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Vom rasenden Pfleger zum sanften InternetbetreuerDer rastlose Draufgänger baut sich behutsam ein neues Leben auf

Michael Brunner betreut heute auf Facebook eine Seite für hirnverletzte Menschen. Vor zwölf Jahren war er klinisch tot und die Ärzte wollten ihm bereits Organe entnehmen.Nach einem Unfall war Michael Brunner klinisch tot – die Ärzte wollten ihm bereits Organe entnehmen.Heute betreut er auf Facebook eine Seite für hirnverletzte Menschen.

Von Denise Marquard Zürich – Seine Frisur ist das Erste, was einem an Michael Brunner ins Auge sticht. Im Moment trägt er einen «Coup Spinnennetz». Will heissen: Ein Coiffeurlehrling hat ihm ein Gittermuster in die Haare rasiert. Seine Frisur ist nicht nur auffällig, sie kaschiert auch die Narbe, die vom linken bis zum rechten Ohr verläuft. Die Narbe ist das einzig sichtbare Zeichen seines schweren Selbstunfalls vor zwölf Jahren. Michael Brunner erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Darum ist er heute ein anderer Mensch: Aus einem Draufgänger ist ein «richtiger Stubenhocker» geworden, sagt er selbstironisch. Aber einer, der immer wieder Neues ausprobiert. Sein jüngstes Projekt ist eine Facebook-Fanpage für die Schweizerische Selbsthilfegruppe Fragile Suisse. Dort können sich Hirnverletzte gegenseitig austauschen. Sie schildern ihre Wünsche und ihre Sorgen. «Viele wollen wissen, wie ich es geschafft habe, mit dem Schädel-Hirn-Trauma zu leben.» Für die Gründung dieses Forums erhielt Fragile Suisse von der Paradies-Stiftung eine mit 40 000 Franken dotierte Auszeichnung. Auf seinen Beitrag ist Michi Brunner «ein bisschen stolz». Bis der Draufgänger zum Stubenhocker wurde, war es ein langer Weg. Vor dem Unfall war Michael Brunner einer, der mit Vollgas durchs Leben raste – im eigentlichen Sinn des Wortes. Sechsmal wurde ihm der Führerschein wegen zu schnellen Fahrens entzogen. Auch sonst liess er sich nicht einschränken: Anstatt einer Freundin hatte er zwei, anstatt eines Jobs deren drei. Der ausgebildete Krankenpfleger und Kickboxer arbeitete im Spital Rüti und teilweise bei einem Sicherheitsdienst. Zusätzlich war er noch Piercer. Das alles diente nur einem Zweck: möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen. Zudem war Brunner kein besonders angenehmer Zeitgenosse: «Ich war aufbrausend, wusste immer alles besser als andere, und nichts konnte mir schnell genug gehen.» Das Cabriolet explodiert Dann kam der verhängnisvolle 29. März 1999. Michael Brunner war 24 Jahre alt. Er hatte schon im Krankenhaus dreieinhalb Stunden Überzeit geleistet. Trotzdem fuhr er noch nach Rapperswil, um im Sicherheitsdienst weiterzuarbeiten. Als er nach Mitternacht endlich auf dem Weg nach Hause war, ereilte ihn laut Unfallprotokoll ein Sekundenschlaf. Er bretterte in den leicht erhöhten Kreisel vor Hinwil. Sein Cabriolet überschlug sich sechsmal, beim fünften Mal wurde er durchs Dach aus dem Auto katapultiert. Kurz darauf explodierte das Fahrzeug und brannte aus. Er entging dem Tod nur knapp. Auf dem Flug ins Universitätsspital hatte er ein Nahtoderlebnis. In Zürich wurde er sofort an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Nach dreieinhalb Wochen im Koma wollten ihn die Ärzte aufgeben. Er galt als klinisch tot. Als sie die Maschinen abstellten und sich daranmachten, seine Organe zwecks Spende zu entnehmen, begann Michael Brunner wieder zu atmen. Er war zwar nicht tot, aber mental wieder im Kleinkindstadium. «Ich erinnerte mich an nichts mehr und musste alles wieder neu lernen: essen, sprechen, trinken, gehen.» Vieles sei durchs Träumen zurückgekehrt, erzählt Brunner. Nach dem Spital war er fünf Monate in der Rehabilitation in Bellikon. Dort realisierte er, wie einsam er geworden war. «Mir blieben zwei Freunde und meine Familie.» Nach der Rehabilitation entdeckte er den Cyberspace. Das Internet wurde wichtig, um sich zu orientieren und abzulenken. Eigentlich wollte er nur eines: wieder so leben können wie vor dem Unfall. Michael Brunner liess sich zum Anlageberater ausbilden. Bald merkte er, dass dies nicht sein Ding war. Er wollte zurück in seinen alten Beruf als diplomierter Pfleger. Stundenweise begann er, als Praktikant und Hilfspfleger zu arbeiten. Immer nur Teilzeit, mehr war nicht möglich. Oft musste er wegen der Folgen seines Schädel-Hirn-Traumas passen: «Ich ermüdete schneller, und vor allem legten mich die entsetzlichen, aus dem Nichts auftretenden Kopfschmerzen lahm. Es war, als würde mir jemand permanent eine Autotür an den Kopf schlagen.» Der ehemalige Sportler liess nicht locker. Er griff zu leistungssteigernden Mitteln und nahm Ephedrin, ein verbotenes Dopingmittel. «Das löste bei mir solche Adrenalinschübe aus, dass ich das Kopfweh nicht mehr spürte.» Es machte ihn auch süchtig. Vor dreieinhalb Jahren sah er das unter dem sanften Druck seiner Mutter ein und hängte seinen Beruf als Pfleger an den Nagel. Umgeben von Tieren Seither führt Michael Brunner zusammen mit seiner Lebenspartnerin ein neues Leben. Er kann nun akzeptieren, dass es kein Zurück mehr gibt. Sein Hauptinteresse gilt den Tieren: «Willkommen im Zoo Brunner», sagt der frühere Draufgänger und stellt vor: zwanzig Goldfische, einen Kampfhund, eine Katze und sechs Ratten. Er schätzt die Entschleunigung, die die Tiere in seinen Alltag bringen. Als IV-Bezüger arbeitet er freiwillig und unentgeltlich. Der Stress ist weg, und wenn seine Kopfwehattacken sich bemerkbar machen, kann er sich ergeben. Aus dem ehemaligen Macho ist ein Hausmann geworden, der seine Partnerin unterstützt. Im Internet hat er über Facebook neue Freunde gewonnen. «Junge Menschen schätzen es, wenn sie mit Betroffenen über Probleme mit ihrer Hirnverletzung reden können», sagt er und ist froh, dass er ihnen dabei helfen kann. Damit verleiht er auch seinem Leben eine andere Qualität: «Ich möchte auf keinen Fall mehr so sein, wie ich früher war.» «Ich erinnere mich an nichts mehr und musste alles wieder neu lernen. Essen, sprechen, gehen.» Michael Brunner Bildlegende. Foto: Sabina Bobst So, wie er früher war, möchte Michael Brunner nie mehr sein. Foto: Sabina Bobst

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