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Von Ruth Gantner Dackerman

Körperlich Behinderte sind im Konfliktfall oft wehrlos. In Nürensdorf lernten Instruktoren, wie sie ihnen beibringen können, sich selbst zu verteidigen.

Von Ruth Gantner Dackerman Nürensdorf – Wie so oft trainieren Männer mit kräftigen Muskeln in der Schule Ambo Training Martial Arts von Marianne Suremann. Doch heute sind ihre Hände mit starkem Klebeband an den Beinen festgebunden, Augenbinden verhindern jeglichen Blickkontakt. Ausgerüstet sind die starken Männer mit Schlagstöcken und Tiefschutz. Sie nehmen am Selbstverteidigungs-Workshop für Instruktoren und Behinderte teil. Unter den neun Instruktoren, den zwei Schülern und Workshopleiter Amaro Bento fällt die 32-jährige Cindy Gadola auf. Die zierliche Schönheit sitzt im Rollstuhl. Sie ist von der Hüfte an abwärts gelähmt. Selbstvertrauen wird gefördert «Abwehren – volle Pulle», ruft plötzlich Bento. Mit beiden Händen würgt er die junge Frau, während sie versucht, eine seiner Hände wegzustossen und mit dem Schlüsselanhänger auf seine Armbeuge zu schlagen. Noch etwas zögerlich packt es Cindy an, doch Bento ermuntert sie, mit voller Kraft Gegenwehr zu leisten. Die roten Abdrücke am Arm stören ihn nicht. «Auf der Strasse gibt es auch kein Erbarmen», erklärt Marianne Suremann, die an ihrer Schule in Nürensdorf verschiedene Kampfsportarten unterrichtet. Sie will sich vermehrt auf Kurse für Frauen spezialisieren. Der Weiterbildungs-Workshop für die Instruktoren ist für Suremann ein neues Erlebnis. «Dadurch werden wir darauf sensibilisiert, wie sich angegriffene Behinderte fühlen», sagt Suremann. Sie rät Cindy zu einem regelmässigen Selbstverteidigungstraining. «Das ist einerseits ein gutes körperliches Training. Andererseits fördert es das Selbstvertrauen.» Automatisch reagieren Der Bülacher Instruktor Roland Hacker nimmt ebenfalls an diesem Workshop teil. Dieser Tag erweitere seinen Horizont, sagt er. Um aber eigene Selbstverteidigungskurse für Behinderte anzubieten, brauche es mindestens eine zusätzliche Trainingswoche. «Wichtig für alle Angegriffenen ist es, automatisch richtig zu reagieren», sagt er. Es dürfe kein Schockzustand eintreten, sonst könne es bereits zu spät sein. «Dies alles kann man durch regelmässiges Training lernen», erklärt der erfahrene Sicherheitsfachmann bestimmt. Cindy hat von diesem Workshop profitiert, versichert sie: «Ich fühle mich bereits sicherer», strahlt sie und verteidigt sich mit einem gezielten Griff gegen ihren Angreifer. «Mir gefällt dieser Workshop, und ich versuche, von nun an regelmässig zu trainieren.» Die Bankangestellte erinnert sich nur zu gut an jenen unheilvollen Tag im Dezember vor zwei Jahren. Die junge Frau sass hinten in einem Auto, als der Unfall passierte. «Ich wusste sofort, dass ich gelähmt war», sagt sie mit leiser Stimme. Kurz darauf zeigt sie jedoch wieder ihr strahlendes Lächeln. «Jetzt ist es halt so, wie es ist. In dieser neuen Welt muss ich lernen, mit dem Rollstuhl umzugehen. Ich kann nicht – diesen Satz gibt es für mich nicht», sagtsie bestimmt.

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