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Wenn Pferde den Lehrern das Lehren lehren schüz.pferdeflüsterer

Drei Psychologinnen vermitteln mit tierischer Unterstützung Unterrichtenden aus der Region das authentische Führen. Dies bringt im Unterricht Erfolge.

Von Daniel J. Schüz Bubikon – Die Pianistin flüstert dem Pferd ins Ohr: «Vertrau mir. Du schaffst das.» Jin Bolli-Mao, Klavierlehrerin aus Meilen mit chinesischen Wurzeln, führt den Isländer-Rappen Strákur zu einem Hindernis, das dieser überwinden soll. Strákur heisst auf Isländisch Lausbub. Und genau so stellt er sich auch an. Zögernd setzt er einen Huf aufs Holzbrett, wagt den zweiten Schritt. Und dann – an der Stelle, wo das stabile Brett unter seinem Gewicht zur labilen Wippe wird – bleibt das Pferd stehen. Strákur streikt. Er erinnert die Lehrerin an Benjamin, einen der Schüler, den sie an der Jugendmusikschule Pfannenstiel in Meilen mit der Kunst des Klavierspiels vertraut macht. Benjamin ist ihr Sorgenkind: Immer an derselben Stelle, dort, wo in Claude Debussys Komposition «Rèverie» die Melodie von der rechten in die linke Hand übergeht, bringt er die «Träumerei» jäh zu einem vorzeitigen Ende. «Ich kann das nicht», jammert er. «Das kannst du», widerspricht die Lehrerin, «du musst nur wollen!» Doch Benjamin will nicht wollen. Der Bub am Klavier ist so störrisch wie das Pferd auf der Wippe – und die Lehrerin ist deswegen ratlos und verunsichert, am Ende ihres Lateins. Verkannte Führungskräfte Die Szene auf dem Islandpferde-Hof in Bubikon wird aufmerksam beobachtet: Drei junge Frauen halten den mentalen Machtkampf zwischen Mensch und Tier auf Video fest; jede Regung wird regist-riert und notiert. Die Psychologinnen Rahel Weidmann, Dorothea Wiesmann und Rahel Emmenegger wollen mit dem Experiment die These ihrer Masterarbeit belegen. «Das Schlüsselwort heisst au-thentische Führung», erläutert Weidmann, «es geht um die Kunst, authentisch, das heisst echt, offen, unver-fälscht, aufzutreten.» Als Laufbahnberaterin im öffentlich-rechtlichen Dienst ist die Küsnachterin mit den Sorgen und Nöten von Lehre-rinnen und Lehrern bestens vertraut. Im Schulalltag müssten Lehrpersonen den Ansprüchen der Erziehungsdirektion, der Eltern, nicht zuletzt auch der Schülerinnen und Schüler gerecht werden, sagt sie, und diese mit ihren eigenen Prinzipien in Einklang bringen. Sie seien Autoritäten, die Führungsverantwortung übernähmen, aber nur selten als Führungskräfte anerkannt würden. Der Dauerclinch, fährt sie fort, führe zu Verunsicherungen, Frustrationen, Burnout-Symptomen – und daraus wiederum resultiere der Verlust an Respekt bei der Schülerschaft: «Ein Teufelskreis.» Auch Strákur dreht sich im Kreis – zumindest sollte der Wallach dies tun. In der Mitte steht der Sekundarlehrer Mathias Gysel, wie Bolli-Mao eine von vier Lehrpersonen, die von den Psycho-loginnen für das Experiment rekrutiert worden sind. Gysel versucht, das Tier aus wenigen Metern Distanz zu dirigieren – mit mässigem Erfolg. Strákur wirkt gelangweilt, er wechselt die Richtung, bleibt schliesslich stehen. «Er spürt meine eigene Unsicherheit», ahnt Gysel. Selbst unsicher geworden, zeige ihm das Pferd, dass es ihn nicht respektiere. «Mach ihm klar, was du willst» Als Strákurs Besitzerin ist die Männe-dörflerin Rahel Emmenegger die Pferdeexpertin im Trio der Psychologinnen. «Du musst ihm klarmachen, was du willst», weist sie den Lehrer an. «Er muss spüren, dass du dieses Ziel errei-chen wirst; konsequent, kompromisslos – aber auch gemeinsam mit ihm.» Das Pferd sei einerseits ein hochsensibles Fluchttier, erklärt Emmenegger, das die Befindlichkeit seiner Bezugsperson aufnehme und reflektiere. «Es zeigt dir, wie du dich fühlst, noch bevor du dir selbst darüber im Klaren bist.» Andererseits aber sei es auch ein Herdentier, das sich nur in der Gemeinschaft sicher fühle. Auch die Schulklasse sei gleichsam eine Herde, die Geborgenheit vermittle: Der einzelne Schüler baut Hemmungen ab, ist zugleich aber auch dem Druck der Gruppe ausgesetzt. Zwei Stunden später sind Jin Bolli-Mao, die Klavierlehrerin, und Mathias Gysel, der Sekundarlehrer, dem Klassenziel schon recht nahe gekommen. Strákur marschiert nun, als sei nie etwas gewesen, zielstrebig über das wippende Brett – und er dreht, von langer Hand geführt, so lässig seine Runden, als strebe er eine Karriere als Zirkuspferd an. Der Grund für den Wandel: Strákur hat Vertrauen in die Menschen gefasst. Zwei Tage später tritt Gysel vor seine Schüler. «Guten Morgen!», leitet er die Französisch-Lektion ein, «ich habe mir heute ein Ziel gesetzt, und ich möchte es zu unserem gemeinsamen Ziel machen: Am Ende dieser Stunde weiss jeder und jede von euch, wie man das passé composé konjugiert.» Plötzlich gehts Jin Bolli-Mao steht neben ihrem Schüler Benjamin. Auch sie hat einen Vorsatz: «Ich will die Blockierung des Jungen lö-sen. Mit Kopf, Hand und Herz – vernünftig, klar und einfühlsam.» Und dann geschieht ein kleines Wunder: Benjamin schlägt die ersten Takte von Debussys «Rèverie» an, spielt munter drauflos; wie von alleine fliesst die Melodie von der rechten in die linke Hand, genau so, wie der Komponist es vorschreibt. Und Strákur, der Lausbub, der die Lehrer das Lehren lehrt, könnte Schule machen – als Co-Trainer im Fach «Authentische Führung.» Psychologisches Experiment: Der Isländer Strákur, Jin Bolli-Mao, Rahel Emmenegger und Dorothea Wiesmann.Foto: Silvia Luckner

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