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Titel (max. 2-zeilig)Der Kuh-und-Kapital-Kanton

Der Kanton Schwyz ist typisch schweizerisch – und das untypisch ausgeprägt: Die Steuern sind rekordtief, die SVP rekordstark. Doch nun treten Spannungen auf. Am Sonntag wird der zweite Ständerat gewählt.Der Kanton Schwyz ist typisch schweizerisch – und das untypisch ausgeprägt: Die Steuern sind rekordtief, die SVP ist rekordstark. Doch nun werden Spannungen sichtbar.

Schwyzer Ständeratswahlen Von Hannes Nussbaumer und Thomas Widmer Man sagt, dass im Kanton Schwyz noch der anarchische Gründergeist unseres Landes spürbar sei – vor allem in Muotathal. Und tatsächlich: Der Mann, der direkt am Eingang zur Unterwelt wirkt und werkt, dieser Muotitaler hat bemerkenswert Kraft und Saft. Bruno Suter, Wirt im Restaurant Hölloch, wo man nach wie vor rauchen darf, nimmt im Gespräch keine Rücksicht auf politische Korrektheit. Er sagt frei heraus, was er denkt; das strömt so frisch und ungezähmt wie die nahe Muota. «Es wäre nur recht», sagt Suter, «wenn es dem Frick diesmal nicht mehr nach Bern reicht. Es hat sich hoffentlich herumgesprochen, dass er da niemanden ausser sich selber vertritt. Die 400 000 Franken, die er bei den Paraplegikern eingestrichen hat – diese Geschichte hat ihm enorm geschadet.» Gemeint ist Bruno Frick, CVP, der Schwyz seit 20 Jahren im Ständerat vertritt. Frick ist ein viel beschäftigter Mann. Zeitweise hielt der Anwalt und Notar aus Einsiedeln 17 Verwaltungsratsmandate. Dass er im Jahr 2008 als Präsident der gemeinnützigen Paraplegikerstiftung 400 000 Franken bezog, trug ihm massive Kritik ein, worauf er das Präsidium abgab. Dass er schon eine halbe Ewigkeit nach Bern fährt, missfällt ebenfalls vielen. Trotzdem strebt Frick, der Mächtige, der Doyen, der Routinier, wieder ins Stöckli. Beim ersten Wahlgang verpasste er das absolute Mehr knapp. Auf Anhieb gewählt wurde nur SVP-Mann Alex Kuprecht aus Pfäffikon. Eine Scharte auswetzen Am Sonntag findet der zweite Wahlgang statt. Es ist das Duell zweier Herren, beide silberhaarig, beide 58-jährig: Bruno Frick gegen Peter Föhn. Letzterer sass 16 Jahre lang für die SVP im Nationalrat und wollte sich eigentlich aus der Politik zurückziehen. Wenig Chancen werden dem freisinnigen Kandidaten Vincenzo Pedrazzini eingeräumt. Frick gegen Föhn: Das ist freilich mehr als ein Altherrenduell. Es ist das Duell zweier Parteien, die beide ihre Ehre retten wollen. Und das in einem Kanton, der in vielerlei Hinsicht typisch schweizerisch ist, dies aber in untypisch markanter Ausprägung: Schwyz ist antiurban, antizentralistisch, konservativ und eigenwillig, jedoch alles deutlich stärker als die Durchschnittsschweiz. Gleichzeitig ist der Kanton in seinem äusseren, dem Zürichsee zugewandten Teil mit einem Boom gesegnet (oder, je nach Optik, geschlagen), der seinesgleichen sucht. Tiefsteuerpolitik und Standortförderung haben dazu geführt, dass sich die Zahl der Aktiengesellschaften im Kanton seit 1984 auf 4600 vervierfacht hat. Die Einwohnerzahl stieg in dieser Zeit von 103 000 auf 146 000. Schwyz ist der Kanton der Extreme. Mit der Folge, dass sich hier manche Konturen und Konflikte klarer zeigen als anderswo.So fiel in Schwyz die einst allmächtige CVP besonders tief, nämlich von knapp 50 (1979) auf rund 20 Prozent (2007) Wähleranteil. Die SVP stieg derweil von 0 auf 45 Prozent, so hoch wie in keinem anderen Kanton. Für Iwan Rickenbacher, einst Generalsekretär der CVP