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Wieso das System Del Curto funktioniert

Trainer-Erfolgsrezept Das Wichtigste im Eishockey ist, die Spieler in die Verantwortung zu nehmen. Klingt einfach, ist aber schwierig. Von Kent Ruhnke Es war im Januar 2006, als ich nach dem Training im Restaurant der Basler Eishalle sass und Rob Zamuner hereinkam. «Hallo Rob, setz dich zu mir, ich lade dich zum Mittagessen ein», sagte ich. Schüchtern nahm dieser Berg von einem Mann, der auf zwölf NHL-Saisons zurückblickt, auf einem Stuhl Platz. «Ich weiss nicht recht», gab er zurück. «Ich habe noch nie mit meinem Coach gegessen. Noch nie in meiner Karriere.» Ich schaute ihn verblüfft an und überlegte mir, wie ich ihn, der mit seinem letzten NHL-Vertrag mehr verdient hatte als ich in meiner 30-jährigen Karriere, beruhigen könnte. «Es ist okay», sagte ich. «Ich beisse nicht. Also, was hättest du gern?» Coaching in der NHL ist genau umgekehrt zu dem, was man gefühlsmässig erwarten würde. In einer Kultur, die sich etwas darauf einbildet, offene, kommunikative, freundschaftliche, innovative Management-Strukturen zu haben, bewahren die Coaches eine riesige Distanz zwischen ihnen und den Spielern. Der durchschnittliche Spieler lebt in ständiger Angst davor, ins Farmteam oder in der Team-Hierarchie abzusteigen. Die Konsequenz ist, dass kaum tiefere Beziehungen neben dem Eis entstehen. Alles dreht sich um die Leistung, und alles wird unternommen, um diese zu maximieren. Aber erwarte ja nicht, dass irgendjemand dein Freund ist. Du bist nur immer so gut wie dein letzter Einsatz. Ich kann gut verstehen, wieso ehemalige NHL-Coaches wie Bob Hartley oder Kevin Constantine in Europa Mühe haben. In der NHL spielt jedes Team mehr oder weniger das gleiche System. Auch, weil die in Übersee gross gewordenen Spieler das erwarten und verlangen. Das Einfachste für einen Coach ist, beim NHL-Stil zu bleiben und zu hoffen, dass das Scouting-Personal so viele Talente findet, bis sich der Erfolg einstellt. Das kann Jahre dauern, aber oft übernimmt die Organisation die kollektive Verantwortung für das Scheitern, bis der Turnaround gelingt. Die Geduld der Maple Leafs Deshalb darf Ron Wilson auch in seiner vierten Saison an der Bande der Maple Leafs stehen, obschon er das Playoff stets verpasst hat. (Wobei hier vielleicht auch mitspielt, dass General Manager Brian Burke im College sein Zimmergenosse war.) Wäre Wilson NLA-Trainer, man hätte ihn mit einer solchen Bilanz schon längst entlassen – ausser vielleicht in Langnau, Biel oder Rapperswil. Aber die Teppichetage der Leafs nahm die Kritik von Presse und Fans auf sich – und nun ist Toronto Erster in seiner Division. In einem geschlossenen System mit einem 454-seitigen Gesamtarbeitsvertrag, Draft und Salärbeschränkung pro Team ist der einzige Pfad zum Erfolg, etwas durch Stärke der Organisation und Beharrlichkeit aufzubauen. Denn grosse Teams brauchen Zeit, um zu wachsen. Aber lassen Sie mich trotzdem eines festhalten: So wie das Schicksal der UBS auf Sergio Ermotti lastet, dem neuen CEO der Grossbank, so ist der Headcoach in jedem Profiteam der wichtigste Erfolgsfaktor. Im Schweizer Eishockey hat es nur ein Trainer geschafft, aus seinem Team einen ständigen Meisterkandidaten zu machen: Arno Del Curto. Sein HCD ist Manchester United ähnlich. Beide wurden um den Personenkult ihrer Coaches aufgebaut. Del Curto wie Sir Alex Ferguson haben die Charakterstärke und die politische Finesse, um ihre Klubs zu beherrschen. Jeder ist de facto auch Präsident und Sportchef, und niemand würde es wagen, sich ihnen in den Weg zu stellen. Können Sie sich vorstellen, dass sie von ihren Präsidenten gefeuert werden? Nicht wirklich, oder? Effiziente Machtkonzentration Eine solche Managementstruktur hat drei eindeutige Vorteile: Erstens verkommen die Klubs so nicht zu Hobbys reicher Wohltäter, die sich in Entscheidungen einzumischen pflegen, die Profis vorbehalten sein sollten. Zweitens können die Spieler das Management so nicht beeinflussen, nicht mit dem Finger auf den Coach zeigen, wenn der Erfolg ausbleibt. Drittens dreht sich so alles nur um den Erfolg. Durch diese drei Faktoren wird auch ein Schweizer Klub zu einem Sportunternehmen, das vergleichbar ist mit den erfolgreichen Organisationen weltweit. In Nordamerika allerdings würde eine solche Machtkonzentration wie in Davos oder Manchester nie zugelassen. Und die Frage ist auch: Würde man überhaupt genug solche Lichtgestalten wie Del Curto und Ferguson finden? Wohl nicht. Jeder NLA-Verein muss seinen eigenen Weg einschlagen. Chris McSorley löste das Coaching-Dilemma, indem er seinen Klub kaufte. Und man darf durchaus behaupten, dass er im letzten Jahrzehnt jeden Trainer ausser sich selber entlassen hätte. Die Kloten Flyers haben einen ausgezeichneten Job gemacht, das Talent aus der Region einzubauen und zu fördern. Dazu haben sie Anders Eldebrink Zeit gegeben. Andere wechseln die Coaches wie ihre Unterwäsche. Allen Klubs ist gemeinsam, dass sich ihre Stärke nicht dann offenbart, wenn sie gewinnen, sondern wie sie darauf reagieren, wenn sie eine längere Durststrecke durchmachen müssen. In den Achtzigerjahren hatten wir mehr inkompetente NLA-Trainer – zum Glück, denn dank ihnen sahen wir anderen noch besser aus . . . Heute sind die Coaches besser. Doch die Herausforderungen sind auch grösser geworden. So, wie dies in der Gesellschaft allgemein festzustellen ist, sträubt sich die neue Generation zusehends dagegen, Verantwortung für ihre Leistungen zu übernehmen. Vor allem in schweren Zeiten. Arno Del Curto verlangt dies von seinen Spielern täglich – und dringt zu ihnen durch. Die Quintessenz ist: Egal, wie das System aussieht, wer es schafft, die Spieler in die Verantwortung zu nehmen, wird Erfolg haben. Die Davoser machen uns das Winter für Winter vor. Davos ist Manchester United ähnlich. Beide wurden um einen Personenkult errichtet. Kent Ruhnke (59) Der Meistercoach (1983, 2000, 2004) ist regelmässiger TA-Kolumnist und hält Vorträge über Motivation und Führung in ganz Europa.

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