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Von den Nazis ermordet - und nach dem Krieg weiter verunglimpft Von den Nazis ermordet, später verunglimpft

Rudolf von Scheliha war Diplomat und Widerstandskämpfer. Doch es dauerte 40 Jahre, bis sein Name rehabilitiert wurde. Seine bei Zürich lebende Tochter erzählt die unglaubliche Geschichte, die auch in der Studie «Das Amt» aufgegriffen wird.Rudolf von Scheliha war Diplomat und Widerstandskämpfer. Doch es dauerte 40 Jahre, bis sein Name rehabilitiert wurde. Seine bei Zürich lebende Tochter erzählt die unglaubliche Geschichte, die auch in der Studie «Das Amt» aufgegriffen wird.

Von Claudia Kühner Es war der 22.Dezember 1942, als der Legationsrat Rudolf von Scheliha, 45 Jahre alt, im Gefängnis von Berlin-Plötzensee erhängt wurde. Er war angeklagt, Mitglied der «Roten Kapelle» gewesen zu sein und gegen Geld für die Sowjetunion spioniert zu haben. Die «Rote Kapelle» war der von der Gestapo verwendete Begriff für eine lose Gruppe von NS-Gegnern, von denen manche auch Kommunisten waren und Kontakte in die Sowjetunion hatten, aber längst nicht alle. Von Scheliha gehörte in keiner Weise dazu. Ihm standen vor allem Männer nahe, die später zu den Verschwörern des 20. Juli gehörten. Die Anklage also war falsch. Richtig war nur, dass der Diplomat aus altem schlesischem Adel und durchaus konservativ in seinem Habitus von Beginn weg zu den überzeugten Gegnern des NS-Regimes gehörte. Er war nie Teil einer Organisation, pflegte aber den Kontakt zu Gleichgesinnten. Versäumnisse und Skandale Jetzt ist der Name von Rudolf von Scheliha wieder aufgetaucht. Die grosse Studie über die Beteiligung des Auswärtigen Amtes an den Verbrechen der Nazis und die Vertuschungsmanöver nach dem Krieg (siehe Box und TA vom 25. 10. und 3. 11.) widmet ihm ein eigenes Kapitel. Denn die Geschichte dieses mutigen Mannes und seiner Angehörigen ist eine weitere Facette der an Skandalen und Versäumnissen reichen Chronik dieses Amtes, das sich bis weit nach dem Krieg als Hort der gesellschaftlichen Elite und des Widerstands darzustellen vermochte. Am Fall von Scheliha (wie an weiteren) lässt sich belegen, wie das Auswärtige Amt im und nach dem Krieg mit unliebsamen einstigen Amtsträgern umging. NS-Gegner und Emigranten versuchte man nach 1945 fernzuhalten, weil sie um die Realität wussten, alte Seilschaften aber schützte man und half sich gegenseitig. Es hatte tatsächlich einige wenige Widerstandskämpfer unter den Diplomaten gegeben – der bekannteste war Adam von Trott zu Solz –, die mit dem Leben bezahlten, aber das Amt als Ganzes war Teil des Systems. Zum Skandal wurde, dass sich das Amt auch nach dem Krieg auf die alte Anklage der Nazis stützte, wonach von Scheliha als Verräter einzustufen war. Anders als die Nachkommen der Attentäter des 20. Juli hatten die Witwe und die beiden Töchter von Scheliha deshalb nicht nur mit dem Trauma dieses Mordes zu leben, sondern sie mussten jahrelang gegen Verleumdung und für die historische Wahrheit kämpfen. Es dauerte 40 Jahre, bis Rudolf von Scheliha 1995 rehabilitiert wurde. So lange hatte sich die Bürokratie des Amtes dagegen gestemmt. Dieser späte Sieg der Familie von Scheliha war nur möglich dank der Hilfe von Ulrich Sahm, einem der führenden Diplomaten der Bundesrepublik. In fünfjähriger Recherchearbeit war er dem Schicksal von Scheliha nachgegangen und beschrieb in einem Buch, was wirklich geschehen war («Rudolf von Scheliha, ein deutscher Diplomat gegen Hitler»). Erst als es in den 1990er-Jahren erschienen war, wendeten sich die Dinge. Eine späte Genugtuung Dass dieser Kampf um die Wahrheit im «Amt» noch einmal nachgezeichnet wird, ist auch für Elisabeth Ritscher, die Tochter Rudolf von Schelihas, so etwas wie eine späte Genugtuung. Vor fünfzig Jahren ist sie mit ihrem Mann von München in die Schweiz gezogen und wohnt heute in Adliswil. Bis zu ihrem Tod vor wenigen Jahren lebte auch die Mutter mit ihnen. Der Vater und sein Schicksal waren immer gegenwärtig, und die Literatur zum Widerstand füllt eine halbe Bücherwand im Adliswiler Haus. Jetzt liest Elisabeth Ritscher natürlich «Das Amt» und verfolgt die Debatte, die darüber entstanden ist. Denn wieder versuchen manche Historiker, den alten Ruf und die alten Legenden zu retten oder die Autoren der Studie zu disqualifizieren – eine neue Historikerdebatte fast. Acht Jahre alt war Elisabeth Ritscher, als ihr Vater ermordet wurde. Bei seiner Verhaftung nahm die Gestapo auch die Mutter mit und verhörte sie über zehn Tage lang. Doch Rudolf von Scheliha hatte seiner Frau nie etwas erzählt, um sie so zu schützen. Als «totalen Umsturz der Normalität» hat das Kind jene Tage erlebt und erinnert sich bis heute mit Entsetzen an die Wohnungsdurchsuchung. «Meine Mutter war wohl so traumatisiert, dass sie gar nicht erklären konnte, weshalb der Vater nicht mehr nach Hause kam.» Erst später vernahm die Tochter vom Schicksal des Vaters. Damals, 1942, wurde die Familie in traumatischer Weise herausgerissen aus jedem vertrauten Rahmen. Elisabeth Ritscher: «Meine Mutter und ich kamen bei Verwandten in der Tschechoslowakei unter. In die Schule durfte ich nicht mehr gehen, Unterricht bekam ich behelfsmässig von dem Kindermädchen meiner Verwandten.» Hier war es auch, wo sie ohne Vorwarnung vom Tod des Vaters erfuhr: «Ich sass in der Küche, als die Köchin unvermittelt zu mir sagte, deinen Vater haben sie aufgehängt.» Ulrich Sahm beschreibt Rudolf von Scheliha als einen Mann, den nicht eine Ideologie zum Gegner der Nazis machte, sondern der seinem inneren Kompass von Anstand und Moral folgte. Darin war er sich übrigens seiner Schwester Renata von Scheliha ähnlich, eine bedeutende Altphilologin, die eine ebenso mutige NS-Gegnerin war und gerade noch vor dem Krieg in die Emigration nach Basel entkam. Beide waren geprägt von einem weltoffenen Elternhaus, wie Elisabeth Ritscher meint. So waren sie auch – untypisch für ihr Milieu – gefeit gegen jeglichen Antisemitismus. Wie Elisabeth Ritscher mutmasst, «war der Erste Weltkrieg entscheidend – sein grosses Schreckenserlebnis». Der 21-Jährige war mit über Nacht ergrautem Haar aus dem Krieg heimgekehrt. In den Nazis erkannte er dann jene, die den nächsten Krieg vorbereiteten. Seit Ende der 1920er-Jahre im diplomatischen Dienst verbrachte Rudolf von Scheliha die Jahre von 1932 bis 1939 in Warschau. Er knüpfte Kontakte mit der gesellschaftlichen Elite des Landes, welche die Nazis später als Erste umbrachten. Er half Juden, er warnte in Prag vor dem Einmarsch der Deutschen. Er war es auch, der die Predigten des Münsteraner Kardinals Graf von Galen herausschmuggelte und in Genf dem Weltkirchenrat übergab. Galen hatte seine Stimme gegen die Euthanasie erhoben. Carl J. Burckhardt informiert Zurückversetzt von Warschau nach Berlin, erfuhr von Scheliha als Leiter des Polen-Referats im Auswärtigen Amt von den Plänen der «Endlösung». Nun informierte er den polnischen Widerstand, und es gilt als ziemlich sicher, dass von Scheliha es gewesen war, der auf einer letzten Schweizreise 1942 auch Carl J. Burckhardt vom IKRK über die «Endlösung» ins Bild setzte, der seinerseits den amerikanischen Konsul in Genf unterrichtete. So erreichten die ersten Nachrichten über den Massenmord im Osten auch auf diesem Weg die westliche Welt. In Berlin kamen sie von Scheliha schliesslich auf die Spur und nahmen ihn fest. Unter Folter gestand er, ein Spion zu sein, obwohl er es nicht war. Er wusste, dass er damit andere schützte. Sein Biograf Sahm meint, ohne diese Haltung von Scheliha hätte es den 20. Juli nicht gegeben. Nach dem Krieg hatte das Auswärtige Amt zwar begriffen, dass hier ein Justizmord vorlag. Doch dann tischten verschiedene Medien wie der «Spiegel», die «Welt» und andere in den frühen 1950er-Jahren wieder die alte Lüge mit der «Roten Kapelle» auf – es herrschte Kalter Krieg. Elisabeth Ritscher: «Losgetreten hat die Kampagne Manfred Roeder, jener, der meinen Vater zum Tode verurteilt hatte.» Und der nach dem Krieg seine erfolgreiche Juristenkarriere ungehindert fortsetzen konnte. Marie Luise von Scheliha aber wurde ihre Rente weiter vorenthalten, ebenso wenig bekam sie eine Wiedergutmachung. Während die Witwen der NS-Verbrecher – etwa des Blutrichters Roland Freisler – keinen Tag auf ihre Rente verzichten mussten. Erst 1995 anerkannte ein Gericht, dass Rudolf von Scheliha ein Widerstandskämpfer gewesen war. Im Jahr 2000 erschien auch sein Name auf der Tafel mit den Namen der NS-Opfer aus dem Auswärtigen Amt. Rudolf von Scheliha 1942 als Gefangener der Gestapo.Foto: PD Elisabeth Ritscher und das Bild ihres Vaters vor der Bibliothek zum Widerstand.Foto: Doris Fanconi

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