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Zum Abschied

Norbert Eggenschwiler

Es ist der Lauf der Dinge und etwas ganz Normales, dass sich im Herbst die bunten Blätter von den Ästen der Bäume und Sträucher trennen und zu Boden fallen. Jedes Jahr und jeden Herbst. Aber in diesem Jahr fällt ein besonderes Blatt. Auch ein buntes. Aber nicht so bunt, dass es hätte fallen müssen. Da hätte es viel buntere gegeben, die sich besser vom Winde hätten wegtreiben lassen. Liebes Blatt, ich bin sehr erstaunt, dass deine Zeit reif geworden ist. Der Ast wollte dich nicht mehr, hab ich gehört. Wollte, so habe ich vernommen, das immer schwerer werdende Blatt nicht mehr tragen. Und jetzt! Jetzt fehlt dann was im Blätterwald. Du hast mich gut unterhalten, über all die Jahre, hast mir viel erzählt und mitgeteilt. Nun wirst du zu Grabe getragen! Ich habe dir auch gerne Dinge mitgeteilt. Dinge, die mich beschäftigt haben, Dinge die ich erlebt habe, Wichtiges und weniger Wichtiges. Zum Teil hatten meine Mitteilungen sogar Folgen. Es gab Leute die grüssten mich nicht mehr auf der Strasse – jedenfalls bis vor den Wahlen und dann gab es Leute, die haben mir Briefe geschrieben, von denen ich erstaunt war, dass sie sich betroffen gefühlt hatten. Wie pflegte mein Vater jeweils zu sagen: Wenn du einen Stein in eine Herde Schweine wirfst, grunzt die Sau am lautesten, die du getroffen hast. Aber ich spürte immer wieder, dass du gelesen wirst. Kurze Bemerkungen von Passanten und Freunden deuteten darauf hin. Liebes Solothurner Tagblatt, du wirst mir fehlen. Jeden Morgen. Es ist nämlich immer noch dunkel, wenn du zu mir kommst und mein Tag mit dir anfängt. Ich werde wohl die erste Zeit deines Fehlens noch mit der Taschenlampe in den Briefkasten leuchten und nachsehen, ob du dich nicht doch in einer Ecke noch versteckst. Ganz klein machst, um kaum gesehen zu werden, so wie die es tun, die sich verstecken wollen. Du hast nicht mitgemacht, mit diesem Sensationsjournalismus, der bei deinen Mitbewerbern schon fast gang und gäbe geworden ist. Auch dein Layout hat mich angesprochen. Du hast dich bemüht objektiv zu sein und dir treu zu bleiben. Ich bedaure deinen Abgang. Nicht, weil ich dir nichts mehr mitteilen kann; nein, weil du eine gute Alternative warst, im restlichen Blätterwald. Weisst du noch, wie wir uns kennen lernten? Ja genau, der Nik war schuld. Nik, oder besser gesagt Wolfgang Niklaus hat mich angerufen und mich gefragt ob mir unsere Zusammenarbeit Spass machen würde. Ich habe keine Sekunde gezögert und ich bin dir treu geblieben. Bis zu deinem raschen Ende. Nik hat sich dann von dir verabschiedet und Rolf Löffler Platz gemacht. Und nach Rolf kamen Mirjam und Helge. Ja und der Flü? Was wird der wohl jetzt machen? Den habe ich auch sehr geschätzt. Der hat immer sehr gut über Ausstellungen und Kunst informiert. Und all die Anderen, die täglich informiert haben? Kann man dich einfach so sterben lassen? Die Mitteilung in den Morgennachrichten hat mich sehr überrascht. Ich wusste nicht, dass es dir so schlecht geht. Und wie macht man es heute mit einem, dem es schlecht geht? Man lässt ihn fallen. Zu viel Verlust. Wie wärs mit einer Mischrechnung gewesen? Und die Angestellten. Sozialplan. Aha. Und deine Geschwister? Die bleiben am Leben? Erinnerst du dich an meinen Beitrag vom Fliegerlotto? Stell dir vor, hat mir doch tatsächlich ein Journalist einer Aviatikzeitung angerufen und mich gefragt, ob ich über diese Veranstaltung auf dem Oberberg einen Bericht schreiben könne! Nun lässt man dich sterben. Machst du noch etwas Besonderes für deinen Abgang? Kommst du in schwarz mit weiss gedruckten Buchstaben? Das wäre doch was! Damit die schwarze Farbe in der Druckmaschine restlos aufgebraucht wird und dass alle, die dich ein letztes Mal lesen, als Andenken noch schwarze Finger bekommen. Wer erweist dir die letzte Ehre? Gibt es einen Leichenschmaus? Kommst du in den Zeitungshimmel? Kommst du wieder? Man weiss ja nie. Mich würde es freuen, wenn du nicht ganz in Frieden ruhen könntest und eines morgens wieder in meinem Briefkasten liegen würdest. Machs gut, Solothurner Tagblatt. Dein Kolumnist Norbert Eggenschwiler Norbert Eggenschwiler ist freischaffender Künstler und Bildhauer. Er lebt in Balsthal.>

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