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Wer sorgt am besten für sichere Züge in der Nacht?

Seilziehen um das Sicherheitskonzept auf den Nacht-S-Bahnen: Der Ton zwischen den Zugchefs, den SBB und dem Zürcher Verkehrsverbund wird härter.

Von Ruedi Baumann Zürich – Klar ist: 210 Zugchefs, die bisher ab 21 Uhr auf allen S-Bahnen patrouillierten, sollen abgeschafft und durch einen flexibel eingesetzten Sicherheitsdienst abgelöst werden (siehe Artikel rechts zum neuen Sicherheitskonzept). Die Zugbegleiter warnen vor einem Sicherheitsverlust und wehren sich für ihre Jobs. Zuerst haben sie beim Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) eine Petition mit 3000 Unterschriften eingereicht. Nun sind sie selbstbewusster geworden und haben zweimal im HB Zürich – in Uniform und in gelben Westen – Flugblätter verteilt. Damit begaben sie sich zumindest rechtlich in eine Grauzone. «Wir haben keine einzige negative Reaktion erlebt; wir sind vielmehr von den Passanten ermuntert worden, für die bisherige Zugbegleitung zu kämpfen», sagt Arne Hegland, Regionalsekretär der Bahnpersonalgewerkschaft SEV. Gemäss SEV-Mediensprecher Peter Moor habe man die Flugblätter «reaktiv verteilt» – das heisst nur auf Anfrage und nicht so offensiv wie beispielsweise die «Blick am Abend»-Verteiler. Der SEV plant weitere Flugblattaktionen in typischen Pendlerbahnhöfen wie Uster, Dietikon oder Zug. Sogar unterwegs bei der Arbeit in den S-Bahnen hätten die Zugchefs Flyer dabei, sagt Moor, «aber nur für den Fall, dass sie angesprochen werden». SBB: Klare Rechtslage Die SBB als Arbeitgeberin der Zugchefs sind über diese Flugblattaktionen nicht glücklich. «Die Ausgangslage ist klar», sagt Mediensprecher Daniele Pallecchi, «Verteilungen jeglicher Art im Bahnhof oder im Zug sind bewilligungspflichtig. Die Zugchefs haben aber keine Bewilligung.» Man werde nun das Gespräch mit den Verantwortlichen suchen. Peter Moor sieht diesem Gespräch gelassen entgegen. «Wir stehen nur für Informationen zur Verfügung, das ist schliesslich unser Job.» Die Flugblätter bieten aber auch inhaltlich Zündstoff. «Die Behauptungen auf dem Flyer stimmen nicht in allen Punkten», sagt ZVV-Mediensprecherin Beatrice Henes. Falsch sei zum Beispiel, dass es sich um ein «Abbaukonzept» handle. «Es wird gleich viel Personal eingesetzt, und es stehen die gleichen Mittel zur Verfügung wie heute», betont Henes. Aus der Luft gegriffen sei die Aussage, die Züge würden in der Nacht nicht mehr gereinigt. «Es gibt weiterhin Reinigungspersonal, das regelmässig durch die Züge geht.» Zudem helfe der neue Sicherheitsdienst beim Einsammeln von Zeitungen oder Dosen. ZVV: Kundendienst bleibt Ebenso wenig einverstanden ist man beim ZVV mit der Behauptung auf dem Flyer, die Passagiere müssten künftig auf den Kundendienst verzichten. «Auch der Sicherheitsdienst wird beim Ein- und Aussteigen helfen», sagt Beatrice Henes. Ihr zweites Argument: Tagsüber sei die S-Bahn auch nicht begleitet, und da würden mehr Leute mit Kinderwagen verkehren als nachts. Zudem sei die eher junge Kundschaft in der Nacht geübt im Umgang mit elektronischen Hilfsmitteln wie Online-Fahrplänen auf dem Handy. Beim Konflikt zwischen Personal und Verkehrsverbund