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Wanderung in ein schwarzes Loch

Es ist Samstag, kurz nach Mitternacht. Auf dem Bahnhof Gänsbrunnen stehen ungewohnt viele Leute. Und sie haben ein ungewohntes Ziel: Sie wollen nach Oberdorf wandern – aber nicht über den Berg, sondern durch den Berg hindurch.Karin Schenker und Matthias Stuber, die die Wanderung leiten, geben Verhaltensregeln für die Tunnelwanderung durch. Die wichtigste: Keine Leitungen berühren. «Der Strom wird nicht ausgeschaltet – die Leitungen stehen unter Hochspannung, auch wenn kein Zug fährt. Jeder Kontakt mit einer Leitung kann tödlich sein.» Der letzte Zug nach Solothurn ist abgefahren, es könnte losgehen. Bevor wir aber starten können, muss die Zentrale der BLS in Hasle Rüegsau grünes Licht geben – oder eigentlich rotes: Alle Signale werden auf Rot gestellt, der Tunnel wird für jeglichen Bahnverkehr gesperrt.Es ist ein eigentümliches Gefühl, im Dunkeln zwischen den Gleisen Richtung Tunnel zu gehen. Auch wenn das strikte Verbot, das Trassee der Eisenbahn zu betreten, für einmal aufgehoben ist, hat es sich so tief in den Hinterköpfen eingegraben, dass das leise Gefühl bleibt, etwas Verbotenes zu tun.Aber nicht für lange, denn bald beschäftigt uns anderes. Wir treten durch den Tunneleingang, und nun wirds richtig dunkel. Es gibt nur noch zwei Lichtquellen: Ein schwaches rötliches Lämpchen am Rucksack von Matthias Stuber und ebenso schwache bläuliche Lichter, die etwa alle 50 Meter an der Tunnelwand kleben. Taschenlampen sollen nur im Notfall angezündet werden, es gilt, den Weg im Dunkeln zu erspüren.Das ist nicht einfach. Der Schotter ist uneben, die Schwellen sind zum Teil glitschig – und wo zum Teufel sind die Gleise? Jeder sucht eine Strategie, in einen guten Trittrhythmus zu kommen. Im hinteren Teil der Gruppe ist das «Leitlicht» von Stuber nicht zu erkennen – auf manchen Abschnitten ists stockdunkel. Immer wieder stolpert man oder gerät seitlich ans Gleis. Das Gehör kann etwas helfen – wo läuft der Vordermann, wie ist die allgemeine Geräuschrichtung? A propos Geräusche: In der Ferne macht sich ein dumpfes Grollen bemerkbar, das mit jedem Schritt näher kommt. Hat die Zentrale in Hasle-Rüegsau am Ende doch vergessen, die Signale auf Rot zu stellen – kommt da ein Güterzug? Bei der Anfahrt nach Gänsbrunnen haben wir festgestellt, dass nicht viel Platz bleibt zwischen Zug und Tunnelwand – wohin könnten wir flüchten?Die Angst war unbegründet, das Grollen wird zum Rauschen – es ist ein unterirdischer Bach, der unter dem Tunnelboden hindurchfliesst.Überhaupt ist das Wasser allgegenwärtig. Mal tropft es von Decke und Wänden, mal gluckert es unter einem Dolendeckel unter unseren Füssen, mal schiesst es mit Wucht in einer Nische in der Wand in ein Auffangbecken. Wie man weiss, ist das Wasser von bester Qualität und könnte gar als Mineralwasser verkauft werden. Aber es zu fassen wäre zu teuer.Langsam gewinnen die Wanderer Selbstvertrauen – man gewöhnt sich daran, so gut wie nichts zu sehen, der Schritt wird sicherer. Wir gehen mal jeder allein für sich, mal in der Gruppe oder durch ein Seil miteinander verbunden. Zwischendurch halten wir an, und Karin Schenker erzählt kurze Geschichten, die von Angst und von Vertrauen handeln und beim Weiterwandern zum Nachdenken anregen.Der Tunnel ist 3,7 Kilometer lang. Nach Dreiviertelstunden versuchen wir abzuschätzen, wie weit wir gekommen sind. Die einen tippen auf 500 Meter, andere sind überzeugt, mindestens in der Mitte des Tunnels angekommen zu sein. 40 Minuten später haben die meisten das Gefühl, die Strecke bald geschafft zu haben. Viele sind froh: Das Gehen auf den Schottersteinen ist mühsam, und die andauernde Konzentration hat uns ermüdet. Da blitzt eine Taschenlampe auf, das Licht fällt auf einen «Wegweiser» an der Wand. Die grüne Tafel zeigt an, welches Tunnelende näher ist, in welche Richtung man im Notfall rennen muss. Und: Wir haben erst 1700 Meter zurückgelegt, noch volle zwei Kilometer liegen vor uns!Nun nehmen wir die Taschenlampen zu Hilfe. Mit Licht gehts viel schneller vorwärts. So schaffen wir die zwei Kilometer in gut einer halben Stunde, und am Tunnelausgang in Oberdorf empfängt uns eine helle Fast-Vollmondnacht. Auch der Abschluss dieser besonderen Wanderung ist speziell: Auf dem Parkplatz beim Bahnhof wird uns, morgens um halb drei, zur «Belohnung» eine heisse Suppe serviert.Monika Frischknecht>

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