Schweiz, heute Politikberater mit Büro in Brunnen SZ, veranschaulicht der Krebsgang der Schwyzer CVP exemplarisch die Heimatlosigkeit der konservativen Katholiken. Früher, als Katholisch-Konservative und Christlichsoziale noch zwei separate Parteien gewesen seien, hätten katholische Wähler von weit rechts bis weit links angesprochen werden können. Die Fusion der beiden Katholikenparteien zur CVP (1971) habe dazu geführt, dass die breite Wirkung geschwunden sei. Konservative Wähler fühlten sich nicht mehr angesprochen. So fand die SVP ein weites Feld vor. Dass ab 1991 die Europafrage die Politik bestimmte, verhalf der strammen Anti-Europa-Partei zu zusätzlichem Schub. Für Bruno Frick und seine Partei geht es am kommenden Sonntag also um viel, nämlich um die Verteidigung einer der letzten verbliebenen Schwyzer CVP-Bastionen. Ihr Kampf um den Ständeratssitz ist das Aufbäumen der Verzweifelten. Unter einem ähnlichen Titel steht freilich auch die Kandidatur von Peter Föhn. Dass die SVP kurzfristig einen Kandidaten für den zweiten Ständeratswahlgang aufgestellt hat und damit versucht, gleich beide Schwyzer Stöckli-Sitze zu erringen, erklärt Iwan Rickenbacher so: «Die SVP will eine Scharte auswetzen.» Was ist geschehen? Das, was niemand erwartet hat. Die Schwyzer SVP verlor bei den Nationalratswahlen – und zwar (abgesehen von den Spezialfällen Glarus und Graubünden) mehr als in jedem anderen Kanton. Ganze 7 Prozent ging der Wähleranteil zurück. Die Partei verlor einen ihrer zwei Sitze. Zwei Kantone in einem Das Schicksal der Schwyzer SVP ist eng verwoben mit dem Wesen des Kantons. Reist man von Muotathal in den äusseren Kantonsteil, so kommt man – in den Worten von Hölloch-Wirt Suter – «in eine andere Welt». Eine Welt, mit der er seine Erfahrungen gemacht hat. Viermal hat Suter für den Regierungsrat kandidiert. Er schaffte die Wahl nicht, legte aber jedes Mal ein achtenswertes Resultat hin. Einmal holte er sich in 13 von 30 Schwyzer Gemeinden das Bestresultat. Es waren samt und sonders Innerschwyzer Gemeinden. Das war kein Zufall. «Wir haben zwei Kantone in einem», sagt Suter. Innerschwyz, das sind, zugespitzt gesagt, Bauern, Älpler, Gewerbler, KMUler. Ausserschwyz, das sind Banker, Expats, Millionäre. Sie kamen, angezogen von den attraktiven Bedingungen, in die Steueroasen am Seeufer, etwa nach Wollerau oder Freienbach. Hier leben sie nun, in lärmigen, von Baugruben und Glitzerbauten zur Unkenntlichkeit entstellten Dörfern. Und arbeiten in Firmen mit Namen wie Pfäffikon Financial Center, Quaesta Capital («Your Currency Specialist»), Acrevis Bank, Clearsight Investments. Den Finanzfirmen dienen andere zu: Bewachungsfirmen. Take-away-Betriebe mit globalisiertem Food. Bei Etzel Immobilien kann man sich Büroliegenschaften kaufen. Oder Wohnraum. Die 5½-Zimmer-Terrassenwohnung mit Seesicht in Schindellegi, 1998 erbaut, kostet 2,89 Millionen Franken. Scholle und Kapital Die SVP erlebte im Kanton Schwyz auch deshalb einen sagenhaften Aufstieg, weil es ihr gelang, die heimatliche Scholle und den global vernetzten Kapitalismus im Zeichen des SVP-Sünneli zu versöhnen. Der Bauer aus Unteriberg, der Hedgefonds-Manager aus Pfäffikon und der aus Zürich zugezogene Multimillionär aus Wollerau fanden sich auf dem gemeinsamen Nenner einer antiobrigkeitlichen Rhetorik: möglichst viel Freiheit, möglichst wenig Gesetze, möglichst wenig Steuern und keine fremden Vögte. Dass der Spagat zwischen den höchst ungleichen Schwyzer Welten irgendwann