus Brömmelmeier); der verliebte Nachbar (Lambert Hamel) und sein nichtsnutziger Sohn (Niklas Kohrt); der verschlagene Gardekornett a. D. (keiner kann Harmlosigkeit so heucheln wie Siggi Schwientek) und all die Frauen, die sich nach Platonow verzehren. Nur wo auch Platonow und Anna die Façon verlieren, schwächelt die Inszenierung, deren Strenge genauso staunen macht wie die strenge Komik. Sie passt da nicht mehr recht zum souligen Soundtrack von Dusty Springfield, nicht zur Discokugel, die das «Bahnhofsbistro» bisweilen mit eisig-weissen Splittern sprenkelt, und nicht zur entseelten nächtlichen Szenerie, in der zwei Schienen ins Nirgendwo davon erzählen, dass alles Strampeln ins Nichts führt. Die subtile Soiree ist ein Wahnsinnsabend und dort besonders stark, wo die Gestalten bloss den Stuhl wechseln und reden, schweigen, reden. Stundenlang tut sich nichts, und dennoch hat Anna am Ende ihr Gut verloren, ihr Nachbar seine Hoffnung, Sofja ihre Ehe, Alexandra ihren Mann: Sofja erschiesst den ungetreuen Geliebten Platonow. Und alle setzen sich in die Fernsehecke, starren ins Leere. Aber wir gebannt auf die Bühne. Platonow verdreht Männern und Frauen den Kopf, sein Darsteller uns den unseren. Das Landgut ist ein Bahnhofsbistro: Szene aus Barbara Freys «Platonow»-Inszenierung. Foto: Doris Fanconi

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