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Wenn ein Neuling aus dem Werk seines Grossvaters dirigiert

Ein unbekannter Dirigent und zwei unbekannte Komponisten: Das Konzert der Camerata Helvetica in Wädenswil hielt Überraschungen bereit.

Von Tobias Humm Wädenswil – Die Camerata Helvetica hatte wenig Zeit, um sich auf den Dirigenten Ulrich Stüssi einzustellen. Zwei gemeinsame Proben mussten nach seinen Aussagen genügen, und das war, gemessen am Anspruch, etwas wenig. Wohlbekannte aber auch unbekannte Werke verlangen eine seriöse Einstudierung. Dennoch konnte man nach dem Konzert am Sonntagabend in der Glärnischhalle zufrieden heimgehen. Man hörte beispielsweise mit dem 1989 geborenen Benjamin Ryser einen jungen Cellisten, der mit seinem farbenreichen Spiel und seinem jugendlichen Elan ein ganzes Orchester in Schwung brachte. Dies in Vivaldis Concerto Nr. 9. Noch vor der Pause folgte eine erste Entdeckung: die Sinfonietta für Streichorchester in a-Moll des deutschen Komponisten Harald Genzmer. Eine geheimnisvolle Musik, die sich stilistisch an der Romantik orientiert, dies obwohl Genzmer ein Schüler des viel moderner komponierenden Paul Hindemith war. Genzmer muss eine schillernde Figur gewesen sein, hat er doch während des Dritten Reichs Kompositionsaufträge fürs Reichsluftfahrtministerium ausgeführt. Er wurde dafür auch mit Preisen ausgezeichnet. Dennoch schaffte er es nach dem Krieg, gleich wieder an die Musikhochschule Freiburg im Breisgau berufen zu werden. Erst nach der Pause kam die Musik zur Aufführung, um die es an diesem Abend hauptsächlich gehen sollte: das Werk des vor bald 90 Jahren verstorbenen Wädenswiler Klavierlehrers, Chorleiters und Dirigenten Fritz Stüssi. An seinen Ruf als besonders schönen Mann erinnerten sich noch einige der ältesten Konzertbesucherinnen, wenn auch nur vom Hörensagen. Der Dirigent trägt nicht aus Zufall den gleichen Namen wie der Komponist, der eine ist der Grossvater des andern. Der 65-jährige Ulrich Stüssi hat sich sein Leben als Unternehmer und Geschäftsmann verdient. Er will sich allerdings im Alter auf die Musik konzentrieren. Ein Teil dieses Engagements gilt dem Werk seines Grossvaters, der eine durchaus zu geselligen Anlässen passende, angenehme Musik komponiert hatte. Ein ehrbares Unternehmen ist es, diese Musik neu für Aufführungszwecke zu erschliessen. Die Manuskripte sind, wie der Name sagt, wirklich von Hand geschrieben, gedruckt wurde kaum etwas. Sie liegen verstaubt in Bibliotheken, und der Musikenthusiast Ulrich Stüssi ist seit Jahrzehnten der Erste, der sie zur Aufführung bringt. Sängerin mit Schwierigkeiten Für seine eigene Hochzeit hatte der Komponist einen Trauungsgesang geschrieben. Die Sängerin Susan Orus wurde im Programmheft als Autodidaktin vorgestellt, sie habe nie richtigen Gesangsunterricht gehabt. Das hätte ihr allerdings gutgetan. Auch wenn das Lied leichtere Schwierigkeiten nicht überstieg, war sie mit diesem überfordert. Stüssis Suite für Klavier und Quartett in c-Moll vermochte durchaus zu gefallen. Wenn es auch keine genuin neue Musik darstellt und zur Zeit seiner Komposition eine rückwärtsgewandte Haltung verkörperte. Manche Motive kennt man von anderen Komponisten. Doch hört man es gerne, besonders wenn der Klavierpart so einfühlsam gespielt wird, wie dies der junge Pianist Matthias Kipfer vollbracht hat. Die Camera Helvetica probte nur zwei Mal mit Dirigent Fritz Stüssi. Foto: Silvia Luckner

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