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zeitreise ins reich der mitte

Liu Heung Shing fotografierte China kurz nach Mao Zedongs Tod. Seine Bilder zeigen ein Land, das sich langsam seiner jahrzehntelangen Fesseln entledigte.

von paulina szczesniak fotografie Drei Typen in verspiegelten Sonnenbrillen – nicht eben das, was man ein brisantes Fotomotiv nennt. Es sei denn, man findet es 1980 in China: Da ist Mao Zedong gerade mal vier Jahre tot, und ins Reich der Mitte schleichen sich – mit Coca-Cola, Lederjacken und coolen Augengläsern – allmählich westliche Sitten ein. Der Mann, der damals fündig wurde, heisst Liu Heung Shing und zählt seit bald dreissig Jahren zu den gefragtesten Vertretern seines Fachs. 1951 in Hongkong geboren und in der südostchinesischen Provinz Fujian aufgewachsen, absolvierte er seine Fotografenausbildung in den frühen Siebzigern in New York. Mit 25 Jahren kehrte er in die Heimat zurück, wo er als Fotojournalist zunächst für das «Time Magazine» tätig war, bevor er ab 1981 für Associated Press auch in Indien, Südkorea und in der ehemaligen UdSSR unterwegs war. Seine Berichterstattung über den Niedergang der Sowjetunion brachte ihm 1992 den Pulitzerpreis ein. Rund zwei Dutzend Schwarzweissfotografien des heute in Peking lebenden Liu Heung Shing sind nun in der Winterthurer Coalmine Galerie zu sehen. Die zwischen 1977 und 1983 entstandenen Aufnahmen – für die Ausstellung wurden sie vergrössert und auf Kunststoffplatten aufgezogen – zeigen im Grunde bloss alltägliche Szenen. Ihre Kraft gewinnen die Motive erst aus der Tatsache, dass sie die Bilder aus der Mao-Ära, die man im Westen verinnerlicht hat – den militärischen Drill, die uniformierten Gestalten, die Beherrschtheit in Geste und Mimik –, aufzubrechen wissen: etwa mithilfe eines neu aufblühenden Individualismus, der sich in modisch gekleideten Passanten manifestiert. Oder durch die Figur jener vor Lebenslust sprudelnden Badenden, die sich im knapp geschnittenen Einteiler am Strand rekelt. Wie die Omnipräsenz der Politik in jenen Jahren allmählich nachliess, illustriert Liu Heung Shing mit der Aufnahme eines greisen Schusters, der das reparaturbedürftige Schuhwerk seiner Kundschaft wie selbstverständlich vor einem Porträtfoto Mao Zedongs stapelt. «Dass diese Schuhe Maos Gesicht verdeckten», erinnert sich der Fotograf, «sagte so viel darüber aus, wie die damalige Politik sich auf die Menschen auswirkte, wie sie den Alltag durchdrang und welche Veränderungen im Gang waren.» Nicht minder eindrücklich tritt dies in jener Aufnahme zutage, die einen auf einem Bein balancierenden Rollschuhfahrer zeigt. Sich seinen Fahrkünsten ganz hingebend, scheint er die stramm hinter ihm aufragende Mao-Statue überhaupt nicht wahrzunehmen. Stattdessen saust er – noch etwas wackelig, aber mit weit ausgebreiteten Armen – in flotter Fahrt dem Westen entgegen. China wird cool: Jugendliche in der Provinz Yunnan, 1980. Bis 31. 3.Mo–Fr 8–19 Uhr, Sa 11–16 Uhr«China After Mao» ist auch online zu sehen:www.coalmine-online.ch Bilder: Bilder: Liu Heung Shing/Coalmine Galerie/zvg; Frédérique Loutz/Katz Contemporary/zvg

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