zu Spannungen führen muss, ging in den wilden Aufstiegsjahren der SVP im allgemeinen Jubel unter. Doch neuerdings treten die Spannungen hervor. Zum Beispiel, wenn es um den Umgang mit dem Boden geht: Die Ausserschwyzer Multimillionäre möchten einzonen, bauen, Gewinne einstreichen. Die Bauern möchten Land und Hof erhalten. Und der Mittelstand realisiert, dass es in Ausserschwyz kaum mehr bezahlbaren Wohnraum gibt. «Es kollidieren die Interessen der finanzkräftigen Zuzüger mit der einheimischen Mentalität, die eigentlich sehr bedächtig, wertbeständig und Veränderungen abgeneigt ist», sagt Iwan Rickenbacher. War es zunächst das Plus der SVP, dass sie die verschiedenen Schwyzen zusammenbrachte, wird dies nun zu ihrem Problem: Die Brüche gehen oft mitten durch die Partei. Ein miserabler Ruf Irene Herzog hat das Bürgerforum Freienbach mitgegründet und kämpft zusammen mit dem Forum gegen die Auswüchse des Ausserschwyzer Booms. Das Forum erfährt breiten Zuspruch aus der Bevölkerung – «aber kaum von den politischen Parteien», sagt Herzog. Und dies, obschon das Forum die lokal weitaus brennendsten Themen aufgreift: den Bauboom, die Verkehrsprobleme, das angeblich endlose Wachstum. Nach Ansicht von Irene Herzog haben die Politiker Angst, sich an diesen sensiblen Themen die Finger zu verbrennen. Die Folge: «Bei uns haben die Parteien einen miserablen Ruf.» Dieser Ruf treffe auch die eben noch strahlende SVP. Nach Auffassung von Beobachtern steht die Volkspartei in der Auseinandersetzung um die namentlich in Ausserschwyz knappen Landreserven geradezu paralysiert abseits. Kein Wunder: «Würde sich die Partei auf eine Seite schlagen, würde es sie zerreissen», sagt ein Lokalpolitiker. Noch sind die Risse fein, aber doch gross genug, dass sie die SVP Stimmen gekostet haben. Darüber hinaus dürften die Spannungen – beziehungsweise die Furcht, dass sie sich ausweiten könnten – dazu beigetragen haben, dass sich die Schwyzer SVP-Chefs einen ausgeprägt autoritären Führungsstil zulegten. Meinungen, die von der Linie abweichen, werden nicht akzeptiert. Und Fehlbare, wie zum Beispiel die SVP-Vertreter in der Schwyzer Verfassungskommission, die konstruktiv und loyal an der neuen Kantonsverfassung mitgewirkt haben, öffentlich desavouiert. Dass im Mai trotz heftigem SVP-Widerstand ein erstaunlich klares Ja zur neuen Verfassung resultierte, war wohl das Präludium zur Niederlage der SVP bei den Nationalratswahlen: In einem anarcho-konservativen Kanton, wo Eigensinn und Selbstbestimmungswillen zum Erbgut gehören, kommt es nicht gut an, wenn das freie Wort der Parteistrategie geopfert wird. Kein Wunder also, gibt der Typisch-Schwyzer Bruno Suter auf die Frage nach seinem bevorzugten Ständeratskandidaten eine SVP-ja-aber-Antwort. Er sei für Föhn, denn «mit ihm weiss ich genauer, woran ich bin». Der SVP beitreten würde er trotzdem nie: «Dort muss man das Parteiprogramm unterschreiben. Wo bleibt da die Freiheit?» Frick gegen Föhn ist mehr als ein Altherrenduell. Es ist das Duell zweier Parteien, die beide ihre Ehre retten wollen. Peter Föhn (SVP) Der Muotathaler Unternehmer kandidiert neu für den Ständerat. Von 1995 bis 2011 war er Nationalrat. Bruno Frick (CVP) Der Einsiedler Anwalt und Notar kandidiert erneut für den Ständerat. Er gehört der kleinen Kammer seit 1991 an. Muotathal steht für die urige Seite des Kantons, Wollerau, Freienbach oder Pfäffikon für die neureiche. Foto: Beat Marti

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