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Wenn Stiller schreit und singt, jubeln wir

Heike Marianne Goetze inszeniert in der Schiffbau-Box ihre Bühnenfassung von Max Frischs Roman «Stiller»

Von Alexandra Kedves Seht einmal, da steht er, unser Schwarzer Peter – scheint der Mann zu sagen, der sich da erhobenen Hauptes, aber mit hängenden Armen in seiner Gefängniszelle präsentiert. Die Hände hat er kapitulierend geöffnet, die Finger zucken, als sei’n sie kein Stück von ihm, sondern wilde Wespen, autonome Geschöpfe, genauso wenig zu ihm gehörig wie der Name Anatol Ludwig Stiller und die Biografie, die sich an diesen Namen knüpft. «Ich war neun Jahre lang verschwitzt vor schlechtem Gewissen», beschreibt er seine vergangene Ehe, Frank Seppelers hinreissender Häftling der Idee, die unterm Begriff «Ich» firmiert. Stets sei er sich vorgekommen «wie ein öliger, verschwitzter, stinkiger Fischer mit einer kristallenen Wasserfee». Dann zog er einen Schlussstrich – dachte er; rettete er sich ins Reisen, in den Freitod, in die Neuerfindung seiner selbst – dachte er. Aber alles ging schief, immer, und so steht er mit offenen Händen, zuckenden Fingern und der Schwarzer-Peter-Karte in der Zelle des Zürcher Gefängnisses. «Ich bin nicht Stiller!», «Ich bin nicht Stiller!» Der laute Aufschrei als musikalische Endlosschleife gegen eine Welt, die sich von jedem Menschen ein Bildnis bastelt, leitet nun die Inszenierung von Max Frischs Roman «Stiller» am Schauspielhaus ein. Die Endlosschleife ist ein Emblem des berühmten Buchs, das den Aufschrei auf über 400 Seiten ausbuchstabiert und das 1954 veröffentlicht wurde – kurz bevor Frisch selbst Frau und Kinder verliess. Sinnbilder und Sinnliches Überhaupt zeigt der Abend in der Schiffbau-Box keine falsche Scheu vor simplen Sinnbildern einerseits und sinnlichen Bühnenbauten andererseits. Es ist, als ob die Regisseurin – die sich seinerzeit bezeichnenderweise deshalb für ein Regiestudium in Zürich entschied, weil es nicht so theorielastig sei – noch kaum etwas von Pop und «Post» (Postmoderne, Postdramatik) gehört hätte. Sie lässt ihrer Leidenschaft fürs existenzielle Erzählen freien Lauf; und diese läuft gut. Heike Marianne Goetze, 1978 in Osnabrück geboren und 2008 von der Körber-Stiftung zur besten Nachwuchsregisseurin des Jahres gekürt, liest ihren Frisch fast wie eine Jugendliche, die sich zwischen Lebenslust und Lebenszweifeln an ihre Lieblingsbücher klammert wie an einen Kompass; und genau das ist – erfrischend. Vielleicht ist er gerade so am schlichtesten und am schönsten zu entstauben, der grosse Schweizer Autor, dessen 100. Geburtstag und 20. Todestag nächstes Frühjahr begangen wird. Goetze hat die Hefte des Häftlings, der nicht zugeben will, dass er der Bildhauer Stiller ist und sich Schwänke aus seinem Leben fantasievoll zurechtmeisselt, und die Hefte des Staatsanwalts mutig auf die Kernsentenzen heruntergestrichen. Nur die eine oder andere Anekdote wurde bewahrt: als Zucker fürs Dramatische, als Motor für den Plot. Zucker und Motor: Diesen Mix schafft auch das dreistöckige Bühnenbild der wie so oft grossartigen Bettina Meyer. Oben zitiert es munter die Betonbänke der Seepromenade, die Postkartenaussicht auf die verschneiten Bergspitzen, durch die ab und an, per Zeichentrick, ein schwarzer Vogelschwarm geschickt wird oder ein rotschwänziger Vogel von der guten alten Swissair. Unten sitzen die Protagonisten in einer majestätischen Lounge mit düsteren Kassettenwänden, die dem Hotel Waldhaus in Sils-Maria nachempfunden ist: Julika, Stillers zerbrechliche (Ex-)Frau mit der Alabasterhaut, dem orange lohenden Haar und den Tänzerinnenbeinen (Ursula Doll); Rolf, der Staatsanwalt, im zeitlos eleganten Feierabendlook (Sean McDonagh), und Sibylle, seine Frau und Stillers Ex-Geliebte, im bequemen Freizeitoutfit (Julia Kreusch); der «Herr Verteidiger» im braunen Samtanzug (Miriam Maertens) und Gefängniswärter Knobel, der wie die anderen sein Leben vergähnt (Danny Exnar). Leben ist Warten: Warten darauf, dass das Leben anfängt. Und schwups, ist es schon wieder vorbei. So sieht das zumindest der Titelheld, der in der mittleren Ebene der Bühne seine Zelle hat, allerdings mit Fluchtloch nach oben auf die Promenade und mit fahrbarem Podest nach vorne, in die Lounge. Gefangen ist er im Grunde nur durch sich selbst, dies dafür unentrinnbar. Die Rückkehr in seine Ehe mit der tuberkulösen Tänzerin ist ebenso wenig eine Erlösung, wie es vorher die Amour fou mit Sibylle war: Stationen, die sich wunderbar illustrieren und orchestrieren lassen. Mal klopft auf dem grossformatigen Ultraschallbild das Babyherzchen in Sibylles Bauch (sie wird abtreiben). Mal tänzelt Julika zu den Klängen des Klaviers, auf dem Danny Exnar frei und leicht über Tschaikowskys Nussknacker-Suite improvisiert, während Stiller sie und sich lieber in einen erotischen Rausch hineinreissen würde. In Goetzes zweistündiger Inszenierung wird alles vergrössert, unter die Lupe genommen, aufgeblasen; wird der komplexe Roman zwar reduziert, doch mit Wonne gespielt. So zucken etwa die sich verselbstständigenden Finger hier wie dort. Der Verteidiger wiederum führt immerzu die Worte «Kopf hoch! Heimat! Wurzeln!» im Mund. Dolls Julika ist so toll kristallin, dass man es förmlich klirren hört, wenn sie ihre verquälten Ballettverschnitte hinlegt. Der sensationsgierig naive Wärter muss Mundart reden; und wenn die Urteile der Welt fallen, die Bilder über den verkorksten Bildhauer festgezurrt werden, sprechen alle im antiken Chor. Am Schluss aber singt Stiller ganz allein. Julika stirbt, vor einer riesigen Lungenmaschine aus den Fünfzigern, mit verkrampft angehobenen Armen; und Stiller flieht an die Seepromenade, schaut auf die Berggipfel – und stimmt einen Song der angesagten Band My Heart Belongs to Cecilia Winter an. «I am in love with a mountain, I am alone, just the mountain and me …» Das ist bombastisch melancholisch, ein bisschen kitschig, aber bildschön. Stiller hat den Schwarzen Peter, und wir haben gewonnen. Gefangen durch sich selbst: Frank Seppeler als Max Frischs Anatol Ludwig Stiller und mit Ursula Doll als seiner Ex-Frau Julika.Fotos: Doris Fanconi

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