fällt auf, dass sich die beiden Seiten gern missverstehen und es dadurch zu persönlichen Verunglimpfungen kommt. Zuerst hatte das Bahnpersonal verlangt, in der S-Bahn den Nachtzuschlag zu streichen, weil die Kontrolle und das Eintreiben der Fünfliber Konfliktpotenzial bergen würden und ein unnötiges Sicherheitsrisiko darstellten. Das Personal schoss mit dieser Forderung allerdings ein Eigengoal. Prompt reagierte der ZVV mit der Bekanntgabe einer Statistik, wonach die Einnahmen im Nachtnetz trotz gestiegener Frequenzen massiv gesunken seien. Grund: Die Zugchefs würden offensichtlich ihren Job nicht mehr ordentlich erledigen. Auf diesen Vorwurf hin verlangte der SEV eine öffentliche Entschuldigung. «Das ist stillos, so geht man in der Schweiz nicht miteinander um», sagt Arne Hegland vom SEV. Beim Verkehrsverbund sagt Beatrice Henes, dass sich Direktor Franz Kagerbauer beim SEV in einem Brief erklären werde. Die Kritik an den Mindereinnahmen im Nachtnetz richte sich nicht ans Personal, sondern ans System. «Die Kontrollen in den vollen Zügen mit teilweise aggressiven und angetrunkenen Passagieren sind sehr anspruchsvoll und zeitraubend. Die Einnahmen sinken, weil die Zugchefs in Zweierteams nicht mehr durch die ganzen Züge gelangen.» Gemäss Henes habe man den Zugchefs nie mangelnde Motivation vorgeworfen. In die Diskussion um das neue Sicherheitskonzept hat sich inzwischen auch die Politik eingeklinkt. «In den Parlamenten der grossen Agglomerationsgemeinden sind Vorstösse in Planung», sagt SEV-Sprecher Peter Moor. Die Gemeinden würden die Hälfte der Kostenunterdeckung des ZVV übernehmen und hätten deshalb ein Mitspracherecht. Im Kantonsrat – der Kanton bezahlt die andere Hälfte – hat die SP bereits eine Anfrage deponiert. Renate Büchi, die in Richterswil 16 Jahre lang Sicherheitsvorsteherin war, findet das neue Sicherheitskonzept «zu extrem». Nur weil sie in der Nacht eine S-Bahn benütze, die nicht zu den gefährdeten Linien gehöre, wolle sie nicht auf eine Begleitung verzichten. SP-Kantonsrätin Büchi schlägt deshalb einen Kompromiss zwischen den «sympathischen Zweierpatrouillen» und den «kriegerisch, überfallartig eingesetzten Achterpatrouillen» vor. Bedenkenswert sei auch die Prüfung des deutschen Systems (siehe Artikel links) mit Zweierpatrouillen aus einem ausgebildeten Polizisten und einem Bahnangestellten. «Die heutigen Zugbegleiter haben zu wenig Rechte und dürfen renitente Passagiere nicht einmal festhalten.» Bewaffnete Bahnpolizei? Derzeit gibt es Bestrebungen, die Transportpolizisten zu bewaffnen. Anders als in Deutschland waren in der Schweiz Bahnpolizisten mit Schusswaffen bisher undenkbar. Wie die «SonntagsZeitung» schreibt, fordert der Polizeibeamtenverband nun eine Praxisänderung, da sich die Sicherheitslage in den Zügen und auf den Bahnhöfen verschäft habe. Auch der SEV sperrt sich laut dem Zeitungsbericht nicht mehr gegen die Bewaffnung der Tansportpolizisten. Jetzt klinkt sichdie Politik in dieDiskussion um das neue Konzept ein. Zwei Bahnpolizisten auf Patrouille im Bahnhof Stadelhofen. Ihre Zahl bleibt unverändert. Diskutiert wird, ob sie künftig Schusswaffen tragen sollen. Foto: Sophie Stieger

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