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Witz komm raus, du bist umzingelt

Hanspeter Bader

Wer kennt sie nicht, diese Abende. Onkel Kurt wollte nur schnell einen Witz erzählen und eh man sichs versah, hat man einige Stunden witzehörender Weise verbracht. Das Witze-Erzählen folgt dem Schneeball-Prinzip. Ein Witz löst den nächsten aus und selbst Leute, die von sich behaupten: «Ich kann mir ja überhaupt keine Witze merken, geschweige denn welche erzählen», kriegen durch die angeheiterte Situation Oberwasser und melden sich zu Wort: «Da gibt es doch auch diesen Witz, wo der Ogi ins Kreuzworträtsel das Wort Ogi einträgt, aber wie ging der denn bloss, wie war denn die Frage....» und schon ist die Pointe aufs trefflichste versaut. Aber keine Sorge, Onkel Kurt weiss zu jeder vermasselten Pointe gleich den passenden Anschlusswitz. Als Lückenbüsser kann es ja ruhig mal einer aus der B- oder C-Kategorie sein und selbst das erlahmende Lachen seiner Zuhörer zeigt ihm nicht, dass er längst in der D-Kategorie gestrandet ist.Selten ist eine Stille so hörbar wie jene, die dem exzessiven Lachen nach einer gelungenen Pointe folgt. Wahrscheinlich liegt es an der Spannung, die ein guter Witze-Erzähler aufbaut, die sich so überraschend auflöst, dass einem nichts mehr dazu einfällt. Die üblichen Gesprächsfüllsel wie: «na ja...», « so ist es halt...», «was es nicht alles gibt...» brauchen ihre Zeit, bis sie ihren sinnentleerten Weg in die Runde finden. Wohl dem, der schon während des vorangegangenen Witzes sein Mundwerk innerlich wetzt, sich eine Erzählstrategie zurecht legt, die Pointe mit einem angemessenen Anstandslachen quittiert und nach einer genau getimten Pause seinen nächsten Witz lanciert.Eigentlich sind Witzeerzählabende Kommunikationskiller. Innert kurzer Zeit vermögen sie ein lockeres Zusammensein in ein streng durchstrukturiertes Korsett zu zwängen. Wo vorher unbefangen drauflos geplaudert wurde, sieht man plötzlich Leute angestrengt nachdenken: Wie kann ich mit dem Lacherfolg meines Vorgängers gleichziehen? Oder ihn vielleicht sogar noch toppen? Schlechte Erzähler werden für geraume Zeit von der Kommunikation ausgeschlossen. Am Ende bleibt ein schales Gefühl der Leere zurück, wie nach einem durchzappten Fernsehabend.Und trotzdem gehört der Witz zu unserem Leben wie die tägliche Nahrungsaufnahme. Kaum trifft man sich, versucht man dem Gegenüber durch eine witzige Bemerkung ein Lächeln zu entlocken. Erst danach scheint das Terrain für ernsthaftere Gespräche geebnet. Daraus ist eine Sprüchekultur entstanden, die den Anspruch erhebt witzig zu sein, aber von niemandem mehr als lustig empfunden wird. Trotzdem werden die Sprüche aus Höflichkeit meist mit einem mehr oder weniger engagierten Lachen quittiert. Schliesslich muss die Konvention ja bedient werden. Gewisse, nicht sehr inspirierte Gesprächsrunden bleiben leider in diesen Konventionen stecken und lächeln sich gegenseitig längst Bekanntes ab. Die besten Witze arbeiten übrigens genau mit diesem Prinzip. Sie lullen uns ein, indem sie mit gängigen Mustern ein vertrautes Klima schaffen, das sie mit einer überraschenden Wendung plötzlich zerstören. Genau dieser Bruch mit der Konvention löst bei uns oft ein Lachen aus, das wirklich spontan von Herzen kommt.Hanspeter Bader ist Schauspieler und Regisseur. Er lebt in Solothurn.>

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