Zum Hauptinhalt springen

Töchter und Söhne Gottes?

Markus Meinen

Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag hat eine rund 160-jährige Geschichte. Er wurde im Zusammenhang mit der Gründung des Bundesstaates 1848 eingeführt – als einigendes Band im jungen Bundesstaat, besonders zwischen den Konfessionen. Zuvor erliessen verschiedene Kantonsregierungen bereits sogenannte Bettagsmandate. Es ist also ein staatlicher Feiertag und zugleich ein kirchlicher Sonntag, eine Schnittstelle zwischen Kirche und Staat. Der Bettag soll ein Tag der Besinnung sein: den Sinn, die Sinne ausrichten auf das Wesentliche. Wesentliches begegnet uns zum Beispiel in der Bergpredigt von Jesus. Nachlesen kann man sie in den Kapiteln 5–7 des Matthäus-Evangeliums oder – mit spannenden Unterschieden – bei Lukas (Kapitel 6). Den Auftakt der Bergpredigt bilden die sogenannten Seligpreisungen. Die siebte von acht Seligpreisungen bei Matthäus kann so übersetzt werden: «Freuen dürfen sich, die Frieden stiften – sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.» Andere übersetzen mit: «Glücklich sind, die für den Frieden arbeiten, denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.» Ich finde die zweite Übersetzung (übrigens aus der «Bibel in gerechter Sprache») treffender. Frieden stiften tönt sehr edel, aber oft ist Frieden mit viel Arbeit und Engagement verbunden. Zum Beispiel, wenn man um einen Kompromiss ringen muss, der allen Beteiligten erlaubt, das Gesicht zu wahren. Oder wenn man – dem Frieden zuliebe – auf einen Anspruch verzichtet und dabei mit sich ringen muss, etwa mit der inneren Frage: Bin ich so schwach und nachgiebig, dass ich mich nicht durchsetzen kann? Oder: Sich bei jemandem entschuldigen für eine unbedachte oder aber sehr bedachte Äusserung, die verletzte – wie schwer kann das fallen! Frieden zu wahren oder zu schaffen, das ist nicht einfach. Das kostet etwas. Über die Kriegstreiber und Waffenhändler kann man leicht schimpfen. Aber die Friedfertigkeit im eigenen Herzen: Da sind wir zutiefst und zuinnerst mit uns selbst konfrontiert. Wer weiss, vielleicht kann uns darin der kommende Sonntag eine Anregung sein. Busse tun, ein altmodisches Wort. Einleuchtender ist, wenn man von Umkehr spricht. Denn das kennen wir alle: Dass man sich verrennen kann, dass man sich falsch verhält. Das aber kann man oft ändern. Man kann in vielen Fällen umkehren. Man kann sich ehrlich entschuldigen und um Verzeihung bitten. Oder andern verzeihen und nicht nachtragend sein. Wer dankt, blickt anders in die Welt, nimmt anders wahr. Wer dankt, kann nicht zugleich zornig sein. Wer dankt, bringt sich in ein Gleichgewicht und schafft damit gute Voraussetzungen für den Frieden. Wer betet, setzt ein stilles Zeichen im Wissen darum, dass nicht alles von uns abhängt. Im Gebet schliessen wir uns dem grossen Kraftstrom Gottes an, der diese Welt in ihrem Kern verändern will. Dafür ist Jesus immer wieder eingestanden. Da weitet sich der Raum – Frieden und Vergebung müssen nicht grosse Worte bleiben. Wir dürfen uns daranmachen, sie umzusetzen. Jeden Tag neu. Als Töchter und Söhne Gottes. markus.meinen@ref-kirche-thun.ch >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch