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Zögern im Kampf gegen Chemierückstände

Kleinste Verunreinigungen im Abwasser schaden unter anderem den Fischen. Beim Einsatz besserer Filtertechnologie mag aber im Bezirk Meilen niemand die Vorreiterrolle übernehmen.

Von Patrik Gut Die acht Kläranlagen im Bezirk Meilen müssen es im Moment mit dem Abwasser von 97 000 Menschen aufnehmen. So viele Personen wohnen im Bezirk. Es ist eine Menge Dreckwasser. Doch damit nicht genug: Hinzu kommt eine grosse Menge Abwasser aus Geschäften, Bürobetrieben und der Industrie. Was in den Abwasserreinigungsanlagen (ARA) gesäubert wird, fliesst danach grösstenteils in den Zürichsee. Mit der heute dort angewendeten Technologie wird das Wasser allerdings nicht absolut sauber. Sogenannte Spurenstoffe bleiben im Wasser zurück. Es sind Rückstände von rund 30 000 Chemikalien. Nicht zuletzt Hormone aus Antipabypillen und Stoffe wie Plastikweichmacher oder Flammschutzmittel. Die Rückstände entfalten in den Gewässern ihre Wirkung. So hat das nationale Forschungsprojekt «Fischnetz» schon vor ein paar Jahren aufgedeckt, dass männlichen Fischen vielerorts Eizellen im Hodengewebe wachsen. Das kann ihre Fortpflanzung beeinträchtigen. Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) will nun die Gewässerschutzverordnung verschärfen. Ausgewählte Anlagen sollen technisch aufgerüstet werden, damit die Mikroverunreinigungen in der Schweiz möglichst effektiv reduziert werden. Ozon und Aktivkohle helfen Es gibt zwei Technologien, die das Wasser von Mikroverunreinigungen säubern können: Ozongas und Aktivkohlefilter. Beide wurden in Pilotversuchen erfolgreich getestet. Obschon als Gas in hoher Konzentration giftig, dürfte Ozon letztlich den Vorzug erhalten. Es wird bei der Aufbereitung von Trinkwasser längst routinemässig verwendet, da es im Wasser sehr schnell wirkt und dabei abgebaut wird. Die Technik mit dem Ozonverfahren lässt sich zudem relativ einfach in bestehende Anlagen einbauen. Im Bezirk Meilen ist noch keine Anlage mit einer der beiden Technologien ausgerüstet. Aktuell läuft eine kantonale Studie. Diese soll klären, welche ARA überhaupt aufgerüstet werden müssen. Dem definitiven Entscheid liegen dann Kosten-Nutzen-Überlegungen zugrunde. Folgende drei Kriterien werden berücksichtigt: Befindet sich die ARA an einem Gewässer, das für die Trinkwasserversorgung genutzt wird? Liegt die ARA an einem vergleichsweise kleinen und damit stärker belasteten Gewässer? Handelt es sich um eine vergleichsweise grosse ARA? «Wenn ein Kriterium erfüllt ist, heisst das aber noch nicht automatisch, dass ein Ausbau erfolgt», sagt Daniel Rensch, Sektionsleiter Abwasserreinigungsanlagen des Kantons Zürich. Und weiter: «Der Kanton Zürich wird voraussichtlich einen hohen Anteil an Anlagen haben, die es auszubauen gilt.» Stehe bei einer ARA eine Sanierung an, würden die jeweiligen Betreiber vom Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) auf die Technologien aufmerksam gemacht. Gemeinden warten ab Das sei auch im Fall der ARA Meilen geschehen, die aktuell für 36,5 Millionen Franken ausgebaut wird. In Meilen werden die Abwässer aus Meilen, Herrliberg und Uetikon geklärt. Die Gemeinde verzichte vorerst auf die neue Technologie. «Immerhin werden die Vorarbeiten für einen späteren Einbau der Ozongas-Technologie vollzogen», sagt Rensch. Als das Sanierungsprojekt für die ARA Meilen ausgearbeitet wurde, sei noch nicht sicher gewesen, ob und wann die neue Technologie eingeführt werden müsse, sagt Daniel Noger, Leiter der Meilemer Bauabteilung und Betriebsleiter der ARA Meilen. Man habe trotzdem den notwendigen Platz für die Ozongas-Technologie ausgespart und 300 000 Franken in bauliche Massnahmen investiert. Ähnlich tönt es in Küsnacht, wo vor vier Jahren 26 Millionen Franken für den Ausbau der ARA Küsnacht-Erlenbach-Zumikon gesprochen wurden. «Wir haben die räumliche Planung der Anlage so angepasst, dass wir ohne weiteres nachrüsten können», sagt Markus Ernst, Präsident der Betriebskommission und FDP-Gemeinderat in Küsnacht. In den Jahren 2004/05, als der ARA-Ausbau projektiert worden sei, war von einer Reinigung der Mikroverunreinigungen noch keine Rede. «Vorauseilender Gehorsam hat immer Vor- und Nachteile», sagt Ernst. Plötzlich richte man für viel Geld eine Technologie ein, die es dann gar nicht brauche oder die gar noch nicht ausgereift sei. «Es ist ja nicht so, dass wir ohne die Reinigung mit Ozongas Gülle in den Zürichsee lassen würden», sagt Ernst. «Unser Klärverfahren entspricht dem aktuellen Stand der Technik.» Die ARA Sonnenwies in Stäfa soll in den nächsten Jahren für rund 10 bis 15 Millionen Franken gesamtsaniert werden. Im letzten Dezember segneten die Stimmberechtigten an der Gemeindeversammlung einen Projektierungskredit von 1,77 Millionen Franken ab. Bestandteil des Projekts wird es auch hier sein, Reserveräume bereitzuhalten, falls die ARA mit der Ozongas- oder Aktivkohlefilter-Technologie nachgerüstet werden muss. Rund 1,2 Milliarden Franken wird es kosten, 100 von 700 Abwasserreinigungsanlagen in der Schweiz mit Ozongas- oder Aktivkohlefilter-Technologie nachzurüsten. Damit würde ein genügend grosser Anteil der Mikroverunreinigungen aus dem Abwasser entfernt. Der Nationalrat hat letzte Woche eine Motion an den Bundesrat überwiesen. Diese fordert eine verursachergerechte Finanzierung der Elimination von Spurenstoffen im Abwasser. Im Vordergrund steht im Moment eine schweizweite Abgabe auf Abwasser. Diese soll jenen ARA zugutekommen, die nachgerüstet werden. Die Kosten sollen also nicht jenen Gemeinden aufgebürdet werden, in denen die ARA letztlich mit der neuen Technologie ausgebaut werden. Möglich wäre auch eine Abgabe auf Produkte, die Mikroverunreinigungen verursachen. Der Bundesrat muss jetzt einen entsprechenden Vorschlag ausarbeiten. Im Nationalrat hatte sich einzig die SVP gegen die Motion geäussert. Es müssten zuerst die zu eliminierenden Substanzen definiert werden. Ausserdem seien europaweit Grenzwerte festzulegen, moniert die europakritische SVP.(pag) 36,5 Millionen Franken stecken Meilen, Herrliberg und Uetikon in die Sanierung der ARA Meilen.Foto: Frank Speidel

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