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Vom Morgengrauen bis zum Wadengrimmen

Der Ironman hat sich auch in Zürich als Mythos bestätigt, 2300 eiserne Athleten gewannen den Kampf gegen sich selbst.

Von Doris Fanconi, Bilder, und Monica Schneider, Text, Zürich Es ist sieben Uhr, schon wieder sieben Uhr an diesem Sonntag. Zwölf Stunden sind vergangen, seit sich die Eisernen unter den Ausdauerathleten im Morgengrauen im Strandbad Mythenquai auf ihre grosse Reise durch und um Zürich und wohl auch zu sich selbst gemacht haben. Unterwegs sind nach einem halben Tag – nun als Läufer auf der Marathonstrecke – noch immer knapp Tausend. Eine komplexe Vorstellung: Zwölf Stunden (und für viele noch mehr) körperliche Anstrengung, zwölf Stunden konzentriert bleiben, zwölf Stunden essen und trinken im Fahren und Laufen, zwölf Stunden nur an das eine Ziel denken, zwölf Stunden Schmerzen ausblenden und sich nicht ablenken lassen. Denn: Was hätte man in dieser Zeit sonst nicht alles unternehmen können? Ein Haufen Randnotizen Gestartet waren die gut 2300 Triathleten am Morgen als Schwimmer. Kaum jemand wird sich jedoch noch erinnern, dass das Wasser sehr angenehm warm und mit 22,5 Grad sogar wärmer als die Lufttemperatur war. Und was damals von grösster Relevanz schien und sicher einige Sekunden kostete, verlor im Laufe des Tages seine Wichtigkeit. Im Wasser einen Schlag von rechts und dann auch noch einen von links abbekommen? Das Rad in der Wechselzone nicht auf Anhieb gefunden? Kaum aus dem eklig klebenden Neoprenanzug schlüpfen können? Wieder zu lange gebraucht, um die Füsse zu trocknen und die Socken anzuziehen? Die Banane zu schnell hinuntergewürgt? Am Ende des Tages sind dies allerhöchstens noch Randnotizen oder gar schon Schmankerl. Der Kampf mit sich selbst scheint in diesem Metier die grösste Herausforderung zu sein. Der «Heartbreak»-Hill in Kilchberg als Knackpunkt auf der Radstrecke hat das seine dazu beigetragen, auch ein Zuschaueraufmarsch, der an Alpe dHuez erinnert, lindert das Wadengrimmen und die Krämpfe aller Art nicht. Es ist 15.09 Uhr, zwei Minuten sind vergangen, seit der Held des Tages unter Ovationen im Ziel auf der Landiwiese eingetroffen ist und knapp den Streckenrekord verpasst hat. Ronnie Schildknecht bedankt sich für den Applaus und zelebriert mit dem Publikum die Welle. Und als der Seriensieger routiniert dem Interviewer die drängendsten Fragen beantwortet, muss der Zuschauer und Zuhörer den ungehörigen Eindruck bekommen, dieser Mann habe sich eben nur gerade vom Stuhl erhoben. Weder japst er, noch ringt er nach Luft, noch versagen ihm nach 8:13 Stunden Höchstleistung die Beine. Mini-Haushalte en masse Ronny der Andere, jener mit Startnummer 579, bekommt davon nur wenig oder nichts mit, obwohl sein Weg nur rund 20 m an den Feierlichkeiten vorbeiführt. Er befindet sich zu diesem Zeitpunkt auch schon auf der Laufstrecke, bewegt sich verhältnismässig locker, und die Gesichtszüge verraten eisernen Durchhaltewillen. Doch was für Ronnie den Grossen der Beruf ist, ist für Ronny den Anderen Berufung. Wie für die meisten Unentwegten. Nur gerade 42 geniessen Profistatus, ihre Lizenz soll auch Garantie dafür sein, dass sie nicht zu leistungssteigernden Mitteln greifen. Seit nicht allzu langer Zeit ist die Welt-Antidoping-Agentur berechtigt, bei ihnen Trainingskontrollen durchzuführen. Die Mittel, zu denen die Athleten im Laufe des Wettkampfes greifen, liegen Platz für Platz in der Wechselzone ausgebreitet. Was wie ein Chaos anmutet, ist aus der Nähe gesehen eine riesige Ansammlung von bestorganisierten Mini-Haushalten. Im Kleinen beginnt, was an diesem Tag gross enden soll.

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